Mut zum Reden
In der BASIS in Schlanders rückten der Film ‚(K)einen Ton sagen‘ und eine Podiumsdiskussion das Tabuthema sexualisierte Gewalt in den Mittelpunkt.
Schlanders - „Schweigen ist keine Lösung“, war der Tenor des Films „(K)einen Ton sagen“ und der anschließenden Podiumsdiskussion am Donnerstag, 21. August, im KASINO in der BASIS in Schlanders. Der Film von Georg Lembergh, dem Regisseur von „Das versunkene Dorf“, hatte im November des vergangenen Jahres Premiere gefeiert und wurde nun erstmals vor großer Kulisse im Vinschgau präsentiert – auch deshalb, weil eine Vinschgerin, Damaris Kosel aus Matsch, eine der Protagonistinnen im Film ist (wir berichteten darüber ausführlich in unserer Titelgeschichte Ende Juli, siehe der Vinschger 14/2025). Der Tiroler Filmemacher Georg Lembergh lässt in seinem Werk vier Betroffene von sexualisierter Gewalt sprechen und geht der Frage nach, wie es ihnen heute geht. Mit großem Mut schildern die Frauen aus Nord- und Südtirol das, was ihnen angetan wurde. Bei Damaris etwa war es 2018 zur schrecklichen Tat gekommen. Ein Bekannter der Familie kam am Abend vorbei, um eine Traktorschaufel zu holen. Ihr Lebenspartner war zu diesem Zeitpunkt noch auf der Alm. Unter Vorwänden betrat der Bekannte das Haus und versuchte Damaris zu vergewaltigen. Nur mit großer Mühe konnte sie sich wehren. „Ich habe das Glück, dass ich nicht daran zerbrochen bin“, so die 52-jährige gebürtige Schweizerin. Mit ihrem Mitwirken im Film wolle sie dazu beitragen, in der Gesellschaft etwas zu verändern. Über sexualisierte Gewalt werde nämlich immer noch kaum gesprochen.
Reden statt Schweigen
In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Damaris, Regisseur Lembergh und Moderatorin Johanna Brunner – der Amtsleiterin vom Amt für Ehe und Familie in der Diözese Bozen-Brixen – wurde unterstrichen, dass das Schweigen keine Option sei. „Besonders in Südtirol traf ich auf eine Mauer des Schweigens“, stellte Lembergh klar, dass es sich bei sexualisierter Gewalt – leider – nach wie vor noch um ein Tabuthema handle. Durch Aufrufe in Zeitungen und im Fernsehen habe der Regisseur Betroffene gesucht. Der Film sei ein großer Erfolg. „Dass heute so viele Menschen hier sind, das ist ein gutes Zeichen“, freute er sich. Es gebe jedoch eine unterschiedliche Aufarbeitung in Österreich und Südtirol. Österreich sei diesbezüglich weiter. „Ich dachte anfangs in Österreich und hier sei es ungefähr gleich. Ich war aber dann schockiert, wie sehr sexualisierte Gewalt in Südtirol noch ein Tabuthema ist. Vor allem dieses ‚Nicht-Wahrhaben-Wollen‘. Alle wissen, was passiert, niemand will drüber reden. Hier findet alles etwas zeitverzögert statt“, so der Filmemacher. Es gebe noch viel Nachholbedarf. Langsam tue sich aber etwas, wie auch an den Berichten über die Missbrauchsfälle in der Südtiroler Kirche sowie am neuen Gesetzesentwurf des Landes Südtirol zum Thema sexualisierte Gewalt ersichtlich sei. „Auch macht es mich zuversichtlich, dass so viele junge Menschen hier sind“, betonte Lembergh.
Politik in der Pflicht
Moderatorin Johanna Brunner unterstrich, wie wichtig es sei, dass auch die Politik tätig werde. Der neue Gesetzentwurf soll im Herbst diskutiert werden. Dieser sieht u. a. die Einrichtung einer unabhängigen und weisungsfreien Ombudsstelle vor. Auch ein Betroffenenbeirat soll eingerichtet werden, als Interessenvertretung jener, die sexualisierte Gewalt erlebt haben und sich somit als Wissende einbringen können. Damaris Kosel betonte, dass es wichtig sei, bereits bei kleinen Grenzverletzungen zu reagieren. Dies müsse Kindern früh beigebracht werden. „Kinder müssen wissen, wo die Grenzen sind, um reagieren zu können“, erklärte sie. Wortmeldungen aus dem Publikum griffen auf, dass es bedauerlich sei, dass nicht mehr Männer anwesend seien. Sexualisierte Gewalt gehe häufig von Männern aus, Sensibilisierung auch im Hinblick auf „kleinere Grenzverletzungen“ sei das Um und Auf. Zudem treffe sexueller Missbrauch auch oft Männer, insbesondere in der Kirche seien früher viele Buben davon betroffen gewesen, erinnerte Moderatorin Johanna Brunner und fügte hinzu: „Aber Männer reden kaum darüber, insbesondere nicht in Südtirol“. Im Rahmen der Diskussion wies Brunner auch auf das im Raetia-Verlag erschienene Buch „Wir brechen das Schweigen“ hin. Acht Frauen und ein Mann, die im Film nicht zu Wort kamen, erzählen hier ihre Geschichten. In einfühlsam geführten Gesprächen lässt Psychotherapeutin Veronika Oberbichler die Betroffenen über ihre persönlichen Erfahrungen und Phasen der Aufarbeitung sprechen. Ihren Schmerz und ihre Befreiung bringen diese in Schwarzweißbildern von Georg Lembergh zum Ausdruck.
Anzeige erstatten
Generell sei es wichtig, über sexualisierte Gewalt zu sprechen, es dürfe kein Tabuthema mehr sein, waren sich Diskussionsteilnehmer/innen und Besucher/innen einig. Anlaufstellen gebe es. Ein wichtiger Schritt sei es, bei den Carabinieri Anzeige zu erstatten, um die rechtliche Aufarbeitung ins Rollen zu bringen und die Täter angemessen zu bestrafen.