Der Georg und der Elmar
Der erste Georg-Paulmichl-Preis geht an Elmar Rufinatscha.
Prad - „Es darf nicht bei diesem feierlichen Moment bleiben. Mein Ziel war es, etwas Nachhaltiges zu schaffen. Etwas, das über die Bühne hinauswirkt.“ So beschrieb Sophie Wastian aus Lichtenberg, Sozialbetreuerin und Maturantin an der Landesfachschule für Sozialberufe „Hannah Arendt“ in Bozen, die Gedanken hinter ihrem Projekt „Georg-Paulmichl-Preis“. Zum ersten Mal verliehen wurde der Preis am 28. Februar im voll besetzten Raiffeisensaal im „aquaprad“ in Prad an Elmar Rufinatscha aus Taufers im Münstertal. Wie Sophie Wastian weiter ausführte, hätten sie die Texte und Werke von Georg Paulmichl von Anfang an tief berührt und inspiriert: „In seinen Werken verbinden sich Tiefe, feiner Humor und ein besonderer Blick auf die Welt. Ein Blick, der uns innehalten und Dinge erkennen lässt, die im Alltag oft übersehen werden.“ Entstanden sei die Idee zum Projekt auch aus vielen Begegnungen und Erfahrungen.
Elmars Blick auf die Dinge
Der Maler und Schriftsteller Georg Paulmichl, dessen Arbeiten in Österreich, Deutschland und in der Schweiz mit vielen Auszeichnungen gewürdigt wurden, ist am 18. März 2020 gestorben. Er besuchte die Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Prad. 2007 hatte ihm seine Heimatgemeinde Prad die Ehrenbürgerschaft verliehen. Sein künstlerischer Nachlass wird im Forschungsinstitut Brenner-Archiv der Universität Innsbruck aufbewahrt. Dass Elmar Rufinatscha der erste Preisträger sein soll, darin waren sich laut Sophie Wastian alle Fachleute aus dem Kreis von Elmar und aus jenem rund um Georg Paulmichl schnell einig. Im Vinschgau und darüber hinaus bekannt wurde Elmar Rufinatscha mit den 50 Glossen, die seit dem Sommer 2021 im der Vinschger unter der Rubrik „Elmars Blick auf die Dinge“ erschienen sind. „Das Verlangen von Elmar, öffentlich wahrgenommen zu werden, war in ihm stark ausgeprägt“, sagte Dietmar Raffeiner, der ehemalige Betreuer von Elmar in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Prad. Zwischen ihm und Elmar sei ein „schreibender Begegnungsprozess“ entstanden, der sich auf über 2 Jahre erstreckte: „Elmar sprach – und ich, als sein Gegenüber, schrieb mit.“ Seine Aufgabe sei es gewesen, die mündlichen Aussagen und Gedanken von Elmar mitzuschreiben und sie in ihrer Ganzheit und Direktheit festzuhalten. Auch den Wunsch, berühmt zu werden, hat Elmar mehrfacht geäußert. Wie er in einer Glosse schrieb, seien jene Menschen berühmt, die aus dem Fernseher herausschauen und nicht die, die hineinschauen. Am 1. März schaute Elmar aus dem Fernsehen (RAI Südtirol) heraus.
„Derweil fahlts groub“
„Mit der Entscheidung, Elmar Rufinatscha den ersten Georg-Paulmichl-Preis zu verleihen, wurde eine sehr gute Wahl getroffen“, sagte Professor Toni Bernhart in seiner Laudatio. „Inhalt und Sinn lässt Rufinatscha aus Reihung entstehen, indem Gegebenes und Gesehenes mit Beobachtetem und Erwogenem in einen zeitlichen Zusammenhang gebracht werden. Aus der zeitlichen Reihung entsteht beim Lesen der Eindruck eines ursächlichen Zusammenhangs, was den Texten ihre spezifische Qualität verleiht.“ Die Texte seien kurz: „Die Kürze mag Zufall sein, unterstreicht jedoch ihre Wirkung. Meist ist ein Begriff, der eine Sache, ein Tier, ein Mensch, ein Ereignis, eine Tätigkeit oder ein Zustand sein kann, Ausgangspunkt und Anlass. Aussagen, die damit in Zusammenhang stehen, legen die Basis und grundieren das Vertraute, das gelegentlich durchbrochen wird. Daraus ergeben sich überraschende Momente wie beispielsweise im Text ‚Taufe‘: ‚Wenn ma kloan isch, versteaht ma it viel. Wenn ma groaß isch ober nou weniger.‘“ In einer anderen Glosse schreibt Elmar: „Es gib normal, obnormal und dia mit Down Syndrom. Manche moanen sie sein normal, derweil fahlts groub.“ Literatur ist laut Bernhart immer auch ein Gesprächs- und Diskussionsangebot: „Dieses bietet uns der Autor, indem seine Texte nun auch in Buchform versammelt vorliegen.“
„Kunst ist Kunst“
„Unser Ehrenbürger Georg Paulmichl und auch Elmar haben unsere Gemeinde auf besondere Weise geprägt“, sagte Bürgermeister Rafael Alber. Das kreative Schaffen von Georg Paulmichl und von Elmar Rufinatscha zeige, „dass alle Menschen einzigartig sind.“ Groß war auch die Freude bei Landesrat Philipp Achammer: „Die Kunst von Menschen mit Behinderung ist nicht geringer oder anders. Sie ist Kunst.“ Die Texte von Elmar Rufinatscha seien Ausdruck einer intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung und der Welt. Elmar bringe eine Perspektive ein, „welche die literarische Landschaft unseres Landes erweitert und bereichert.“ Die Texte von Elmar „halten unserer Gesellschaft ungezwungen den Spiegel vor und entfalten ihre Wirkung oft erst im Nachhinein, indem sie zum Reflektieren und Auseinandersetzen anregen.“ Auch das Werk von Georg Paulmichl würdigte Achammer und erinnerte an dessen Bruder Richard, der am 15. Dezember 2025 im Alter von 64 Jahren gestorben ist. Richard habe zu seinem Bruder gesagt: „Georg, du hast so viel zu geben, wenn man dich nur lässt.“
Vielen wirkten und halfen mit
Neben dem Preis – eine von Josef Mayr aus Laas gestaltete Medaille aus Marmor – konnte Elmar Rufinatscha auch ein Bild und ein Buch von Georg Paulmichl in Empfang nehmen. Mit dem Preis verbunden ist eine zweijährige Unterstützung von Elmar in seinem künstlerischen Schaffen. Es sollen gemeinsam mit Elmar künstlerische Projekte angestoßen und mit Projektpartnern umgesetzt werden. Im Büchlein mit den gesammelten „Blicken auf die Dinge“, herausgegeben von der Bürger*Genossenschaft Obervinschgau, welche die Trägerschaft für den Georg-Paulmichl-Preis übernommen hat, sind auch Bilder von Elmar abgedruckt. Die Liste der Menschen bzw. Organisationen, die bei der ersten Ausgabe des Georg-Paulmichl-Preises im Vorfeld und bei der offiziellen Verleihung mitgewirkt und mitgeholfen haben, ist lang. Finanzielle Unterstützung kam vom Land, der Marktgemeinde Prad und der Raiffeisenkasse Prad-Taufers. Besonders bedankt hat sich Sophie Wastian beim Preisträger, bei den Angehörigen von Georg Paulmichl und Elmar Rufinatscha, bei der Bürger*Genossenschaft Obervinschgau, bei Toni Bernhart und Dietmar Raffeiner, der Werkstatt für Menschen mit Behinderung (Saaldekoration), bei den Gemeindeausschussmitgliedern Michaela Platzer, Peter Pfeifer und Matthias Hofer, bei Maria Raffeiner für das Vortragen von Texten von Paulmichl und Rufinatscha, bei Adina Guarnieri für die gekonnte Moderation der Feierstunde, beim Künstlerbund, der Lebenshilfe, bei Katrin Gruber (grafische Gestaltung),dem Forschungsinstitut Brenner-Archiv, dem der Vinschger für die wertvolle Begleitung sowie allen weiteren Beteiligten. Der Georg-Paulmichl-Preis soll in Zukunft alle zwei Jahre vom Land und der Gemeinde vergeben werden. Musikalisch umrahmt hat die Preisverleihung die Böhmische der Musikkapelle Prad. Ganz in seinem Element fühlte sich Elmar, ein eingefleischter Fan der „Prodr Musi“, als er die Böhmische selbst dirigieren durfte.
„Glück gehabt“
„Ich habe Glück gehabt, dass es mich gibt“ lautet ein Zitat von Georg Paulmichl. Abgewandelt auf Elmar dürfen wir wohl sagen: „Wir haben Glück gehabt, dass es den Elmar gibt.“