Pater Theodosius Caratsch und Messner Florian Jennewein nach der Segnung der Unimog beim Angerguter.

Einmal universalmotorisiert, immer universalmotorisiert

Publiziert in 33 / 2010 - Erschienen am 22. September 2010
Kastelbell – Am letzten Tag gab ihnen Pater Theodosius Caratsch aus Müstair den kirchlichen Segen und erzählte aus dem Buch Tobias von der Bedeutung der Schutzengel. Den konnten die 18 Teilnehmer am 2. Südtiroler Unimog Treffen beim Angerguter im Kastelbeller Ortsteil Marein immer gut gebrauchen. Sie waren nämlich ohne Ausnahme süchtig nach diesem universalmotorisiertem Gerät, abgekürzt Unimog, und das alleskönnende, geländegängige Fahrzeug verleitet immer zu Abenteuer. Der Angerguter Theo Mitterer hielt es daher für angebracht, den Kapuzinerpater von der nahen Andreas-Kirche kommen zu lassen. Fast alle, die im Hof zusammen mit dem Gemeindebauhof Kastelbell-Tschars und der Feuerwehr Tarsch ihre geliebten Fahrzeuge segnen ließen, hatten mehrere Unimog-Exemplare zu Hause in Biberach, Ravensburg, Isny, Lindau, Neu-Ulm, in Aldein, Kastelbell und in Anghebeni bei Rovereto stehen. Wenn sie nur kurze Zeit ohne ihre geliebten Unimog sein müssen, treten sofort die typischen Entzugserscheinungen eines Süchtigen auf, mit Leere im Kopf, innerer Unruhe und so weiter. Nichts davon zu spüren war in Kastelbell. Josef Rasmer, der Rentner aus Senden bei Neu-Ulm, kam mit der Zahnbürste in der Hand zu seinem 421er und zeigte bereitwillig, wie er auf die ­Ladepritsche ein bequemes Bett, dazu Wasserbehälter und Kühltruhe montiert hatte. Gebhard Räth aus Annach-Bad Würzach am Bodensee hatte noch kleine Augen von der Weinverkostung mit Leo Forcher vom Weinbauverein, als er stolz von seinen 14 Unimogs auf der Hobby-Ranch zu Hause erzählte. Die meisten seien kaum mehr fahrtauglich, aber er werde sie schon wieder aufpäppeln. „Unimog Fahren ist ein Virus“, meinte er, „aber man fährt wie in einem Cabrio“. Gesagt, getan. Mit wenigen Handgriffen war die Plane von der Führerkabine entfernt. ­Andreas Gobs von der Untergruppe Bodensee-Oberschwaben des Unimog-Clubs Gaggenau setzte seinen 406er als „Allzweck­waffe“ ein, wie er es ausdrückte. Mit Holzgerüst und Bauplane hatte er sein Wohnmobil gestaltet, damit ihn Frau und Tochter begleiten können. An die 7.000 Unimog-Anhänger gäbe es weltweit, sogar in Japan. Früher konnten sich nur reiche Bauern dieses Allradfahrzeug leisten. Inzwischen sind Feuerwehren, Städte und Gemeinden die Abnehmer von bis zu 160.000 Euro teuren Fahrzeugen, die aber schlichtweg alles können, Schnee räumen oder Bäume aus dem Wald ziehen, seitlich kippen und noch vieles mehr. Neben dem Haupt- läuft ein intensiver Gebrauchtwagenmarkt, den die Hobby-Fahrer, meist leidenschaftliche Bastler und Tüftler, am Leben erhalten. So einer ist Richard Daldoss aus Aldein, ein Mechaniker in Ruhestand - wenn man kaufen, aufrüsten, reparieren, warten und verkaufen Ruhestand nennen kann. Um 14.000 Euro habe er seinen 421er gekauft und etwa 12.000 Euro in­vestiert. Ohne weiteres bekäme er 35.000 Euro dafür. Daldoss berichtete vom ersten Unimog in Südtirol. Der sei 1952 nach Bruneck gekommen und laufe heute noch in Sand in Taufers. „Der älteste Unimog in Kastelbell hat 59 Jahre auf dem Buckel und gehörte Uli Hertenberger aus Biberach“, erzählte Organisator Karl Ludwig aus Isny im Allgäu, der seinen „Cabrio“ Unimog 411, Baujahr 1964, ­Huckepack auf dem Tieflader nach Kastelbell gebracht hatte. Er war es auch, der die Entstehung des Unimog als Teil der Nachwehen des 2. Weltkrieges darstellte. Nicht die vorbelasteten Fahrzeugproduzenten wie Mercedes durften die Produktion aufnehmen, sondern eine Goldschmiedefabrik in Schwäbisch Gmünd und später die Schmuckfabrik Pöhringer in Göppingen. In­zwischen hat Mercedes die Produktion wieder übernommen und sie nach Wörth bei Karlsruhe verlegt. Während Heiner Gurschler mit der Ziehharmonika Stimmung machte, verteilte Theo Mitterer den Schurz der „Südtiroler Unimog-Freunde“, einen Vinschger Apfel und seinen eigens abgefüllten Unimog-Eigenbau als Gastgeschenke. Danach startete man zum Ausflug auf die Marzoner Alm. Zwischen­station auf der Fahrt über Latsch und Tarsch war die Talstation der Seilbahn nach St. Martin, wo es den ersten „Weißen“ gab.
Günther Schöpf
Günther Schöpf
Vinschger Sonderausgabe

Diese Seite verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Lesen Sie unsere Cookie-Richtlinien für weitere Informationen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden.