Ein Mann und „seine Mädls“: Swiss Cycling-Coach Edmund Telser mit (v.l.) Kathrin Stirnemann, Jolanda Neff und Linda Indergand.
Edmund Telser und Eva Lechner im Jahr 2011 bei der WM im schweizerischen Champery, wo Eva Lechner mit der Bronze-Medaille ihren bislang größten Einzelerfolg im Mountainbike erzielt hat.

Die Krise als Chance

Swiss Cycling-Coach Edmund Telser im Interview

Publiziert in 16/17 / 2020 - Erschienen am 7. Mai 2020

Prad/Schweiz - Edmund Telser, den alle „Edi“ nennen, ist kein Mann der lauten Töne. Stattdessen lässt er lieber Erfolge sprechen und genießt sie im Stillen. Nach seiner Amateurkarriere im Radsport hat der Prader die Trainerlaufbahn eingeschlagen. Er hat Eva Lechner entdeckt und zu einer der besten Radsportlerinnen Italiens gemacht. Sie war schon Vize-Weltmeisterin im Radquer, mehrfache Weltcupsiegerin und WM-Dritte auf dem Mountainbike. Nicht zuletzt deshalb wurde auch der Schweizer Radsportverband (Swiss Cycling) auf Edmund Telser aufmerksam und hat ihn 2014 ins Nationalteam geholt. Dort ist er vom MTB-Coach zum verantwortlichen Nationaltrainer für den gesamten Schweizer Frauenradsport aufgestiegen. Im Interview (geführt Mitte April) sagt Edmund Telser, wie es um den Radsport steht, was die Fahrerinnen in Corona-Zeiten machen und ob Superstar Jolanda Neff bald wieder Rennen fahren kann.

der Vinschger: Edmund, wie geht es Dir?

Edmund Telser: Ich bin derzeit daheim im Vinschgau, bei meiner Familie. Was den Radsport betrifft, steht alles. Der Internationale Radsportverband UCI hat alle Rennen bis Ende Mai lahmgelegt. Man munkelt, dass bei einer eventuellen Entspannung der Lage zuerst die großen Rundfahrten starten sollen. Also Ende Juli, Anfang August der Giro, dann die Tour, danach kämen die Weltmeisterschaften und die Spanienrundfahrt. 

Die Rad-WM 2020 ist für Ende September in der Schweiz geplant. Heimvorteil für Dein Nationalteam.

So wäre es. Ich muss sagen, dass die Schweiz inzwischen auch verstanden hat, wie ernst es mit dem Coronavirus ist. Deshalb ist alles offen. Sollte es Lockerungen geben, wollen wir ein Trainingslager organisieren und dann an ersten nationalen Rennen teilnehmen. Alles andere ist zu früh zu prognostizieren.

Aber eine Prognose wollen wir wagen, zumal die Schweizerinnen in den letzten Jahren enorme Erfolge einfahren konnten.

Natürlich darf man immer hoffen. Ich bin sehr stolz auf die Erfolge der Schweizer Fahrerinnen. Denken wir nur an Jolanda Neff. Welt- und Europameisterin, mehrfache Weltcupsiegerin, Gewinnerin des Gesamtweltcups, das ist schon beeindruckend. Das gesamte Nationalteam hat ihr viel zu verdanken. Durch ihre Erfolge konnten auch die junge Talente behutsam heranwachsen, welche nun selbst auch schon im Weltcup vorne mitmischen.

Apropos Jolanda Neff. Wie geht es ihr nach dem schweren Trainingssturz Ende letzten Jahres?

Jolanda geht es schon wieder relativ gut. Sie kann gut trainieren, hat eine große Sicherheit und braucht nur körperlich noch etwas mehr Erholung, was auch verständlich ist. Sie kann aber bereits wieder größere Ausdauerblöcke fahren. Für Olympia wäre es knapp geworden. So kommt die Olympia-Verschiebung Jolanda durchaus entgegen.

Neben MTB-Star Jolanda Neff gibt es ja noch das Straßenteam.

Genau. Im Team sind auch zwei Quereinsteigerinnen mit riesigem Potential. Elise Chabbey und Marlen Reusser. Marlen war im letzten Jahr im Zeitfahren WM-Sechste und dadurch haben wir nun einen fixen Quotenplatz für Olympia.  Elise hat zudem mit 18 Jahren als Kanutin bei Olympia in London teilgenommen. Wir müssen jetzt langfristig denken. Die nächste Heim-WM 2024 in Zürich ist so ein Ziel. Da können wir mit einer kompetitiven Truppe um Medaillen mitfahren. Und noch etwas: Elise und Marlen haben beide Medizin studiert. So ist Elise derzeit als medizinische Assistentin in einem Krankenhaus im Einsatz. Nebenbei trainiert sie. Ich finde das nicht nur höchst professionell, sondern auch menschlich großartig. 

Die Coronakrise ist derzeit in aller Munde. Dein Bruder Adrian führt einen Bike-Shop im Südtiroler Schlanders. Wie geht es ihm in dieser Zeit?

Für Adi und seinen kleinen Betrieb ist es eine schwierige Situation. Es kommt ganz darauf an, wie die weitere Entwicklung ist. Er hat sich in den letzten Jahren auch auf Outoorbekleidung spezialisiert. Mal sehen. Ich gebe ihm Tipps, wo ich kann, ansonsten war ich die letzten Jahre wenig vor Ort.

Deine Botschaft zum Abschluss?

Natürlich die Regeln befolgen, Abstand halten und zu Hause bleiben. Ich habe auch wieder meine alte Trainingsrolle aus dem Keller geholt. Aber auch Kopf hoch. Eine Krise kann eine Chance sein, an Dingen zu arbeiten, für die man sonst gar nicht so Zeit hat. Sicher wird es für alle hart und für einige schwerer. Aber wenn jeder versucht, die eigenen Chancen zu nutzen, kann man auch etwas herausholen. Und auch ein gutes Wort hilft in solchen Zeiten der Unsicherheit. 

Redaktion

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