Mit dem Angebot, anstelle der vollwertigen Filiale eine Anlaufstelle aufrecht zu erhalten, sind viele Mitglieder und Kunden nicht zufrieden.

Aus Bankfiliale wird Anlaufstelle

Publiziert in 11 / 2015 - Erschienen am 25. März 2015
Die Tage für die „Kassa“ in Graun sind gezählt. Kritik vieler Mitglieder und Kunden flaut nicht ab. Paul Gasser: „Wir können die Zahlen nicht schönreden“. Graun - Die Entscheidung des Verwaltungsrates der Raiffeisenkasse Obervinschgau, die Filiale Graun/Langtaufers am 31. März zu schließen, bleibt aufrecht. Als „Kompromiss“ wurde den Mitgliedern und Kunden bei einer Versammlung am Freitagabend mitgeteilt, dass in Graun eine Anlaufstelle erhalten bleibt, die an zwei Vormittagen in der Woche besetzt sein soll, um bestimmte Dienstleistungen anzubieten. Einleitend hatten Raika-Direktor Markus Moriggl und der Generaldirektor des Raiffeisenverbandes, Paul Gasser, versucht, die Argumente für die Schließung darzulegen. Moriggl verwies darauf, dass die Raika Obervischgau seit Jahren Verluste schreibe und die Filiale Graun/Langtaufers bezüglich der Geschäftsvolumina und Schalterfrequenzen das schwächste Glied in der Kette sei und schon seit Jahren von den anderen Filialen querfinanziert werden müsse. Die Raika habe bereits alles unternommen, um die Personal- und Verwaltungskosten der Genossenschaftsbank zu senken. Auch die insgesamt schwierigen Rahmenbedingungen für die Raika Obervinschgau ließ ­Moriggl nicht unerwähnt sowie die staatlichen und internationalen Entwicklungen. In Italien haben von 2007 bis 2013 insgesamt 876 Filialen zugesperrt, von 2013 bis 2014 waren es 770 und weitere 1.500 werden ab heuer schließen. In Nordtirol seien die Schließungen noch massiver. Das Gebiet im Obervinschgau sei wirtschaftlich insgesamt eher schwach aufgestellt. Mit der Schließung der Filiale Graun/Langtaufers könnten hohe Fixkosten eingespart und dadurch der Weg dafür geebnet werden, dass die Raika ab heuer wieder Gewinne schreibt und in ihrer Eigenständigkeit erhalten bleibt. Der Direktor erinnerte auch daran, dass die Verwaltungsräte bereits einmal persönlich hohe Strafen gezahlt haben. „Ich habe Verständnis, aber...“ Paul Gasser sagte, dass er großes Verständnis für die Emotionen habe, die aufgrund der Schließung hochkommen und dass er sich auch der historischen Bedeutung der Raika-Filiale in Graun bewusst sei. „Die Zahlen aber sind wie sie sind und wir können sie nicht schönreden.“ Der Raiffeisenverband habe die Entwicklung der Raika Obervinschgau schon seit Jahren sehr intensiv verfolgt: „Es ist angesichts der hohen Fixkosten nicht mehr möglich, eine vollwertige Filiale in Graun zu halten“, so Gasser. Er erinnerte auch an die Kontrollen seitens der Banca d‘Italia: „Der Kommissar war schon vor der Tür.“ Dem Verwaltungsrat und dem Direktor sei es gelungen, „Schlimmeres zu verhindern.“ Der Spielraum für den Erhalt der Filiale Graun/Langtaufers sei ausgereizt. Und Gasser wurde noch deutlicher: „Wenn die Raika Obervinschgau die Kurve nicht schafft, werden wir als Verband eine Fusion vorantreiben.“ Dass es damit um die Selbstständigkeit für immer geschehen wäre, liegt auf der Hand. Gasser ließ auch durchblicken, „dass die Filiale in Graun im Raiffeisen-Sektor nicht die letzte sein wird, die zusperrt.“ „Sonst kommt eine Fusion“ Der Vorschlag, in Graun eine Anlaufstelle aufrecht zu erhalten, die zweimal wöchentlich geöffnet ist, hält Gasser für ein „schönes Angebot.“ Ganz anders klang es hierzu aus den Reihen der Mitglieder sowie seitens mehrerer Gemeindeverwalter und Ratsmitglieder. Eine solche Anlaufstelle sei nicht mehr als eine „Amtsstube“, hieß es. Mit der Schließung der Filiale werde für die Bevölkerung von Graun und Langtaufers eine große Lücke aufgerissen. Viele verwiesen darauf, dass die Bank bisher zusammen mit den Gemeindeämtern, dem Arztambulatorium, der Apotheke, der Post und weiteren Ämtern eine Art Einheit gebildet hat. Mehrfach vorgeschlagen wurde auch, in Graun einen „ordentlichen Sitz“ zu errichten und im Gegenzug in St. Valentin oder Reschen „zurückzubauen“. Moriggl und Gasser hielten hierzu fest, dass sich die Lage betriebswirtschaftlich nicht bessern, sondern verschlechtern würde, wenn man zum Beispiel das Gebäude in St. Valentin verkaufen würde. Moriggl: „In der Bilanz ist der Wert des Gebäudes mit ca. 1,2 Mio. Euro angegeben, der Marktwert dürfte aber nur bei rund 400.000 Euro liegen.“ Außerdem wären in Graun neue Investitionen notwendig. Harsche Kritik Nicht glauben wollten viele Mitglieder, dass die Schalterfrequenzen in Graun tatsächlich viel um einiges geringer sind als in Reschen und St. Valentin. Auf die Frage, was mit dem Gebäude in Graun, wo der schönste Bereich ja als Anlaufstelle bestehen bleiben soll, geschieht, meinte Moriggl, dass eine Vermietung der verbleibenden Räume angepeilt werde. Zu den Bemühungen der Gemeindeverwaltung, einen Kompromiss zu finden, etwa in der Form einer Personalrotation zwischen den Filialen im Oberland, meinten Gasser und Moriggl, dass das Problem dadurch nicht gelöst werden könnte sei, denn die Fixkosten würden bleiben. Zu den Bemerkungen, dass die Schließung nicht im Sinne von Friedrich Wilhelm Raiffeisen sei und dass die „Kassa“ in historisch schwierigen Zeiten, sprich Seestauung, dank des Einsatzes der Mitglieder gehalten werden konnte, meinte Gasser: „Zu den Zeiten von Raiffeisen hafteten die Mitglieder unbeschränkt.“ Das traurige Kapitel der See­stauung sei ihm sehr wohl bewusst. Er rief zusammen mit Moriggl und Schwabl dazu auf, „gerade in schwierigen Zeiten wie den jetzigen zusammen zu stehen und nicht auseinander zu laufen.“ In voller Zufriedenheit dürften nach der Versammlung wohl die wenigsten nach Hause gegangen sein. Es war ein Abend, für den man als Motto „Zahlen contra Emotionen“ hätte wählen können. Wie die „Anlaufstelle“ anlaufen wird, muss sich erst weisen. Ob die Befürchtung, wonach dem Schicksal der Filiale Graun/­Langtaufers weitere Filialen im Oberland folgen könnten, unbegründet ist oder nicht, wird ebenfalls die Zukunft zeigen. Bereits fest steht der Termin für die Vollversammlung, die am 18. April in Burgeis stattfindet. Auf der Tagesordnung steht auch die Nachbesetzung von Verwaltungs- und Aufsichtsratsmitgliedern. Petra Plangger aus Graun ist vor wenigen Wochen aus Protest gegen die Schließung der Filiale Graun/Langtaufers als Verwaltungsrätin zurückgetreten. Sepp
Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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