Zita Reinstadler sieht nach dem verletzten Schaf.

Jungbär schlägt in Außersulden und Trafoi zu

Publiziert in 20 / 2007 - Erschienen am 31. Mai 2007
Außersulden/Trafoi – „Er stand wenige Meter vor uns, zeigte keinerlei Scheu und lief auch nicht weg. Es ist dieses völlige Fehlen von Menschenscheue, das bedenklich ist.“ Dies sagte am 22. Mai Georg Ellmer vom Hotel Gomagoierhof in Gomagoi dem „Vinschger“. Am Abend zuvor hatte er in Außersulden gesehen, wie ein junger Bär mitten auf der Straße über ein Schaf herfiel (siehe auch Interview). Georg Ellmer hat selbst Schafe. Er hatte am 21. Mai in der ­Örtlichkeit Zumpanell oberhalb der Baumgrenze nahe am Ortler nach seinen Tieren gesehen. Als er am Abend gegen 20.45 Uhr mit dem Auto in Richtung Gomagoi fuhr, entdeckte er in der Abenddämmerung auf der Landesstraße bei Unterthurn in Außersulden ein „schwarzes Vieh, das sich über ein weißes Tier hermachte.“ Er traute zunächst seinen Augen nicht, doch als er sich in unmittelbarer Nähe befand, stand es fest: Ein junger Bär biss auf ein Schaf ein, das mit dem Rücken auf dem Boden lag. Georg Ellmer gelang es, den Bär mit Hupsignalen zu verscheuchen. Das verletzte Schaf rannte ebenfalls davon. Georg Ellmer fuhr rasch nach Gomagoi, trommelte ein paar Freunde zusammen und kehrte mit ihnen zum Ort des Geschehens zurück. Auch Leute aus Trafoi eilten herbei. Äußerst verwundert waren alle darüber, dass sich der Bär noch immer in der Gegend herumtrieb und keinerlei Anstalten machte, sich endgültig aus dem Staub machen zu wollen. Im Gegenteil. Das Jungtier lief nicht fort, sondern harrte „geduldig“ und hartnäckig aus. Sogar vor dem bellenden Hund, mit dem Albin Mazagg herbeigeeilt war, wich er laut Georg Ellmer nicht zurück. Auch im Licht der Scheinwerfer war der Bär noch mehrmals zu sehen. Bis nach Mitternacht haben die Männer nach den geschockten Schafen gesucht. Das vierjährige Mutterschaf, über das der Bär hergefallen war, konnte mit Hilfe des Hundes gefunden werden. Es hatte eine Bisswunde am Brustkern. Das Tier wurde in den Stall des Unterthurn-Hofes gebracht. „Wir hatten unsere Schafe schon vor etlichen Tage auf einer eingezäunten Wiese in der Nähe des Hofes frei gelassen“, sagte Zita Reinstadler vom Unterthurn-Hof am Morgen nach dem Übergriff des Bären. Weil ihr Sohn Paul wegen Urlaubs nicht zu Hause war, kam sofort ihre Tochter Christine nach Außersulden, um der Mutter zur Seite zu stehen. Eines der Schafe, das der Bär zusammen mit seinem späteren Opfer versprengt hatte, konnte erst am Morgen des 22. Mai gefunden werden. Auch die Schafe des Nachbarhofes hatten ihr eingezäuntes Gehege in Panik verlassen und mussten zusammengetrieben werden. „Ins Freie lasse ich unsere Schafe vorerst sicher nicht mehr“, so Zita Reinstadler. Die Tatsache, dass der Nationalpark für alle Schäden, die von Bären angerichtet werden, aufkommt, vermag sich nicht zu trösten. Es gehe ihr nicht um die paar Euro, „es isch’s Viech, des mir dr’bormt.“ Der Sprengeltierarzt Andrea Lugnan, den Zita bereits um 7 Uhr in der Früh verständigt hatte, traf erst gegen 11.30 Uhr ein. Er hatte eigenen Angaben zufolge vorher anderweitige, dringende Einsätze gehabt. Der Tierarzt wusch die Bisswunde und gab dem Schaf Antibiotika. „Die Wunde ist zum Glück nicht tief, das Tier wird sicher überleben“, sagte er nach der Behandlung. 5 Schafe gerissen und beim Berghotel Franzenshöhe „zu Gast“ Das in Außersulden angegriffene Schaf kam noch mit dem Leben davon. Auf der oberen Tartscher Alm oberhalb von Trafoi hingegen hat ein Bär in der Nacht auf den Pfingstsonntag „ganze Arbeit“ geleistet. 5 Zuchtschafe hat er gerissen. Ein weiteres wurde verletzt, hat den Angriff aber überlebt. „Weil wir schon am Vortag gehört hatten, dass sich ein Bär in der Gegend herumtreiben würde, sind wir am Sonntag schon um 5 Uhr aufgebrochen, um nach den Schafen zu sehen“, sagte der Schafer Walter Schwienbacher dem „Vinschger“. Auf der Alm habe man dann die fünf getöteten Schafe gefunden. Es handelte sich laut Walter Schwienbacher um Zuchtschafe, die erst kurz vorher auf einer Versteigerung in Bozen gekauft worden waren. 3 der Tiere gehörten einem Tartscher, 2 einem Trafoier. Der Schafer vermutet, dass sich derzeit nicht nur ein, sondern zwei Bären im Nationalparkgebiet aufhalten. Die Eigentümer der Schafe seien in großer Sorge. Am Pfingstsamstag gegen 22 Uhr war der Bär außerdem beim Berghotel Franzenshöhe, das zwischen Trafoi und dem Stilfserjoch liegt, „zu Gast“. „Ich hörte draußen unseren Hund bellen, ging hinaus und sah, wie der Bär nur wenige Meter hinter dem Haus vorbeilief“, schildert Karin Wallnöfer vom Berghotel Franzenshöhe die Begegnung. Es waren auch Gäste im Hotel und alle liefen hinaus, um den Bär zu sehen. „Wir konnten ihn zwischen 15 und 20 Minuten kontinuierlich beobachten“, so Karin Wallnöfer. Die ganze Gruppe war erstaunt darüber, dass der Bär keine Scheu zeigte und nicht weglief. Es habe sich um einen braunen, eher kleinen Bär gehandelt. „Es ist ungewöhnlich, dass er nicht sofort das Weite suchte“, sagte Karin Wallnöfer. Sie weiß, wovon sie spricht, denn sie hat mehrere Jahre lang in Amerika gelebt und hat dort Bären aller Art gesehen. Die Sichtung des Bären am 21. Mai in Außersulden war laut Hanspeter Gunsch vom Nationalpark die erste im heurigen Jahr im Gebiet des Nationalparks. Einige Tage zuvor dürfte sich der Bär in der Gegend der Laugenspitze am Gampenpass aufgehalten haben, wo Bärenspuren im Neuschnee entdeckt wurden. Am 22. Mai ist ein Jungbär in der Nähe der Berglhütte vor Urlaubern gesehen worden. Der Bär habe sich sofort entfernt. Ob es sich beim Bär, der in Trafoi 5 Schafe gerissen hat, um dasselbe Tier handelt, ist nicht bekannt. Ebenfalls nicht nachgewiesen ist bisher, ob es sich um ein Kind der Problembärin „Jurka“ handelt, die im Naturpark Adamello-Brenta im Trentino lebt. „Jurka“ hat im Vorjahr 3 Junge zur Welt gebracht. Zur Tatsache, dass der Jungbär, der in Außersulden gesichtet wurde, keine Scheu vor Menschen zeigte, meinte Nationalparkdirektor Wolfgang Platter, dass man daraus sicher nicht ableiten könne, dass der Bär angriffslustig ist. (sepp) „Schwarz und rund einen Meter lang“ Dass der Jungbär den Angriff auf ein Schaf in Außersulden nicht zu Ende bringen konnte, ist Georg Ellmer zu verdanken. „Der Vinschger“: Haben Sie sofort bemerkt, dass hier ein Bär über ein Schaf herfällt? Georg Ellmer: Nein. Als ich mit dem Auto in Richtung Gomagoi fuhr, war es gegen 20.45 Uhr. Die Abenddämmerung hatte schon eingesetzt. Ich dachte zunächst an einen Unfall oder an einen Hund. Erst als ich ziemlich nahe dran war, sah ich, dass hier ein Bär über ein Schaf herfällt. „Der Vinschger“: Hatten Sie Angst? Georg Ellmer: Nein, ich war ja im Auto. „Der Vinschger“: Ließ der Bär nicht sofort vom Opfer ab? Georg Ellmer: Nein, das tat er nicht. Erst nachdem ich mehrmals gehupt hatte, ließ er vom Schaf ab und sprang oberhalb der Straße in den Wald. Das blutende Schaf rannte in Panik in die andere Richtung. „Der Vinschger“: Wie sah der Bär aus? Georg Ellmer: Er war schwarz, nicht allzu groß und nicht allzu klein. Ich schätze, dass er rund einen Meter lang ist und an die 80 Kilogramm wiegt. „Der Vinschger“: Sie haben nach dem Übergriff mitgeholfen, die versprengten Schafe zusammen zu treiben. Stimmt es, dass sich der Bär zu dieser Zeit noch immer in der Gegend aufhielt? Georg Ellmer: Ja, das stimmt. Er trieb sich immer in der Nähe herum. Auch vor den Leuten ist er nicht zurückgewichen. Dass er offensichtlich keine Menschenscheu hat, ist bedenklich. Meiner Ansicht nach müsste man solche Bären entfernen. Interview: Sepp Laner
Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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