„Terra Culta“
Erstmals „Filmfestival der Landwirtschaft“ in Glurns.
Glurns - Landwirtschaft, Ernährung und nachhaltige Bodenbewirtschaftung sind Themen, die in den vergangenen Jahren verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt sind. „Was oft fehlt, ist der Raum für eine fundierte, aber zugleich zugängliche und inspirierende Auseinandersetzung mit diesen Fragen“, sind Moritz Gamper aus Meran (Musiker und Veranstaltungsmanager) und David Frank aus Matsch (Agronom, Produktmanager bei IDM und ebenfalls Musiker) überzeugt. Um diese Lücke zu schließen, haben sie das neue Veranstaltungsformat „Terra Culta - Filmfestival der Landwirtschaft“ ins Leben gerufen. Die erste Auflage fand vom 11. bis zum 13. September im Rahmen der heurigen Palabira Tage in der „Palabira-Stadt“ Glurns in Zusammenarbeit mit der Ferienregion Reschensee bzw. der Tourismusgenossenschaft Obervinschgau statt.
Landwirtschaft, Ernährung, Kultur
Ziel des Festivals, für das Moritz Gamper und David Frank die organisatorischen Fäden zogen und zudem die inhaltliche Gestaltung übernahmen, war es, Landwirtschaft, Ernährung, Kultur und gesellschaftlichen Dialog durch ausgewählte Filme, Gespräche und regionale Kulinarik miteinander zu verbinden. Zu den Filmen, die alle bei freiem Eintritt im Rathaus bzw. „Flurin Turm“ gezeigt wurden, gehörte der Dokumentarfilm „Das System Milch“ von Andreas Pichler aus dem Jahr 2017. Der Film, der europaweit aufhorchen ließ, zeigt, wie sich das Geschäft mit Milch mittlerweile zu einer milliardenschweren Industrie entwickelt hat. Von der idyllischen Milchviehwirtschaft ist kaum noch etwas übrig. Auch die Fragen, welche Verantwortung Politik und Konsumenten haben und welche Alternativen es zur hoch technisierten Milchindustrie gibt, werden aufgeworfen. Zu Wort kommt in der Doku u.a. auch Alexander Agethle, Betriebsleiter der Hofkäserei Englhorn in Schleis. Bei einem Podiumsgespräch im Anschluss an die Filmvorführung stellten sich Alexander Agethle, die Direktorin des Sennereiverbandes Südtirol, Annemarie Kaser, der Regisseur Andreas Pichler und Christian Peer, Milchviehbauer in Schlinig und Lehrer an der Fachschule Fürstenburg, den Fragen von David Frank. Laut Andreas Pichler könnte man neben der Milch an vielen weiteren Beispielen aufzeigen, wie die Lebensmittelproduktion in Europa mittlerweile funktioniert. Als eines der Beispiele nannte er die Geflügelproduktion.
„Ein Zwerg auf dem Weltmarkt“
Bestimmte Szenarien und Entwicklungen, wie sie im Film dargestellt werden, seien in Südtirol laut Annemarie Kaser zum Glück nicht anzutreffen: „Auf dem Weltmarkt ist und bleibt die Südtiroler Milchwirtschaft ein Zwerg. Wir können mit unseren kleinstrukturierten Betrieben, erschwerten Arbeitsbedingungen und hohen Produktionskosten nur mit der Qualität konkurrieren, nicht aber mit der Menge.“ Rund 70 Prozent der Betriebe seien auf Zu- und Nebenerwerb angewiesen. In Südtirol gelte für Produzenten schon seit 2001 die Pflicht, für die Herstellung von Südtiroler Milch und Milchprodukten ausschließlich gentechnikfreie Futtermittel zu verwenden. Außerdem profitiere in Südtirol auch der Tourismus von der Berglandwirtschaft. Auch Christian Peer unterstrich, dass Tourismus und Landwirtschaft zusammengehören: „Es ist ein Rad.“ Einfach hätten es die Milchviehbetriebe nicht: „Wir produzieren, ohne zu wissen, was am Ende herauskommt. Bisher ist genug geblieben, um weiterzumachen.“ Ein bestimmtes Maß an Unsicherheit sei immer gegeben.
Ein Schuss nach hinten?
Nichts abgewinnen kann Christian Peer dem IT-System ClassyFarm, einem vom italienischen Gesundheitsministerium eingeführten System zur Überwachung, Klassifizierung und Risikoeinstufung von landwirtschaftlichen Betrieben mit Tierhaltungen. Kontrolle sei grundsätzlich in Ordnung, „aber bei ClassyFarm geht der Schuss nach hinten los“, sagte Peer. Alexander Agethle ist fest davon überzeugt, mit der Hofkäserei Englhorn den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Der biologisch wirtschaftende Familienbetrieb setze darauf, unabhängig vom großen Markt und System die Produkte selbst herzustellen und zu vermarkten und die Tiere mit dem zu füttern, was vor Ort wächst. Agethle: „Es ist ein Weg für Spezialisten und kein Modell, das sich auf ein ganzes Tal oder eine Region umlegen lässt.“
„Zahl der Kleinbetriebe schrumpft“
Zu bedenken gab Agethle, dass auch in Südtirol bestimmte Tendenzen hin zu größeren Betrieben erkennbar seien: „Sorgen bereitet mir das zunehmende Schrumpfen von Kleinbetrieben.“ Bei größeren Betrieben kämen ökologische Aspekte nicht selten zu kurz. Obwohl der Preis für Biomilch hoch sei, nehme die Zahl der Bio-Betriebe nicht zu. Zur Frage aus dem Publikum, was er sich seitens der Politik wünsche, meinte Agethle: „Eine Aufwertung und Stärkung der Arbeit der Bio-Verbände und Maßnahmen bzw. Akzente, die den Stellenwert biologischer Lebensmittel bewusst machen und stärken.“ Laut Andreas Pichler sollte es auch in der Kommunikation und Bewerbung von Südtiroler Milchprodukten um Ehrlichkeit und Authentizität gehen: „Die Geschichten hinter den Botschaften und Werbeplakaten mit Kleinbetrieben müssen stimmen.“