Das 4. Bild von links steht im Gemäldezyklus an der Plauser Friedhofsmauer für die Bezeichnung Totentanz.
Heinrich Kainz zeigte die ablaufende Zeit für den Gitarrenspieler im Weinkeller.
Die Restauratorin Lucia Giacomozzi am Werk vor Ort.
Die Bilder auf Betonplatten wurden nach Bozen gebracht.
Vinschger Geschichte mit „Lottr, Paur unt Geistlichkeit Kuanr woass di Schtund, di Zait“
Der Künstler Luis Stefan Stecher auf seiner Harley-Davidson „A Pfurrer lai isch inzre Zait…“

Das erneuerte „Vinschger Welttheater“

Der „Totentanz“ als identitätsstiftender Mittelpunkt von Plaus wurde saniert und restauriert. 

Publiziert in 41 / 2020 - Erschienen am 26. November 2020

Plaus - Der Künstler selbst hat den Plauser Totentanz ein „kleines Vinschger Welttheater“ genannt. Nicht aus Einbildung, sondern weil der Begriff „Theatrum Mundi“ das Leben als vorüberziehendes Schauspiel bezeichnet. Tatsächlich hat der aus Laas stammende Maler-Poet Luis Stefan Stecher in 18 Bildern an der Friedhofsmauer von St. Ulrich nicht nur das Leben dargestellt, sondern zum Teil humorvoll hingewiesen, dass es jederzeit enden kann. Jedem, König, Bauern, Bischof und Bettelmann stellte der Künstler mindestens einen Knochenmann zur Seite. „Es war ein Spruch des Künstlers: Der Tod ist die einzige sozial gerechte Maßnahme“, erinnerte sich Heinrich Kainz, der Kenner und eigentliche Anreger des Totentanzes. Man traf sich am Plauser Hauptplatz, an einem frostigen November-Vormittag, und wusste nicht recht wohin. Corona hatte alles dichtgemacht. Schließlich bot sich die Wallfahrtskirche zur Hl. Monika an. Die Kirchenstuhlreihen ermöglichten den nötigen Abstand. 

Dem Latscher folgte der Laaser Maler

Heinrich Kainz überraschte einen Nicht-Plauser mit dem Hinweis auf einen älteren Totentanz. „1994 hat uns das Landesdenkmalamt erklärt, dass der Totentanz aus den 1920er-Jahren nicht mehr zu retten sei.“ Das habe ihm zu schaffen gemacht. Kainz war damals Pfarrgemeinderatspräsident und wollte sich nicht abfinden, das besondere und einzigartige Kunstwerk ersatzlos für Plaus aufzugeben. Als Auftraggeber des ersten Totentanzes nannte er Pfarrer Friedrich Florineth (1906 bis 1932). Ausgeführt habe die Arbeit in damals nur sechs Nischen der Latscher Maler Gottfried Gamper, genannt „Tuifele Maler“. Peppi Wielander aus Schlanders habe vergebens versucht, einige Bilder zu retten. Aufnahmen vom früheren Totentanz gäbe es keine. „Wir hätten eine Idee, einen Totentanz anzubringen, hab ich dem Durnwalder geschrieben, aber wir haben kein Geld.“ Nach zwei Tagen sei die Antwort gekommen: „Guet, das Geld hon i.“ Die Gemeinde habe in jener Zeit kaum Mittel gehabt, aber Südtirols jüngster Bürgermeister Arnold Schuler sei mit Eifer dabei gewesen. Man habe dann mehrere Künstler kontaktiert. Luis Stefan Stecher habe sich Bedenkzeit erbeten und dann mit einem Vorschlag überrascht, meinte Kainz. Aus 36 Sprüchen sollte man 18 auswählen und danach werde er ein Motiv malen. Dieser Auswahlvorgang ging über mehrere Jahre. Mit den besten Farben habe der Künstler auf die gegossenen Betonplatten gemalt. Zuerst waren 12 Bilder vorgesehen, dann wurden sechs weitere dazu bestellt, um die gesamte Friedhofsmauer einzubeziehen. Am 13. Mai 2001 wurde der Totentanz im Plauser Dorfzentrum der Öffentlichkeit übergeben.

Gewaltiger Aufwand

„Leider haben wir nicht mit den austretenden Salzen im Beton gerechnet. Sie zersetzten die Farbschichten. Recht bald mussten Ausbesserungsarbeiten vorgenommen werden. Natürlich kam im Gemeinderat Unmut auf über dieses „Fass ohne Boden“, erinnerte sich Kainz. Schließlich sei man übereingekommen, die Bilder in einen Blechrahmen einzufassen, um sie wenigstens vor der Feuchtigkeit aus dem dahinter liegenden Friedhof zu schützen. Mit einer speziellen Lösung entsalzte die Restauratorin Lucia Giacomozzi die Bilderträger bei gleichmäßiger Temperatur in ihrer Werkstatt – während der ersten Corona-Phase im Frühjahr 2020. Luis Stefan Stecher habe sich gefreut, erzählte Kainz, dass man seinen Bildern ein Ende wie dem ersten Totentanz erspart hatte. „Der Aufwand für die Sanierung war gewaltig“, erzählte Kainz. „Die Gesamtkosten betragen 62.707 Euro. Durch viele Gönner und Unterstützer, auch aus dem Ausland, konnten wir einen Betrag von 45.000 Euro aufbringen.“ Kainz möchte eine Dankestafel mit den Namen der Betriebe und Institutionen an der Friedhofsmauer anbringen. Pfarrer Josef Schwienbacher und die Pfarrverwaltung hoffen auf weitere Unterstützung der Restaurierung dieses einmaligen Kunstwerkes. 

Die Bedeutung steckt im Detail

Um sein Lieblingsbild und Stechers Darstellung mit dem aktuellsten Bezug zu zeigen und zu erklären, führte der langjährige Kulturreferent und Plauser Vizebürgermeister Heinrich Kainz durchs Welttheater. „Nur wer die vielen kleinen Details sieht und interpretieren kann, versteht den tieferen Sinn“, meinte er und blieb bei der Bildszene stehen mit dem Spruch im Vinschger Dialekt: „Dess isch die Wohrat woll zalescht – miar sein lei Gescht wia olle Gescht“. Einem bärtigen, auf dem Weinfass sitzenden Gitarrenspieler leert der Tod sein Weinglas aus und legt ihm kumpelhaft den Knochenarm auf die Schulter. Ein zweiter Sensenmann mit Lorbeerkranz spielt auf seiner Knochengeige. Die Gesellschaft sitzt in einem Keller und ist aus einer dunkelhäutigen Frau, einem Afrikaner, einem älteren Mann und dem Gastgeberpaar zusammengesetzt. Luis Stefan Stecher dürfte nicht nur den Tourismus in Plaus gemeint haben“, merkte Kainz an. „Er hat schon 2001 die Frage der Immigration thematisiert.“ Es sei Zeit zu gehen, soll die deutlich sichtbare Armbanduhr am Handgelenk des Gitarren-Spielers ausdrücken. Sein Lieblingsbild aber und eine besonders wertvolle Darstellung für den Vinschgau sah Kainz im Bild mit Knochenmann, Stundenglas, einem alten Mann mit weißem Bart, Brille, Hut und grünem Regenschirm, einem bärtigen Mann mit blauer Schürze und Steigleiter (Luan), rechts ein Bischof dazu der Zweizeiler „Lottr, Paur unt Gaistlichkeit – Kuanr woass di Schtund, di Zait“. „Das war und ist Vinschger, aber auch Südtiroler Geschichte“, merkte Kainz an. Im Bild erkennbar seien der aus Tarsch stammende „Kunstmaler“ Alois Kuperion, als Obstbauer der ehemalige Plauser Bürgermeister Arnold Schuler und der damalige Bischof Wilhelm Egger. Heinrich Kainz war in seinem Element und beendete seine Führung mit dem berühmten, zweiten Bild im Totentanz, mit dem schwer übersetzbaren „A Pfurrer lai isch inzre Zait – woll woltalong di Eewigkait“, mit der Anspielung an die Raser auf der einst unfallträchtigen „Plauser Geraden“ und mit dem Künstler Luis Stefan Stecher selbst auf seiner Harley-Davidson.

Günther Schöpf
Günther Schöpf

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