Corona hat die Disco-Landschaft im Vinschgau ausgedünnt.
Michael Kneissl (links) und Tobias Stecher, die Geschäftsführer der Jugenddienste Mittelvinschgau bzw. Obervinschgau

Wo geht auf und wo bleibt zu?

Ausgedünnte Disco-Landschaft. Jugenddienste und Gemeindepolitik an einem Tisch

Publiziert in 2 / 2022 - Erschienen am 1. Februar 2022

Vinschgau - Hand in Hand mit dem Ausbruch der Pandemie ist das Nachtleben auch im Vinschgau so gut wie erloschen. Darunter leiden vor allem die Jugendlichen. Emotional zugespitzt hat sich die Situation, als der Ankauf des Disco-Areals „Fix“ seitens der Gemeinde Laas bekannt wurde. Seither wird immer häufiger von einem Disco-Sterben im Tal gesprochen. Dass die Themen Nachtleben und Discos wichtig sind und vielen Jugendlichen und auch Eltern unter den Nägeln brennen, zeigte sich bei einer Video-Konferenz, zu der kürzlich die Jugenddienste Mittelvinschgau und Obervinschgau eingeladen hatten. Fast alle Bürgermeister/innen und Jugendreferenten/innen des Tals waren zugeschaltet. Tobias Stecher und Michael Kneissl warteten einleitend mit den Ergebnissen einer Online-Umfrage zum Thema „Discos im Vinschgau“ auf.

Rund 2.400 Umfrage-Teilnehmer

„Mit rund 2.400 Rückmeldungen war diese Umfrage ein unerwartet großer Erfolg. Die starke Teilnahme bestätigt, dass das Thema ein brennendes Anliegen ist und dass Handlungsbedarf besteht, vor allem auch seitens der Politik“, stimmten die Geschäftsführer der Jugenddienste Tobias Stecher (Obervinschgau) und Michael Kneissl (Mittelvinschgau) in einem Gespräch mit dem der Vinschger überein. Beim Großteil der Umfrage-Teilnehmenden handelte es sich um Jugendliche. 81% der Befragten halten eine Disco im Vinschgau für sehr wichtig und für knapp 60% sind unterschiedliche Discos im Tal sehr wichtig. Rund drei Viertel wären bereit, bis zu 25 Kilometer zu fahren, um zu einer Disco zu gelangen. Das entspricht in etwa Strecken von Eyrs bis St. Valentin bzw. von Latsch bis Prad. In „normalen“ Zeiten kommen 42% mit Shuttle-Diensten zur Disco, 27% mit dem eigenen Auto oder im Auto von Freunden, 17% mit dem Nightliner, 10% mit den Eltern und 4% übernachten auswärts.

Viele wäre zur Mithilfe bereit

Interessant sind sie Antworten auf die Frage „Kannst du dir vorstellen, als Mitglied eine Disco mitzuorganisieren?“ 415 Teilnehmer klickten auf die Antwort „Ja sicher!“, 861 auf „Nein, so ein Blödsinn!“ und 1.049 auf „Wäre auszuprobieren.“ Groß ist laut der Umfrage die Bereitschaft, in verschiedenen Bereichen einer Disco freiwillig mitzuhelfen. 303 wären bereit, mit den Händen beim Aufbau mitzuhelfen, 514 mit dem Kopf in der Organisation, 120 am DJ-Pult, 85 als Shuttle-Fahrer, 65 als Reinigungskräfte, 378 als Barkeeper, 113 als freundliche Tür-Steher usw. Erstaunlich ist laut Stecher und Kneissl auch die Tatsache, dass 379 Jugendliche ihre Handynummern geschickt haben, weil sie am Laufenden darüber gehalten werden wollen, wie es mit den Discos im Vinschgau weitergeht.

Von „Enzo“ und „Ladum“ bis „Hölle“

Was die derzeitige Disco-Landschaft im Vinschgau betrifft, so ist eine Ausdünnung festzustellen. Gezeigt haben das laut den Geschäftsführern der Jugenddienste auch die Stellungnahmen der über 20 zugeschalteten Bürgermeister/innen und Jugendreferent/innen. Die Disco „Enzo“ in St. Valentin a.d.H. will ihre Tore wieder öffnen, sobald die Corona-Bestimmungen einen Vollbetrieb zulassen. Ebenfalls wieder öffnen möchte die „Hölle“ in Schlanders, wobei der Betreiber jetzt schon einen zu großen Zustrom befürchtet. Dies vor allem deshalb, weil die Disco „Fix“ in Laas, die im Juni 2023 Eigentum der Gemeinde wird, ab diesem Zeitpunkt nicht mehr als Disco funktionieren dürfte. Bis dahin soll sie aber - sofern es Corona zulässt - weiterhin als Disco geführt werden. Zumal sich die „Hölle“ ohnehin schon in einem Wohngebiet befindet, könnte sich die Situation für die Anrainer infolge von Lärmbelästigungen vor der Disco weiter verschlimmern. Die Disco „Ladum“ in Prad will ihre Tore ebenfalls wieder öffnen. Angeblich wären Sanierungsarbeiten durchzuführen. Der „Apres Club Sulden“ wird - sobald es Corona zulässt - wieder öffnen und soll dann verpachtet werden. Eine Wiederbelebung längst geschlossener Discos im Vinschgau, man denke etwa an die ehemalige Disco „Treindler“ mitten im Wohngebiet in Latsch, scheint aussichtlos zu sein. Erfolglos blieb u.a. auch der Versuch, den „Schnalserhof“ als Disco neu zu beleben.

Doch noch Chance für „Fix“?

Wie der Schlanderser Bürgermeister und Bezirkspräsident Dieter Pinggera nach der Video-Konferenz bestätigte, sei seitens der Laaser Bürgermeisterin zugesagt worden, dass die Disco „Fix“ bis zum Sommer 2023 in Betrieb bleiben kann und dass „nichts kategorisch ausgeschlossen wird.“ Das interpretiere er so, „dass unter Umständen Beides unter einen Hut gebracht werde könnte, also einerseits die Disco und andererseits der Wertstoff- und Bauhof.“ Der Standort in Laas sei gut, „perfekt ist keiner.“ Übereinstimmung hätte es bei der Video-Konferenz darin gegeben, „dass wir es mit einem wichtigen Thema zu tun haben, das viele Jugendliche, aber auch besorgte Eltern immer wieder an uns Verwalter herantragen.“ Mehrfach zu Bedenken gegeben wurde der Umstand, dass dem Bezirk bzw. den Gemeinden in mehrerlei Hinsicht die Hände gebunden seien. Man könne zwar unterstützend mitwirken und für möglichst gute Rahmenbedingungen sorgen, aber nicht als Discobetreiber auf den Plan treten oder gar eine Disco bauen, denn das obliege der Privatwirtschaft. Außerdem bestehe die Hoffnung, dass sich die Situation nach Corona von selbst wieder zum Besseren einpendeln dürfte. Pinggera sicherte den Geschäftsführern der Jugenddienste zu, dass der Bezirk bzw. die Gemeinden bei diesem Thema am Ball bleiben wollen. Keinen Hehl machte er daraus, dass kurzfristige Lösungen schwierig sind.

Alternativen zu klassischer Disco?

Angeregt wurde bei der Aussprache auch die Schaffung von Alternativen zu klassischen Discobetrieben. Mehrfach genannt wurde in diesem Zusammenhang die BASIS in Schlanders, die sich mit ihren diversen Angeboten und Events, vor allem im Veranstaltungsraum KASINO, zu einem beliebten Alternativtreffpunkt für viele Jugendliche entwickelt habe. Laut Hannes Götsch von der BASIS habe die pandemiebedingte Schließung von Discos gezeigt, welchen Stellenwert das Nachtleben und die Nachtkultur haben. Vor der Pandemie sei das seitens der Politik nicht so erkannt worden wie jetzt. Man sei dem Nachtleben eher skeptisch gegenübergestanden. Laut Hannes Götsch seien vermehrt analoge Begegnungsorte im Bereich der Jugendkultur anzudenken, die über rein kommerzielle und konsumorientierte Discobetriebe hinausreichen. Auch die von den Jugenddiensten angedachte Alternative geht in diese Richtung. Tobias Stecher: „Uns schwebt ein Jugendkulturzentrum vor, eine Plattform für Nachtleben.“ Man denke nicht an eine Disco im klassischen Sinn, „sondern an einen Ort, der die ganze Bandbreite der Jugendkultur umfasst“, ergänzt Michael Kneissl. Von der Politik erwarte man sich, dass sie sich auf 3 „Baustellen“ ins Zeug legt: Standortsuche für eine Struktur, Abklärung der Trägerschaft (privat oder als Netzwerk, auf Genossenschafts- oder Vereinsbasis) sowie Lösung der Mobilitätsprobleme. Was die Shuttledienste betrifft, so sei es schon vor der Pandemie zu teils argen Problemen gekommen. „Nicht selten wurden die Jugendlichen zwar zu den Discos hingebracht, aber nicht mehr abgeholt“, erinnert sich Tobias Stecher. 

„Nightliner-Dienst ausdehnen“

Der Wunsch, den Nightliner-Dienst auch auf die Freitage auszudehnen, sei bei der Aussprache mehrfach geäußert worden. Wie es derzeit aussieht, will das Land den Nightliner-Dienst Anfang April nach zwei Jahren Stillstand wieder aktivieren, allerdings nur für die Samstage. Bei den Hauptlinien zahlt das Land 70% und die Gemeinden 30%, bei den Seitenlinien berappen Land und Gemeinden jeweils die Hälfte. Eine Ausdehnung auf die Freitage müssten die Gemeinden selbst organisieren und bezahlen. Froh sind die Geschäftsführer der Jugenddienste, „dass der Bezirk bzw. die Gemeinden den politischen Auftrag annehmen, denn ohne ansprechende Angebote verlieren wir die Jugend.“ Dass Vinschger Jugendliche für einen Disco-Besuch nach Lana fahren oder noch weitere Strecken in Kauf nehmen, ist bekannt. Wie Felix Taschler, der Betreiber des Clubs „Max“ in Brixen und Vorsitzende der Fachgruppe der Diskotheken im HGV, bei der Video-Konferenz bestätigt habe, seien in Brixen nicht selten Jugendliche aus dem Vinschgau anzutreffen, die dann nach dem Discobesuch auch dort übernachten.

Thema Rentabilität

Tatsache ist, dass es vor allem die Betreiber kleinerer Discos schon vor der Pandemie in Sachen Rentabilität nicht leicht hatten. Mit dazu beigetragen haben die Vorgaben in Sachen Öffnungszeiten und der Umstand, dass die Besucher oft erst nach Mitternacht, gegen 1 Uhr oder noch später eintrudeln. Ebenfalls Tatsache ist, dass abgesehen vom Disco-Problem auch nicht wenige Bars und Restaurants im Vinschgau dem Corona-Virus zum Opfer gefallen sind bzw. noch fallen könnten. Die Gastronomie hat infolge der Pandemie einen besonders schweren Stand.

Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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