Buchautor Hans Karl Peterlini

Fragen an den „Feuernacht-Experten“ Hans Karl Peterlini

Publiziert in 23 / 2011 - Erschienen am 16. Juni 2011
„Der Vinschger“: Wie kommt ­einer, der im Bombenjahr 1961 geboren worden ist, zur Beschäftigung mit den Bombenjahren? Hans Karl Peterlini: Ich könnte damit anfangen, dass meine Familie in meiner Kindheit auf Bahnhöfen gelebt hat. 1961 übrigens am Brenner, wo die Grenzkontrollen verschärft wurden, dann in Gargazon und Neumarkt, wo die Alpini stationiert wurden, aus Angst, die Bahnhöfe würden in die Luft gesprengt. Meine Erstbefassung mit dem Thema kam über den Terror von Ein Tirol, der meine aktivste Zeit als Journalist bei der „ff“ beherrschte, es gingen ja teilweise ständig Bomben hoch. Wollten Sie mit dem Buch „Feuernacht. Südtirols Bombenjahre“ nur eine Zusammenschau schaffen oder haben Sie neue Hintergründe entdecken können? Hans Karl Peterlini: Beides. Der Titel verrät ja irgendwie, dass das neue Buch auf „Feuernacht“ und auf „Südtiroler Bombenjahre“ aufbaut. Dem Buch „Feuernacht“ nachempfunden ist die großartige Aufmachung mit vielen Bildern, wobei wir auch neue Bilder finden und abdrucken konnten. Inhaltlich habe ich meine Recherchen von 2005 aufgefrischt, so dass doch viele kleine Neuigkeiten dazu kommen, manche Namen, die man nicht kannte, manche Zusammenhänge, die so nicht gesehen worden waren. Die Gretchenfrage an den Süd­tiroler Peterlini: Haben die Anschläge des Jahres 1961 was gebracht und was sind die Männer der Feuernacht: Kriminelle, Terroristen oder Freiheitskämpfer? Hans Karl Peterlini: Was die Männer – und übrigens gar einige Frauen – der Feuernacht sind, kann objektiv nicht festgelegt werden. Aus der Sicht von Opfern sind sie vielleicht Mörder, aus der Sicht des Staates waren es kriminelle Terroristen, aus dem eigenen Empfinden heraus waren sie genauso Freiheitskämpfer wie die Algerier und Zyprioten, die damals fremde Staatsmächte aus ihrem Territorium wegsprengten. Ich maße mir kein Urteil an. Meine bevorzugte Benennung ist schlicht „Attentäter“, einfach nach dem, was sie getan haben: sie haben Attentate verübt. Und die offen gebliebene Frage: Was hat‘s gebracht? Hans Karl Peterlini: Der wäre ich gern ausgewichen, weil ich sie für müßig halte. Mir ist viel wichtiger zu verstehen, warum es zu den Anschlägen gekommen ist, damit kann ich nämlich etwas für die Gegenwart lernen: Wie vermeide ich bei Konflikten, dass Gewalt entsteht? Wie nehme ich rechtzeitig wahr, dass es Gruppen gibt, die sich so ohnmächtig fühlen, dass sie sich mit Gewalt oder Gesetzesbruch das Gehör verschaffen müssen? Was ist mit unserer Tiroler Leitkultur, die zwar die toten Helden feiert, aber diese zu Lebzeiten meist ­allein lässt? Wir haben eine Kultur des Aufstandes, aber nicht der Zivilcourage, die viel früher greifen und den Aufstand unnötig machen könnte. Interview Günther Schöpf Vinschger standen auch auf der anderen Seite Taufers – Aufmerksamen ­Mitbürgern ist beim Lesen der Titelgeschichte in der letzten Ausgabe des „Vinschgers“ und beim Blättern in den einschlägigen Werken zur Feuernacht nicht entgangen, dass es ­Vinschgauer auch auf der anderen Seite gegeben hat. So scheint im Folterprozess von Trient unter den 21 angeklagten Carabinieri auch ein gewisser Rudolfo Schgör, Jahrgang 1929, im Grad eines Vizebrigadiers auf. Ob der aus Taufers im Münstertal stammende Carabiniere zu jenen Beamten gehörte, gegen die das Verfahren eingestellt wurde, weil sie unter staatlichem Schutz standen, oder ob er unter denen war, die durch eine ­Amnestiebestimmung vor einem Urteil bewahrt wurden, wäre anhand der Gerichtsakten nachzuprüfen. (s) Der Blick von außen auf die Zustände innen Innsbruck/Wien – Birgit ­Mosser-Schuöcker und Gerhard ­Jelinek sind beide Journalisten, beide haben Rechtswissenschaft studiert und gemeinsam haben sie unzählige Zeitzeugen befragt, persönliche Aufzeichnungen verwendet, neue Prozessakten gewälzt, das Kreisky-Archiv und den Nachlass des Völkerrechtlers Ermacora ausgewertet. Daraus ist der Titel „Herz Jesu Feuernacht 1961. Die Anschläge – Die Folterungen – Die Prozesse – Die Rolle Österreichs“ entstanden. Ein packendes, ein bemerkenswertes Buch, zum Teil in Form von Tagebuchaufzeichnungen, das über Notizen und Protokolle Beweggründe und Antrieb der Männer und Freuen in der Feuernacht verstehen lässt.
Günther Schöpf
Günther Schöpf

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