Marion Veith mit ihrer Diplomarbeit aus dem Bereich Gletscherarchäologie.

Noch einmal so eine Gletscherleiche und sie wird zur Stelle sein

Publiziert in 27 / 2011 - Erschienen am 13. Juli 2011
Mals – Sicher ist: Der nächste Ötzi wird nicht mehr mit Bergpickel und Hauruck geborgen werden. Das wird Marion Veith, die erste und einzige Gletscher­archäologin in Vinschgau, zu verhindern wissen. Die gebürtige Praderin wohnt in Mals, ist Hausfrau und Mutter, gräbt, forscht und katalogisiert wie eine normale Archäologin, hat aber durch ihre Abschlussarbeit bei Professor Harald Stadler, Lehrbeauftragter für Ur- und Frühgeschichte, Mittelalter- und Neuzeitarchäologie an der Uni Innsbruck, eine sehr spezielle Richtung eingeschlagen. An sich wollte der Professor über die Diplomandin Veith der Gletscher­archäologie endlich jenen Stellenwert zuweisen, den die Luftbildarchäologie oder die Unterwasserarchäologie längst haben. Mit der Diplomarbeit „Trauer fordert Gewissheit. Über den Umgang mit Gletscherleichen in Archäologie-, Geschichte und Psychologie“ sollte das Stiefkind der herkömmlichen Archäologie mehr in den Vordergrund gerückt werden. Dabei war Marion gerade mal 13 Jahre alt, als der „Herr aus dem Eis“ Fachleute zwang, die Urgeschichte in den Alpen neu zu schreiben. Sie hatte eben die Mittelschule abgeschlossen und war eine gute Zeichnerin; man hatte ihr Talent bescheinigt. Was lag näher als der Besuch der Kunstschule. Vor fast genau 20 Jahren, als der Tisenferner die Mumie freigab, zog Marion vom Vinschgau ins Grödental, um die Kunstschule „Cademia“ zu besuchen. Fünf Jahre - heute spricht sie von fünf Jahren Lebensschule - verbrachte sie dort bis zum Reife­diplom für angewandte Kunst, Fachrichtung „Dekoratives ­Malen“. Ihren wirklichen Berufswunsch hatte sie vorerst zurückgestellt. Nur den Reim- und Erinnerungsbüchern ihrer Mitschüler vertraute sie hin und wieder an, dass sie am liebsten Archäologin werden möchte. Warum ausgerechnet Archäologie? – genau weiß sie das heute nicht mehr. Vielleicht war Vater Alois nicht ganz unbeteiligt. Als Mitarbeiter eines Bauunternehmens war er viel an historischen Bauten beschäftigt, unter anderem auch an Renovierungen im Kapuzinerkloster in Schlanders. Mag sein, dass in Marion die Freude am Graben und Forschen dadurch geweckt worden war. An der verwandtschaftlichen Be­ziehung zur Ötzi-Fundstelle im Schnalstal könne es nicht gelegen haben, meinte Marion lächelnd. Mama Agnes stammt nämlich aus dem Schnalstal. Nach der Matura hatte sie ein ganzes Jahr Zeit, über die Zukunft nachzudenken. Nach dem „sozialen Jahr“ bei der Caritas in einem Bozner Obdachlosenheim stand ihr Entschluss fest: sie wollte Archäologie studieren. An der Uni Innsbruck inskribierte sie Ur- und Frühgeschichte, Volkskunde, klassische Archäologie und Alt-Orientalistik. Auf den fragenden Blick des Schreibers erklärte sie: „Dabei beschäftigt man sich vor allem mit Inschriften der Akkader, Sumerer und Perser. Hauptfach aber war Ur- und Frühgeschichte.“ Sieben Jahre studierte sie unter anderem beim „Ötzi-Vater“ Konrad Spindler, der bekanntlich als Erster den „Mann aus dem Eis“ wissenschaftlich untersuchte hatte. In den Studienjahren war sie Grabungsmitglied am Ganglegg. Für das Amt für Bodendenk­mäler archivierte sie 2002 die Funde aus den Siedlungsphasen oberhalb von Schluderns. 1996, also schon in der Oberschulzeit, und 2003 arbeitete sie bei Professor Hans Rudolf Sennhauser an Ausgrabungen im Kloster St. Johann. Sie erstellte eine Bestandsaufnahme des historischen Archivs der Gemeinde Laas und für das Bundesdenkmalamt von Vorarlberg und Tirol forschte sie in Damüls und Wenns, in Innsbruck-Stadt und im Tiroler Unterland bei Jenbach. Mit dem Institut für klassische Archäologie der Universität Innsbruck grub sie in Ascoli Satriano bei Foggia etruskische Siedlungen aus. Der wohl entscheidende Anlass, sich mit Gletscherarchäologie zu beschäftigen, ging sicher von ihrer Leidenschaft aus, in den Bergen unterwegs zu sein und fremde Länder zu bereisen. Wann immer es ging, war Marion im Gebirge unterwegs. Der regelmäßige Auslauf mit ihrem Husky „Afra“ schaffte die Grundausdauer. Dabei blieb es ja nicht beim Steigen im Ortlergebiet oder beim Klettern im Klettergarten. Höhepunkt war eine Expedition auf den Aconcagua in den argentinischen Anden, mit 6.962 Metern der höchste Berg Amerikas. Auf dem Weg zum Basislager auf 4.800 Metern kamen Marion und ihre Begleiter an einem Bergsteiger-Friedhof vorbei; im Lager angelangt wurde der erste tote Alpinist geborgen. Als Professor Stadler von dieser Expedition und den besonderen Umständen gehört hatte, machte er Marion den Vorschlag, über ihre Diplomarbeit einen besonderen Bergunfall zu untersuchen. 2004 war die ausgeaperte Leiche eines Bergsteigers entdeckt worden, von dem man weiß, dass er 1939 mit einem Begleiter zur Wildspitze unterwegs war. Wie sich das Unglück zugetragen hatte, blieb im Dunkeln. Die Aussagen des Begleiters waren vage und der Tote war als Gegner des Nationalsozialismus bekannt. Marions erster Schritt war die eindeutige Identifizierung durch eine der vier Töchter. Dann begann sie alles systematisch zu ­untersuchen, zu zeichnen und nachzuforschen, wo die Ausrüstungsgegenstände angefertigt worden waren, seit wann es sie gegeben hat. Es entstand die erwähnte ­Diplomarbeit und Marion Veith wurde zur ersten Gletscherarchäologin Südtirols. „Dazu muss man glaziologische und anthropologische Kenntnisse mitbringen“, meinte Marion Veith, „aber auch die Zeitgeschichte spielt eine große Rolle. Und weil Trauer Gewissheit braucht, ist die Psychologie mit im Spiel.“ Die saisonal ausgerichtete Arbeit einer Archäologin ermöglichte die Beschäftigung im neu eingerichteten Klostermuseum von Marienberg, wo sie zwei Jahre lang für Führungen zur Verfügung stand. Inzwischen – wenn sie nicht ­Mutter von Klein-Janosch und Hausfrau ist - hilft Marion bei der archäologischen Aufarbeitung und Katalog-Erstellung der Funde im Kloster St. Johann, Müstair. Aber sie bleibt als ­Gletscherarchäologin gewissermaßen in Wartestellung. Sollte der nächste Glücksfall „Ötzi“ auftreten, wird man die Gletscherarchäologin Marion Veith zur Fundstelle rufen.
Günther Schöpf
Günther Schöpf

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