„Kleine Spitäler haben sehr wohl Chancen“

Publiziert in 39 / 2010 - Erschienen am 4. November 2010
Schlanders – Ein kleines Akutspital mit den Bereichen Chirurgie, Orthopädie, Innere Medizin, Kardiologie, Frauenheilkunde, Geburtshilfe (ca. 50 Geburten im Jahr), ­Anästhesiologie, Schmerztherapie und Rettungswesen. Dies sind einige Eckdaten des Ospidals Unterengadin in Scuol. Träger des Spitals sind die 12 Gemeinden des Unterenga­dins, wo insgesamt rund 9.000 Menschen leben. Rechnet man die Feriengäste dazu, kann die Zahl auf 15.000 steigen. Ein neues Profil bekam das Kleinspital mit der Einführung der in der Schweiz bisher einmaligen „Ganzheitlichen Medizin“: Die Schulmedizin wird mit einem komplementär- und palliativmedizinischen Angebot ergänzt. Dass es sinnvoll und auch notwendig ist, kleine Akutspitäler zu erhalten, untermauerte ­Joachim Koppenberg, Direktor des Ospidals Unterengadin und gleichzeitig Chefarzt der Anästhesiologie, bei einem Vortrag am 28. Oktober in der Aula Magna der HOB Schlanders mit vielen Zahlen und Fakten. Eine wohnortnahe Patientenversorgung falle ebenso ins Gewicht wie die regionale Wertschöpfung: Arbeitsplätze, Investitionen, das Geld bleibt in der Region, Vorteile für den Tourismus, speziell im Winter. Auch aus rein wirtschaftlicher Sicht sind Kleinspitäler erhaltenswert, „denn sie sind einfacher zu steuern und die interdisziplinäre Zusammenarbeit funktioniert in der Regel sehr gut.“ Dass die Menge an Eingriffen zugleich auch ein Mehr an Qualität mit sich bringt, ist laut Koppenberg ein Vorurteil: „Die Häufigkeit bürgt nicht für Qualität. Wenn ein Patient in einem großen Spital operiert wird, heißt das noch lange nicht, dass der Eingriff dort automatisch besser verläuft. Auch an Uni-Kliniken sind es nicht nur die Professoren, die operieren.“ Fehl am Platz sei das gegenseitige Ausspielen der kleinen und großen Spitäler: „Es braucht die kleinen Spitäler ebenso wie die großen. Unsere Kunden haben Vertrauen. Sie wissen, dass wir das, was wir anbieten, gut machen. Und wenn wir sie ins Zentrums­spital nach Chur schicken, wissen sie auch, dass das richtig ist.“ Ein allgemeines Problem im Gesundheitswesen ortet ­Koppenberg darin, dass die Verwaltung vielerorts in Europa Überhand nimmt. Der Verwaltungsapparat drohe zum Selbstzweck zu werden, während für die Patienten immer weniger Ärzte und Pfleger da sind. Die Kosten der Spitäler sind auch in der Schweiz ein Problem. Koppenberg: „Wir im Unterengadin haben in mehreren Bereichen angesetzt, um zu sparen: gute Arbeitszeit­modelle, optimale Einsatzplanung, Einkaufsgemeinschaften, gute Abstimmung der internen Arbeitsabläufe.“ Die Aufenthaltsdauer der Patienten des Ospidals sei auf 6,2 Tage gesenkt worden. In der Schweiz insgesamt liege sie bei 11,1 Tagen. Grundsätzlich meinte Koppenberg, dass es auf den Stellenwert ankomme, den die Politik dem Gut der Gesundheit einräumt: „Die Schweiz hat nach den USA und Norwegen das drittteuerste Gesundheitswesen der Welt, aber die Schweiz kann sich das auch leisten.“ Die „Kleinheit“ biete laut dem Spitaldirektor auch Chancen. Vor allem dank der persönlichen und ganzheitlichen Betreuung der Kunden sei es gelungen, „dass mittlerweile rund 50 Prozent unserer Patienten aus anderen Regionen zu uns kommen.“ Von größter Bedeutung seien natürlich eine gute Vernetzung mit dem Regionalspital, dem Zentrumsspital und den Ärzten an der Basis, die Transparenz und der menschliche Umgang mit den Patienten. Bei der Diskussion zeigten sich mehrere Zuhörer beeindruckt vom Leistungsangebot und der Führung des Opsidals bzw. Gesundheitszentrums Unterengadin. „Was uns hier in ­Schlanders und im Vinschgau Sorgen macht, ist, dass wir wenig Autonomie haben und zentral von Bozen aus gelenkt werden,“ meinte ein Arzt. Auf die klinische Reform in Südtirol ging Koppenberg bewusst nicht ein. Florian Zerzer, Ressortdirektor für Gesundheit, hielt fest, dass das Gesundheitswesen in Italien anders finanziert wird als in der Schweiz und es zusätzlich dazu noch weitere wesentliche Unterschiede gibt. Zu Koppenbergs Ausführungen meinte Zerzer, „dass sich das, was im Unterengadin praktiziert wird, zu 80 Prozet mit dem deckt, was wir mit der klinischen Reform umsetzen wollen.“ Keines der Spitäler in Südtirol sei in Gefahr. Beruhigt zeigte sich der Schlanderser Bürgermeister Dieter Pinggera: „Im Krankenhaus Schlanders, das im Vergleich zum Opsidal Unterengadin eine viel größere Realität ist, wird im Zuge der Reform keine einzige Abteilung gestrichen. Im Gegenteil, die Reform bietet neue Chancen.“ Das einzige Problem in Schlanders sei, dass die onkologischen Eingriffe ausgelagert werden sollen. Organisiert haben den Vortrags- und Diskussionsabend der Bildungsausschuss und die Freunde des Krankenhauses Schlanders.
Josef Laner
Josef Laner
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