Hilfe für die kranke Haut

Publiziert in 29 / 2006 - Erschienen am 29. November 2006
Die deutsche Sprache weiß sehr gut, wie sensibel unsere Haut für Stimmungen und Gefühle ist: wir werden „rot vor Scham“, „blass vor Angst“ und etwas geht uns „unter die Haut“. Wir schätzen uns glücklich, wenn wir ein „dickes Fell“ haben, und leiden darunter, wenn wir zu „dünnhäutig“ für diese Welt sind. Die Haut ist ein Spiegel der ­Seele und vielleicht nach dem Gehirn das wichtigste Organsystem. Wie schlimm es sein kann, wenn diese Haut krank ist, wenn sie juckt, Schuppen bildet oder stark gerötet ist, wissen jene Menschen am besten, die an der Schuppenflechte oder an Neurodermitis leiden. Für alle Betroffenen wurde am vergangenen Dienstag ein Informationsnachmittag im Haus der Bezirksgemeinschaft in Schlanders mit Hilde Platzgummer, Leiterin der Selbsthilfegruppe Psoriasis und Neurodermitis/UVZ (PSO) von Bozen, veranstaltet. Die Schuppenflechte, medizinisch Psoriasis genannt, ist eine chronische Hautkrankheit, die schuppige und entzündete Hautschäden verursacht. ­Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen, das Alter liegt normalerweise zwischen 15 und 35 Jahren. Die Anlage zur Psoriasis ist vererbt. Allerdings gibt es einige Faktoren, die das Risiko der Erkrankung erhöhen; dazu gehören vor allem akute Entzündungen, schädliche Medikamente sowie bestimmte psychische Belastungen wie Trauer, Schmerz, Unfall, Prüfungsangst und Partnerschaftsprobleme. Bei der Schuppenflechte spielen die Hautzellen verrückt; sie erreichen nach ihrer Entstehung im tieferen Hautgewebe schon nach vier Tagen die Oberfläche – im Unterschied zu normalen Zellen, die dafür 30 Tage benötigen. Als Folge dieser schnellen Hautzellenbildung kommt es zu heftigem Juckreiz und starker Schuppenbildung. Gerötete, silbrig schuppende Entzündungen, vor allem an den Streckseiten von Beinen und Armen, an der Kopfhaut, auf dem Rücken und an den Finger- und Fußnägeln sind die Folge. Die Schuppenflechte zeigt starke Zusammenhänge mit den Witterungsbedingungen. Längere Aufenthalte in so genannten Reizklimagebieten (Nordsee, Hochgebirge, Totes Meer) können die Beschwerden oft dauerhaft lindern. Eine richtige Hautpflege vermag viele Krankheitsschübe bereits im Vorfeld zu lindern. Auch die Veranlagung zur Neurodermitis wird vererbt, kommt jedoch nur in einem von zehn Fällen an die Oberfläche. Hauptauslöser sind Allergien und zwischenmenschliche Konfliktsituationen. Rötung, Schuppung und Nässen vor allem an Gesicht, Hals, Ellbeugen, Kniekehlen und Ohrläppchenansatz sind das typische Krankheitsbild. Entscheidendes Symptom der Neurodermitis ist ein quäl­ender Juckreiz, der die Betroffenen dazu bringt, die sehr trockene Haut an den befallenen Stellen aufzukratzen. Der Neurodermitiker ist zumindest innerlich in Unruhe, reizbar, aus dem Gleichgewicht. Es ist unverkennbar, dass der Er­krankte seelische Belastungen und Stress über seine Haut austrägt. Einerseits. Andererseits ist es gerade die Krankheit und der Juckreiz, die die Persönlichkeit prägen und aus dem Gleichgewicht bringen. Heidi Pinggera aus Schluderns leidet seit ihrer Geburt an Neurodermitis, genauer an einem atopischen Ekzem und Kontaktdermatitis. Sie erinnert sich noch gut, wie ihre Mutter vor dem Schlafengehen Mullverbände um ihre Arme und Beine gewickelt hat, um das Kratzen im Schlaf zu verhindern. Noch heute leidet Heidi Pinggera besonders nachts unter extremem Juckreiz. Bereits als Kind ­ ­musste sie Cortisoncremen auftragen, um die Schmerzen zu lindern. „Salben ohne Cortison muss ich selbst bezahlen, und eine Tube, die eine Woche reicht, kostet 46 Euro“, bedauert die junge Mutter von 3 gesunden Kindern. Es ist für sie unverständlich, wieso diese notwendigen Medikamente nicht der Ticketbefreiung unterliegen. Heinz Wunderer (links) aus Agums und Eduard Spiss aus Schluderns sind Leidens­genossen. Sie haben beide im Alter von 18 bzw. 19 Jahren die Schuppenflechte bekommen, leben heute relativ gut damit. Heinz Wunderer hat nachgeforscht und eine Tante in der 4. Generation gefunden, die ebenfalls an der Hauterkrankung litt. Sein Rezept gegen Psoriasis sind mehrwöchige Meeraufenthalte bei jodhaltiger Luft und Bädern im Salzwasser. Eduard Spiss bekämpft die Schuppenflechte mit Sport und viel Bewegung an der frischen Luft. Um die Lebensqualität der Betroffenen unter dem dermatologischen, sozialen und psychologischen Aspekt zu verbessern, hat sich schon vor vielen Jahren die „Psoriasis und Neurodermitis Gruppe/UVZ“ in Bozen gebildet. „Falls sich genügend Interessierte melden, könnte man auch im Vinschgau eine Selbsthilfegruppe gründen. Ich bin gerne bereit, die Betroffenen dabei zu unterstützen“, sagte Hilde Platzgummer vergangene Woche bei der Vorstellung der Bozner Selbsthilfegruppe PSO im Haus der Bezirksgemeinschaft in Schlanders. „Die Selbsthilfegruppe PSO organisiert Kuraufenthalte am Toten Meer oder in Thermalbädern, sie ist den Mitgliedern bei Ansuchen um Beiträge für Therapien behilflich und übernimmt zum Teil auch deren Kosten,“ sagte Hilde Platzgummer den wenigen Zuhörern. Interessierte Betroffene oder deren Angehörige können sich unter der Nr. 0471 287336 ­näher informieren. Die Betroffenen klagten über teils fehlende Information seitens der Haut- und Hausärzte über Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung, über Selbsthilfegruppen im Land und über Therapiemöglichkeiten.
Ingeborg Rainalter Rechenmacher
Ingeborg Rainalter Rechenmacher
Vinschger Sonderausgabe

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