Bis zum 19. Mai kann das „Latscher Nibelungenlied“ besichtigt werden.

Latscher Nibelungen-Handschrift ist eingetroffen

Publiziert in 6 / 2024 - Erschienen am 26. März 2024

Meran/Latsch - Vor rund 800 Jahren entstand aus mündlich überlieferten Sagen das bedeutendste literarische Epos des Mittelalters, das Nibelungenlied. Was professionelle Schreiber um 1300 akribisch auf Pergament niederschrieben, kann heute über einen QR-Code auf jedem Smartphone gelesen werde. Das gilt auch für Original-Handschrift des Nibelungenliedes, das der Tiroler Gymnasiallehrer, Heimatforscher und Marienberger Benediktiner Beda Weber (1798-1858) auf der Burg Obermontani in Morter gefunden und im Jahr 1833 über einen Mittelsmann an den Berliner Buchhändler Adolf Asher verkauft hat. Dieser wiederum trat den wertvollen Codex 1835 gegen 500 Taler an die Königliche Bibliothek Berlin ab. Die Handschrift, die vermutlich um 1300 angefertigt wurde, ist heute noch Berliner Besitz (Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz; Abteilung Handschriften und Historische Drucke; Signatur: Ms. germ. fol. 474) und kann derzeit bei Kunst Meran in der Meraner Lauben besichtigt werden. Wie Martina Oberprantacher, die Direktorin im Kunsthaus Meran, bei einer Pressebesichtigung am 22. März ausführte, war die Handschrift seit mindestens 25 Jahren nie mehr öffentlich gezeigt worden „und kommt nach unserer Ausstellung, die bis zum 19. Mai läuft, aus Gründen der fachgerechten Aufbewahrung wieder für 3 Jahre ins Depot.“ Das „Latscher Nibelungenlied“ ist das Herzstück der Ausstellung „NIBELUNGEN: die rückkehr“, eines Gemeinschaftsprojektes mit der Akademie Meran und dem Festival Sonora. Die auf Obermontani gefundene Handschrift steht im Mittelpunkt dieses interdisziplinären Projektes zwischen Kunst, Literatur und Musik. Der erste nachweisbare Besitzer der Handschrift war übrigens der Adlige und Büchersammler Antonius von Annenberg, der im 15. Jahrhundert auf dem Schloss Annenberg wohnte. Der Codex blieb Teil der Bibliothek bis zum Aussterben der Familie 1695 in Annenberg und ging dann in den Besitz der auf Obermontani ansässigen Grafen Mohr über. Graf Karl Mohr (1738-1809) studierte den Codex genau und versah ihn mit Anmerkungen und Kommentaren (Marginalien). Nach dem Tod des letzten Grafen Mohr (1833) kam Beda Weber ins Spiel. Die Handschrift umfasst 68 Blätter und ist in mittelhochdeutscher Sprache geschrieben. Auch kleine Tierfiguren - eine alle zwei Seiten - sind abgebildet. Durchblättern darf man den Codex, der von den Heldentaten Siegfrieds und dem Untergang der Burgunden erzählt, natürlich nicht. Die Handschrift befindet sich in einem abgesicherten Glaskubus. Vor ungünstigen Lichteinfällen wird sie ebenso geschützt, wie vor zu hohen Temperaturen. Außerdem darf der Ausstellungsraum nur von 4 Personen gleichzeitig betreten werden. Fotografieren mit Blitzlicht ist nicht erlaubt. Bei der offiziellen Eröffnung am 26. März war auch eine starke Delegation aus Latsch in Meran. Detail am Rande: Wäre es nicht schön, wenn die Handschrift nicht nach Berlin, sondern in seine alte Heimat Latsch zurückkehren könnte?

Josef Laner
Josef Laner

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