Mit dem Projekt „Stilfs - Die Resilienz erzählen“ soll das Haufendorf Stilfs wirtschaftlich, sozial und kulturell aufgewertet werden.
Roland Angerer, Armin Angerer und Franz Heinisch (v.l.) bei der Pressekonferenz im Rathaus.

„Darauf wartet Stilfs schon seit 40 Jahren“

Gemeinde bewirbt sich um 20 Millionen Euro aus dem PNRR-Topf des Kulturministeriums. Maßnahmenpaket für Aufwertung des Haufendorfes.

Publiziert in 4 / 2022 - Erschienen am 1. März 2022

Stilfs - Neben Graun (siehe Seite 17) und anderen Gemeinden Südtirols bewirbt sich auch die Gemeinde Stilfs um den Erhalt von 20 Millionen Euro aus dem gesamtstaatlichen Wiederaufbaufonds (PNRR). „Wir sind überzeugt, mit unserem Projekt die Kriterien gut zu erfüllen und beste Voraussetzungen zu haben, in der Genuss dieser Geldmittel zu kommen“, stimmten Bürgermeister Franz Heinisch, Vizebürgermeister Armin Angerer sowie Roland Angerer, Gemeinderatsmitglied und „Kulturgewissen“ von Stilfs, am 21. Februar auf einer Pressekonferenz im Rathaus überein. Der Projektvorschlag wurde termingerecht am selben Tag nach Bozen übermittelt. Das Projekt wird nun zusammen mit allen anderen Projekten von einer 6-köpfigen Kommission bewertet. Die Kommission wird der Landesregierung jenes Projekt vorschlagen, das dann bis Mitte März dem Kulturministerium zur endgültigen Entscheidung übermittelt wird. Mit rund 20 Mio. Euro gefördert wird nur je ein Projekt pro Region bzw. autonome Provinz.

„Es fehlte bisher immer das Geld“

Seit Mitte Jänner war am Projektvorschlag „Stilfs - Die Resilienz erzählen“ („Stelvio – Raccontare la resilienza“) intensiv gearbeitet worden. Für das Sammeln der Maßnahmenvorschläge, die Koordination und das Aufsetzen des Textes konnte der Schludernser Armin Bernhard von der Fakultät für Bildungswissenschaften der Uni Bozen gewonnen werden. „Viele Ideen, Maßnahmen und Vorschläge für die Aufwertung und Neubelebung des Dorfes Stilfs liegen zum Teil schon seit vielen Jahren auf dem Tisch, konnten aber aufgrund fehlender Geldmittel nicht umgesetzt werden“, hieß es bei der Pressekonferenz unisono. „Stilfs hat seit 40 Jahren auf diese Gelegenheit gewartet“, sagte Roland Angerer. In den vergangenen 200 Jahren habe Stilfs immer wieder Höhen und Tiefen erlebt. Der Bergbau, der Bau der Stilfserjochstraße, der Tourismus und andere Entwicklungen hätten zu Aufschwüngen geführt, der große Dorfbrand von 1862, die Kriegs- und Nachkriegszeiten zu Niedergängen. Jetzt könnte es dank des PNRR-Projektes zu einem neuen „Auf“ kommen.

„Der Abwanderung entgegenwirken“

Laut dem Bürgermeister und Vizebürgermeister habe die Politik jetzt endlich die große Möglichkeit, der Abwanderung in den peripheren Gemeinden ohne Aufwand entgegenzuwirken. „Unser Projekt passt bestens zu den vorgegebenen Kriterien und Voraussetzungen“, so Armin Angerer. Es beinhalte Initiativen zur Steigerung der Lebens- und Wohnqualität, zur Arbeitsplatzbeschaffung für junge Menschen und zur Einbindung der Dorfgemeinschaft. Außerdem liege Stilfs in einem geschützten Gebiet (Nationalpark) und warte mit kulturellen und touristischen Anziehungspunkten auf. „Das uralte romanische Haufendorf ist eine in Südtirol einzigartige Siedlung“, heißt es im Projektvorschlag. Zwischen den urban verdichteten Häusern liegen schmale gepflasterte Gassen. Ca. 20 Wohneinheiten im Altdorf stehen leer und in rund 40 Wohneinheiten lebt 1 Person. In weiteren 40 Wohneinheiten leben 2 Personen und rund 20 Wohneinheiten sind Zweitwohnungen. In nur rund 10 Wohneinheiten leben Familien mit Kindern im Grundschulalter und von 70 Stadeln dienen 50 keinem landwirtschaftlichen Zweck mehr. Der Weiterbestand des letzten Lebensmittelladens ist laut Roland Angerer gefährdet. Er erinnerte daran, dass es vor 50 Jahren noch 3 Geschäfte im Dorf gab sowie je einen Metzger und Bäcker. Gasthäuser gab es 3, jetzt nur noch eines. Zurzeit leben rund 400 Menschen im Dorf, in früheren Zeiten waren es mehr als das Doppelte.

Ein ganzes Paket von Maßnahmen

Um die heutige Abwanderungsgefährdung und Strukturschwäche des Dorfes abzuwenden, wurde im Rahmen des Projektvorschlages ein ganzes Paket von Projekten, Initiativen und möglichen Maßnahmen geschnürt. Alle Vorschläge finden sich im Einklang mit der Strategie einer nachhaltigen und sanften Entwicklung des Dorfes, „die darauf abzielen, mit Hilfe dieser Ausrichtung die Wohnattraktivität des Dorfes zu erhöhen und zugleich die wirtschaftlichen Aktivitäten zu steigern und Arbeitsplätze für junge Menschen zu schaffen.“ Einer der Schwerpunkte ist die Sanierung bestehender Gebäude, Stichwort leistbares Wohnen. Zu weiteren Projekten gehören die Sanierung des Fachwerkhauses (Veranda), die Umsetzung bereits geplanter bzw. neuer Kulturinitiativen, die Nachnutzung des alten Rathauses, die Schaffung eines Erlebnisplatzes in „Karmatsch“ im Osten des Dorfes, forstbauliche Schutznahmen oberhalb des Dorfes, die eventuelle Errichtung eines sogenannten Streuhotels, die Aufarbeitung der kulturhistorischen Geschichte des Dorfes, die Einbettung des Ortes in das Konzept „Panoramastraße Stilfserjoch“ und weitere Initiativen. Auch eine Reihe von Vorhaben, die ansonsten mit gemeindeübergreifenden Mitteln finanziert werden müssten, werden aufgelistet: Mobilitätszentrum mit Bushaltestelle und Tiefgarage, Altenwohnungen, Beregnungsanlagen und Verlegung der Hochspannungsleitung. Die Gemeindevertreter gaben sich überzeugt davon, „mit unserem Projekt die objektiv besten Karten in der Hand zu haben, um die 20 Millionen zu erhalten.“ Franz Heinisch gab zu Bedenken, dass die Mittel im Haushalt eng bemessen sind: „Viel Geld ist zum Beispiel für die Seniorenstruktur in Prad zweckgebunden, an der wir beteiligt sind. Sollte unser Projekt durch den Rost fallen, werden viele Vorhaben für das Dorf Stilfs notgedrungen weiterhin warten müssen.“

Breite Unterstützung

Mitgetragen und offiziell unterstützt wird der Projektvorschlag der Gemeinde Stilfs vom Nationalpark, der Bürgergenossenschaft Obervinschgau, der Freien Universität Bozen, der Organisation „Slow Food“, dem Forstinspektorat Schlanders, der Ferienregion Ortlergebiet, von BASIS Vinschgau Venosta, der Genossenschaft für Weiterbildung und Regionalentwicklung, der Elektrizitätswerk Stilfs Genossenschaft, von Eurac Research, der Bauernjugend des Bezirks Vinschgau, dem Imkerbezirk und der Genossenschaft Raiffeisenkasse Prad-Taufers. Sollte das Projekt tatsächlich auserkoren werden, müssten die Maßnahmen bis 2026 umgesetzt werden. Falls es soweit kommt, „wird uns die Bezirksgemeinschaft behilflich sein, unter anderem mit Fachpersonal“, kündigte Franz Heinisch an.

Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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