Christian Kuntner (Selbstporträt) Am 15.01.1962 wurde ich in Prad am Stilfserjoch geboren. Dort wuchs ich auf. Auch meine Liebe und Leidenschaft für die Berge hat in Südtirol ihren Ursprung. Nachdem ich die Schulzeit in Bozen mit einem Abschluss zum Fachingenieur für Maschinenbau abgeschlossen hatte, unterrichtete ich acht Jahre lang Mathematik und Naturkunde an der Mittelschule. Anschließend arbeitete ich als freier Mitarbeiter in einem Planungs- und Vermessungsbüro. Zwischen meinen Expeditionen arbeite ich auch heute noch als technischer Zeichner. Im Jahr 1991 hat es mich erstmals in den Himalaya gezogen: Der Cho Oyu (8201 m) wurde mein erster Achttausender. In den folgenden Jahren folgten Manaslu (8163 m), Broad Peak (8047 m), Dhaulagiri (8167 m), Mount Everest (8848 m), K2 (8611 m), Shisha Pangma (8013 m), Gasherbrum I (8047 m) und Gasherbrum II (8035 m), Makalu (8463 m), Nanga Parbat (8125 m), Kangchenjunga (8586 m) und Lhotse (8516 m). Der letzte der 14 Achttausender, die Annapurna (8091 m), soll nun im April/Mai 2005 folgen. Auf all meinen Expeditionen zu den höchsten Bergen der Welt war es mir stets von größter Wichtigkeit, auf faire Art und Weise den Bergen gegenüber zu stehen. Aus diesem Grund habe ich alle Gipfel ohne Zuhilfenahme von künstlichem Sauerstoff und Hochträgern erreicht.

“Angst habe ich immer”

Publiziert in 24 / 2005 - Erschienen am 14. Dezember 2005
[F] Der Prader Extrembergsteiger Christian Kuntner und der Malser Apotheker und Schriftsteller Johannes Fragner Unterpertinger in arte Hans Perting haben ein Projekt mit Gemeinsamkeiten gefunden: Der Aufstieg zur 8091 Meter hohen Annapurna, dem letzten Achttausender, der Christian Kuntner noch fehlt, ist der Anlass zur Herausgabe eines Bildbandes mit Texten und Bildern von Christian Kuntner durch den Provinz-Verlag mit Johannes Fragner Unterpertinger. Interview: Friedrich Haring Fotos: Christian Kuntner [/F] “Der Vinschger”: Christian, du bist schon mehrmals auf der Annapurna gewesen… Christian Kuntner: Nein, ganz hinauf bin ich noch nie. Ich bin 1997 das erste Mal auf der Nordseite der Annapurna gewesen, aber da war so ein schlechtes Wetter, dass im gesamten Himalaya keine Expedition weitergekommen ist. Im Jahre 2002 wollten wir den sieben Kilometer langen Grat machen, aber auch damals hat es nur geregnet und geschneit und wir mussten auch diesmal aufgeben. 2003 haben wir dann die Südwand gemacht. 200 Meter unter dem Gipfel mussten wir umdrehen um Seile zu holen. Auf dem Berg oben ist man erst, wenn man am Gipfel ist. Viele drehen schon auf den Vorgipfeln um und verkaufen dann etwas, was nicht der Wahrheit entspricht. Für mich zählt nur, wenn ich wirklich auf dem Gipfel stehe. Bei mir zählt nur das Erreichen des Gipfels ohne Hochträger und ohne Sauerstoff, der Rest wird von mir nicht akzeptiert. Bei jedem Hochleistungssport wird einer aus der Liste gestrichen, wenn Doping im Spiel ist. Das sollte bei uns Bergsteigern genauso sein: Künstlicher Sauerstoff ist im Grunde genommen fast auch so etwas wie Doping. Seit Reinhold Messner damals mit Peter Habeler ohne Sauerstoff auf den Mount Everest gegangen ist, hat das die ganze Welt schockiert, vor allem die Ärzte. Die ganzen ärztlichen Untersuchungen sind über den Haufen geworfen worden: Es hat sich gezeigt, dass es möglich ist und daher muss der Bergsteiger so fair sein und sagen: Ich gehe ohne Sauerstoff! Wenn wir jene, die mit Sauerstoff und jene, die ohne Sauerstoff gegangen sind, trennen, dann ist die Gruppe der Bergsteiger, die ohne Verwendung von künstlichem Sauerstoff gegangen sind, nur mehr ganz klein. Willst du daher zur Spitzengruppe der Bergsteiger dieser Welt gehören? Nein, ich will zu keinem gehören. Ich bin von Anfang an meinen Weg gegangen, ob er richtig oder falsch ist, das diskutiere ich gar nicht. Ich bin vielleicht einer von den ganz wenigen, der ohne Sauerstoff und ohne Hochträger seine Achttausenderbesteigungen gemacht hat. Aber das ist noch nicht alles: Ich bin auf den K2 auf der Nordkante geklettert, auf der seit neun Jahren keine Expedition mehr durchgekommen ist; ich bin der erste Italiener gewesen, der den Mount Everest auf der Nordseite erklommen hat, ich habe vor zwei Jahren auf einem der gefürchtetsten Achttausender, dem Kangchenjunga (88586 m) in der letzten Tausendmeterwand eine neue Route geklettert. Mit wem willst du die Annapurna besteigen? Meine Begleiter sind Andres Stefan aus Laas und Abele Blanc aus dem Aostatal. Es wäre schön, wenn wir gemeinsam den 14. Achttausender bewältigen können. Bergsteigen in dieser Art ist auch ein sehr einsames Bemühen, da jeder letzten Endes doch auf sich selbst gestellt ist? Ich glaube, dass Bergsteigen viel von der alten Romantik á la "Bergkameraden sind wir", wie es im Lied heißt, verloren hat. Für mich hat die Freundschaft und die Zusammengehörigkeit aber immer gezählt; ich hätte nie etwas gemacht, um jemanden hinten zu lassen oder auszutricksen, nur damit ich selbst weiterkomme. Wenn man gemeinsam geht, ist man logischerweise eine Gemeinschaft, aber ab einer bestimmten Höhe wird diese Gemeinschaft zu einer Interessensgesellschaft, weil es für mich nur dann stimmt, wenn ich sagen kann: Auch ich war am Gipfel! Ist das nicht so, dann war die Expedition für denjenigen erfolglos. Es geht doch auch um Leben und Tod? Sicher, darüber muss sich jeder im Klaren sein. Es muss akzeptiert werden, dass ab einer bestimmten Höhe und einem bestimmten Schwierigkeitsgrad der eine dem andern nicht mehr helfen kann. Und es wird auch akzeptiert, auch wenn es für die im Tal gebliebenen Eltern oder Freunde sehr schwer nachvollziehbar ist. Es ist halt leider Gottes bei dem Sport und den Höhen so, dass man bestimmte Kompromisse eingehen muss, auch wenn es der beste Freund ist. Welches Verhältnis zum Tod hast du selbst? Der Tod ist ein Teil des Lebens, das wollen viele nicht akzeptieren. Darum haben viele Angst, über den Tod zu reden, obwohl er zum Leben dazugehört. Wenn ich zu einer Expedition aufbreche sagt jeder: Hoffentlich kommst du wieder! Ich denke gar nicht an den Tod, denn wenn es sein soll, kann es überall und jederzeit passieren. Man muss den Tod nicht herausfordern, aber wenn die Zeit gekommen ist, dann ist er eben da, egal wo du bist. Hat deine Einstellung zum Tod auch mit deinen Glaubensvorstellungen zu tun? Ich weiß nicht, inwieweit da ein Zusammenhang besteht. Ich habe wenig Beziehung zu unserem katholischen Glauben, ich habe viel zu viel gesehen, was die katholische Kirche beispielsweise in Südamerika alles angerichtet hat. Das ganze "Drumherumgepredige", das bei uns betrieben wird, interessiert mich reichlich wenig, weil es für mich nicht mehr glaubwürdig ist. Jeder soll das glauben, was für ihn das Richtige ist. Wenn ich etwas akzeptiere und glaube, dann ist das der Buddhismus, weil dieser eine Lehre ist. Hast du auch Angst? Angst habe ich immer; wenn die Angst nicht mehr da ist, wird das Bergsteigen gefährlich, weil man zu viele Fehler macht und dann wahrscheinlich nicht mehr lange weiterlebt. Die Angst sagt jedem, wie weit er gehen kann. Was ist das für ein Gefühl, wenn man ganz oben am Gipfel angekommen ist? Wenn ich beispielweise in den Dolomiten bestimmte Wände geklettert bin, war ich vielleicht einen Moment glücklich. Auf einem Achttausender glaube ich nicht, dass einer ganz oben ein Glücksgefühl hat, weil man da einfach zu müde und zu ausgelaugt ist. Das Glücksgefühl kommt erst, wenn man im Basislager zurück ist. Der Berg ist nicht bezwungen wenn man oben ist, sondern erst wenn man im Basislager zurück ist. Für mich ist das Erreichen des Gipfels kein Siegesgefühl, sondern nur eine Genugtuung für mich selbst. Expeditionen sind teuer. Macht das Probleme? Darüber gibt es keine Diskussion, Himalaya-Bergsteigen kostet etwas: ich muss Genehmigungen bezahlen, ich brauche Träger bis ins Basislager, ich muss mit dem Flugzeug fliegen usw. Ein Permit für einen normalen Achttausender kostet in etwa 10.000 Euro, der Mount Everest von Süden her kostet bis zu 70.000 Euro. Das Schwierige für uns ist, dass wir uns nicht auf das Bergsteigen konzentrieren können, sondern immer auf den Gedanken: Kriege ich das notwendige Geld zusammen? Bei meinen Expeditionen kalkuliere ich mit der letzten Sparflamme. Andere Expeditionen geben für eine einzige Besteigung soviel aus, wie ich für alle meine Expeditionen zusammen. Sponsoring ist in Südtirol sehr schlecht entwickelt. Das einzige sind ausländische Firmen, die mir das Material zur Verfügung stellen, damit ich dann Verbesserungsvorschläge mache. Extrembergsteiger haben auf Jugendliche eine bestimmte Vorbildwirkung. Was würdest du einem jungen Menschen als Lebensmotto mitgeben? Das ist ein zweischneidiges Schwert. Ich kann die heutige Jugend ganz gut verstehen. Sie wissen oft vor lauter Angeboten nicht mehr, was sie eigentlich machen sollen. Und wenn einer Bergsteigen will so wie ich, merkt man, dass man nirgends eine Hilfe bekommt. Ich habe gesehen, dass im Valle d´Aosta eine nicht geringe Summe zur Verfügung gestellt wird, damit die erfahrene Bergsteigergeneration junge Leute mitnimmt auf Expeditionen, damit sie diese Erfahrungen machen können und Motivation zum Bergsteigen unter die Jugend bringen können. Wir schreien immer, unsere Jugend tut nichts, sie raucht, sie sauft jeden Tag und sitzt bloß herum. Wir müssen uns selbst aber fragen, wieso das so ist. Ich kann heute von einem Jugendlichen, der im Studium ist oder eine Lehre macht nicht verlangen, dass er 10.000 Euro auf den Tisch legt. Der Jugendliche sollte beispielweise 1000 Euro aufbringen für den Rest könnte die Gemeinde, das Land, die Region oder Sponsoren aufkommen. Grundsätzlich wären wir bereit Junge mitzunehmen, aber für die Hilfe ist kein Mensch ansprechbar und das finde ich schlimm. Dabei wäre es so wichtig, das die jungen Leute aus dem Tal hinausgehen und sich auch die Welt draußen anschauen, anstatt mit Scheuklappen im Tal auf und ab zu rennen. Wir bauen riesige Kultursäle um viele Milliarden und kein Mensch darf hineingehen, ohne wieder zu zahlen. In diesem Punkt habe ich Südtirol wirklich satt. Ich habe schon mindestens 50 Ansuchen um Unterstützungen abgegeben, ich will ja nichts geschenkt, sondern dafür auch etwas leisten, aber ich habe nicht einmal eine Antwort bekommen. Vor drei Monaten habe ich hier im Vinschgau eine Anfrage gemacht: Bis heute keine Antwort. Manche werfen mir vor, ich sei ein Eigenbrödler geworden, aber ich gehe einfach meinen Weg. Ich habe in den letzten 20 Jahren gelernt damit umzugehen. Ich will meine Meinung sagen können ohne Angst haben zu müssen, dass dann vielleicht dieses oder jenes Türlein nicht mehr aufgeht. Noch eine Frage zum geplanten Buch, das der Provinzverlag mit dir herausbringen will. Was wird das für ein Buch? Zu Büchern habe ich ein zwiespältiges Verhältnis, weil so viele Bücher herauskommen und wir so wenig Zeit zum Lesen haben. Ich hatte schon Interesse daran, aber ich habe keinen Verlag gefunden, weil es wahnsinnig viel Geld kostet das Buch so zu machen, wie ich es mir vorstelle. Da habe ich den Johannes Fragner Unterpertinger gefunden. Das Buch wird 14 Kapitel haben mit ebenso vielen kurzen Geschichten wie es Achttausender gibt. Diese Geschichten schreibe ich und dann werden Fotos von meinen Expeditionen kommen. Insgesamt sollen es 280 Seiten mit rund 300 Bildern werden. Das ist mein erstes Buch, denn bisher habe ich nur Filme gemacht.
Vinschger Sonderausgabe

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