„Wir wollen nicht nur sichtbar sein, wir wollen gehört werden“

Unter dem Motto „Starke Frauen – Starke Wurzeln“ rückte Landesbäuerin Antonia Egger beim Landesbäuerinnentag in Bozen die Bedeutung der Bäuerinnen für die Zukunft der heimischen Familienbetriebe in den Mittelpunkt.

- „Stärke entsteht dort, wo Verwurzelung trägt – und diese Verwurzelung ist es, die uns Bäuerinnen durch die Herausforderungen des Alltags begleitet“, betonte Landesbäuerin Egger. Die Verbindung zu Hof, Familie und Heimat wachse nicht über Nacht, sei jedoch die entscheidende Kraftquelle, um Verantwortung zu übernehmen, Betriebe weiterzuentwickeln und auch in schwierigen Zeiten standzuhalten. Die Landesbäuerin unterstrich in ihrer Rede die enorme Breite an Aufgaben, die Bäuerinnen heute tragen: vom Hof- und Familienmanagement über Direktvermarktung und Kulturpflege bis hin zu Gästebetreuung und Produktverarbeitung. Damit widerlege die moderne Bäuerin längst das alte Bild der „drei Ks – Küche, Kinder und Kirche“. Heute seien es vielmehr Kompetenz, Koordination, Kraft, Know-how, Kreativität, Kreislaufdenken und Krisensicherheit, die den bäuerlichen Alltag prägen.
Ein zentrales Anliegen ist die Sichtbarkeit dieser Leistungen. Viele Bereiche der täglichen Arbeit – von Pflege- über Erziehungs- bis zu Büroarbeit – erfahren weder entsprechende Wertschätzung noch finanzielle Anerkennung. Egger machte deutlich, dass echte Mitsprache, finanzielle Transparenz und faire Absicherung grundlegende Voraussetzungen für stabile Familienbetriebe seien.

Verwurzelung, Neubeginn, Vernetzen und weibliche Stärke

Die Landesbäuerin aus Bayern Christine Singer sprach in ihrer Rede wie wichtig es ist, dass Frauen die Höfe mitgestalten, jede ganz individuell. Jede Bäuerin müsse ihren eigenen Weg gehen. Jeder Hof stehe, wo er steht, und mit dem müsse man zurechtkommen. Man könne ihn nicht versetzen. so Christine Singer. „Wir müssen die Kraft spüren und erkennen: Da gehöre ich hin, und da muss ich gestalten und meine Wurzeln festigen.“ Singer sprach vom Jahreskreislauf, vom Neubeginn, von der Kraft der Natur. All dies prägt und gibt Orientierung und Halt. „Es braucht mutige Männer, die die Frauen auf ihren Wegen unterstützen“, so Singer. Und sie rief die Frauen auf sich besser zu vernetzen. „Um die Höfe in Zukunft zu erhalten, braucht es bei der Hofübergabe auch die Frauen!“

Bäuerin des Jahres Gertraud Heiss Rier

Zum 19. Mal konnte dank der Stiftung Südtiroler Sparkasse die Auszeichnung verliehen werden, der Wanderpokal ging an Gerti Heiss vom Gstraffhof in St. Valentin/Kastelruth. Der Präsident der Stiftung, Stefan Pan, würdigte in seiner Rede die Bäuerinnen als Wegweiserinnen unserer Zeit. „Die neue Bäuerin des Jahres zeigt mit beeindruckender Intensität und Weitblick, wie man mit tief empfundener Naturverbundenheit einen Hof gestalten und weiterentwickeln kann. Ihr persönlicher Weg ist ein starkes Zeichen dafür, wie wertvoll die Arbeit der Bäuerinnen ist.“

Witwenehrung – Kraft neu anzufangen

Ein sehr berührender Teil der gestrigen Versammlung ist die zur Tradition gewordene Witwenehrung. Stefan Pan, Präsident der Stiftung Südtiroler Sparkasse, überreichte den fünf Witwen eine Anerkennung. „Es gibt so viele Gründe, dankbar zu sein – und die Geschichten der Witwen führen uns das eindrucksvoll vor Augen. Ihre bewegenden Erfahrungen zeigen, dass Frauen selbst nach schweren Schicksalsschlägen die Kraft finden können, neu anzufangen. Das berührt und inspiriert zugleich.“ Zu den geehrten Witwen zählen: Gisella Stockner Wwe. Messner vom Putzerhof in Teis/Villnös, Helga Pernthaler Wwe. Mair, Tschiffnar in Latzfons, Marianna Unterkofler Zöggeler Wwe. Reiterer vom Eggerhof in Vöran. Hildegard Zerzer Wwe. Frank aus Schluderns und Anna Rieder Wwe. Pichler, Untertschatsch in Steinegg.

Wurzeln, Mut und Glaubenskraft: Impulse von Karin Mitterer

Der Landesbäuerinnentag begann mit einem Wortgottesdienst, den Karin Mitterer gestaltete. Mit Nachdruck erinnerte sie daran: „Es braucht den Mut, Klartext mit Gott zu sprechen.“ Auf den Höfen, so Mitterer, begegnen sich täglich die Kräfte der Elemente, die Herausforderungen der Zeit und die Widrigkeiten des Lebens. Gerade deshalb stehen die Frauen immer wieder vor Aufgaben, die ihnen viel abverlangen – und die sie dennoch bewältigen können, im Vertrauen darauf, dass Gott ihnen Wurzeln schenkt, aus denen Glaube und Leben wachsen.

Grußworte

Landesrat Luis Walcher hob die Wichtigkeit des Austausches hervor. „Die Rahmenbedingungen werden nicht im stillen Kämmerchen gemacht, die Bäuerinnen sind wesentlich für die Zukunft und müssen mitreden.“ Kammerabgeordnete Renate Gebhard bedauerte: „In der Politik geht leider vieles nicht so schnell, wie ein Samen im Garten!“ und verwies ihre Forderung im Bereich der Anerkennung der Erziehungsjahre für die Rente: „Wir brauchen Mehrheiten“. EU-Parlamentarier Herbert Dorfmann informierte über die Diskussionen auf EU-Ebene: vom Pflanzenschutz- und Saatgutrecht bis hin zur Biodiversität: „Wachst wie die Wurzeln tief in die Gesellschaft hinein und gestaltet mit.“ Und der Obmann des Südtiroler Bauernbundes Daniel Gasser betonte wie wichtig die Präsenz der Bäuerinnen in den Vorständen und Verwaltungsgremien ist.

Internationales Jahr der Bäuerin 2026

Besondere Bedeutung misst der Landesbäuerinnentag dem Internationalen Jahr der Bäuerinnen 2026 bei, das von den Vereinten Nationen ausgerufen wurde. Es soll die Rolle der Frauen in Agrar- und Ernährungssystemen weltweit ins Bewusstsein rücken und ihre oft unsichtbare Arbeit ins Licht stellen. „2026 wird ein Jahr der Wertschätzung – aber auch des Aufbruchs. Wir wollen nicht nur sichtbar sein, wir wollen gehört werden“, richtete Landesbäuerin Egger ihren Appell an die anwesenden Ehrengäste. Die Musikgruppe „Mir Stimmen“ umrahmte den Landesbäuerinnentag musikalisch.

Südtiroler Bäuerinnenorganisation

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