Ansammlung von Flussholz in einer Aufweitung der Etsch – ein mittlerweile selten gewordenes Bild

 Holz und Laub sind kein Müll – sie gehören zum Fluss 

Fischereiverband Südtirol fordert ökologischen Umgang mit natürlichem Schwemmgut und Anpassung der gesetzlichen Rahmenbedingungen 

- In den vergangenen Tagen wurde von Alperia bekannt gegeben, dass an den Wasserfassungen und Stauanlagen der Südtiroler Wasserkraftwerke im vergangenen Jahr insgesamt rund 756 Tonnen angeschwemmtes Material zurückgehalten wurden. Dabei ist jedoch eine wichtige Unterscheidung notwendig: Lediglich rund 37 Tonnen bzw. fünf Prozent davon waren menschengemachter Müll wie Plastikflaschen, Reifen, Kanister oder andere Abfälle. Rund 95 Prozent bestanden hingegen aus Blättern, Ästen und Baumstämmen. 
Es ist richtig und wichtig, dass Plastik und andere menschengemachte Abfälle aus unseren Gewässern entfernt werden. Problematisch ist hingegen, dass aufgrund der derzeitigen gesetzlichen Rahmenbedingungen auch das zurückgehaltene natürliche Pflanzenmaterial de facto wie Abfall behandelt und entsorgt wird. Holz und Laub sind jedoch kein Müll, sondern natürliche und ökologisch wichtige Bestandteile unserer Fließgewässer. 

Flussholz schafft Lebensraum 
In einem natürlichen Fluss werden Äste, Baumstämme, Laub und anderes Pflanzenmaterial vom Wasser transportiert, umgelagert und an geeigneten Stellen wieder abgelagert. Dieses natürliche Material ist ein wichtiger Bestandteil des Gewässerökosystems und trägt wesentlich zur strukturellen und biologischen Vielfalt bei. 
Totholz verändert lokal die Strömungsverhältnisse, schafft Kolke und strömungsberuhigte Bereiche, hält Kies und anderes Geschiebe zurück und bietet Fischen wichtige Unterstände und Rückzugsräume. Gleichzeitig bilden Holz und Laub Lebensraum und Nahrungsgrundlage für zahlreiche wirbellose Organismen, die wiederum eine wesentliche Nahrungsquelle für Fische darstellen. Insbesondere in kleineren Bächen ist eingetragenes Laub ein wichtiger Bestandteil des natürlichen Stoffkreislaufs und eine Grundlage der aquatischen Nahrungskette. 
Die ökologische Bedeutung von Flussholz für Fließgewässer ist mittlerweile weltweit wissenschaftlich belegt und wird auch in Südtirol zunehmend berücksichtigt. Im Rahmen von Revitalisierungs- und Aufwertungsmaßnahmen wird Holz heute teilweise sogar gezielt in Gewässer eingebracht, um die Strukturvielfalt zu erhöhen, Lebensräume zu schaffen und damit den ökologischen Zustand der Gewässer zu verbessern (https://www.flussholz.it) 

Was dem Fluss entnommen wird, sollte ihm möglichst zurückgegeben werden 
Die notwendige Entfernung von Schwemmgut an technischen Anlagen sollte nicht automatisch bedeuten, dass dieses natürliche Material dauerhaft aus dem Gewässersystem entfernt werden muss. 
Aus ökologischer Sicht wäre vielmehr anzustreben, geeignetes organisches Material nach Möglichkeit unterhalb der jeweiligen Wasserfassung wieder dem Fluss zurückzugeben. Selbstverständlich muss dies unter Berücksichtigung der örtlichen Gegebenheiten und nur dort erfolgen, wo dadurch keine Gefährdung für Hochwasserschutz, Infrastrukturen oder Menschen entsteht. 
Es erscheint widersprüchlich, wenn auf der einen Seite mit öffentlichen Mitteln gesichertes Flussholz gezielt in Flüsse eingebracht wird, um deren Strukturvielfalt und ökologischen Zustand zu verbessern, während auf der anderen Seite große Mengen natürlich eingetragenen Holzes an Wasserkraftanlagen aus demselben Gewässersystem entfernt und entsorgt werden müssen. 
Eine Rückführung geeigneten organischen Materials würde dabei ökologische und gleichzeitig wirtschaftliche Vorteile mit sich bringen: Wertvolles natürliches Material könnte im Gewässersystem verbleiben und dort seine wichtigen ökologischen Funktionen erfüllen. Gleichzeitig könnten der Aufwand und die Kosten für Abtransport und Entsorgung reduziert werden. 

Gesetzliche Rahmenbedingungen müssen angepasst werden 
Genau hier sieht der Fischereiverband Südtirol Handlungsbedarf. Die derzeitigen gesetzlichen und verwaltungstechnischen Rahmenbedingungen sollten dahingehend überprüft und angepasst werden, dass natürliches Schwemmgut nicht pauschal wie zu entsorgender Abfall behandelt wird. 
Der Fischereiverband fordert deshalb eine entsprechende Anpassung der gesetzlichen Bestimmungen, damit natürliches Holz und anderes geeignetes organisches Material möglichst im Gewässersystem verbleiben beziehungsweise nach seiner Entnahme an technischen Anlagen wieder ökologisch sinnvoll in das Gewässer eingebracht werden kann. 
Dabei braucht es klare Regeln, die sowohl den Anforderungen des Hochwasserschutzes und der Anlagensicherheit als auch den ökologischen Bedürfnissen unserer Flüsse Rechnung tragen. 
„Ein Baumstamm, ein Ast oder Laub, das von einem Hochwasser mitgeführt wird, ist kein Müll, sondern Teil eines natürlichen Flusssystems. Wenn wir unsere Gewässer ökologisch verbessern wollen, müssen wir deshalb auch dafür sorgen, dass natürliches Material möglichst im Fluss verbleiben kann.“ 
Die europäischen und landesweiten Gewässerschutzziele verlangen nicht nur sauberes Wasser, sondern ökologisch funktionsfähige Fließgewässer. Dazu gehören neben einer ausreichenden Wasserführung und einer naturnahen Gewässermorphologie auch jene natürlichen Prozesse und Strukturen, die einen Fluss überhaupt erst zu einem vielfältigen Lebensraum machen. 

Holz gehört dazu. 

Alex Festi Geschäftsführer Fischereiverband Südtirol 

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