Werden bis zu 30 Jahre alt: Große Hufeisennasen im Winterquartier Bunker in Mals; Foto: Rudolf Leitl

Bauernopfer „Kleine Gitsch“

Publiziert in 15 / 2013 - Erschienen am 24. April 2013
EU- und Landesgelder fließen in Projekte, die sich gegenseitig ­bekämpfen. Eine kleine Geschichte politischer Perversion. Schluderns - Die Große ­Hufeisennase, mit einer Brutkolonie in der Schludernser Pfarrkirche beheimatet, ist in Mitteleuropa vom Aussterben bedroht. Deshalb werden die nachtaktiven Tierchen - auch Rinolophus ferrumequinum genannt - seit Jahren mit Hilfe von EU-Geldern in Form von kleinen Interreg-Projekten unterstützt. Im Falle der Schludernser Wochenstube in der Pfarrkirche unterstützen der Landschaftsfonds des Amtes für Natur und Umwelt und die Gemeinde Schluderns die Studie „Jagdlebensräume der Großen Hufeisennase im Oberen Vinschgau: Gefährdung und Schutzmaßnahmen“ von ­Christian Drescher und Eva Ladurner. Während seit Jahrzehnten erforscht ist, dass Pestizide in Land- und Forstwirtschaft die primäre Rückgangsursache der Fledermaus sind, macht den Tieren, die auch ihre Winterquartiere im Umkreis von 50 km beziehen, zunehmend der Rückgang ihrer Lebensräume zu schaffen. Die Verbindung Monokulturen und Spritzmittel bekommt ihnen nicht: in einem Radius von 3,5 km rund um ihre Wohnungen sollten 30 Prozent der Fläche hochwertige Jagdgründe sein: Mähwiesen, Fettwiesen, wasserbegleitende Gehölze, Hecken, Weiden, Streuobstwiesen. Das Ausbringen von Pestiziden tötet so manche Nahrungsquelle der „Kleinen Gitsch“, wie sie in Tirol genannt wird, wie nachtaktive Insekten oder - wie im unteren Talboden der Fall, die Schmetterlinge. Gleichzeitig fließen jedoch EU- und Landesgelder an genau jene, die größtenteils für die Bedrohung der Art verantwortlich sind: die industrielle Landwirtschaft in Form von Monokulturen. „Eine Perversion der Politik“, findet der Schludernser Bürgermeister Erwin Wegmann. Es sei nicht logisch, Projekte mit Geldern zu fördern, worin Tiere geschützt würden, die aufgrund der ebenfalls subventionierten Landwirtschaft erst dezimiert oder ausgerottet wurden. Seine eigene Wiese hat er verpachtet: Gesundheitlichen Folgeerscheinungen nach dem Ausbringen von Fungiziden waren einer der Gründe dafür. Wo es sich leichter lebt Der Schludernser Bauer Stefan Frank baut auf rund acht Hektar Obst an. Ihm ist die Information neu, dass die Schludernser Fledermäuse durch den Obstbau gefährdet seien, glauben will er sie erst nicht. Es fehle an Aufklärung, räumt er ein. Der Trend gehe jedoch weiter in „Richtung Obstbau und die Entwicklung des Bauern dorthin, dass es sich leichter lebt“. Viele Bauern wüssten zu wenig, was wirklich passiere. Doch gibt es mehrere Beispiele ausgestorbener oder gefährdeter Tierarten, die in Südtirol aufgrund von Monokulturen ihren Lebensraum verloren haben. Laut der Abteilung Natur, Landschaft und Raumentwicklung sind 41 Prozent der heimischen Tierarten in Südtirol bedroht. Hauptursache für diese Entwicklung sind die intensive Nutzung der Tallagen und die damit einhergehende Vernichtung, Zerschneidung und Isolierung von Restbiotopen. Der Kiebitz, der vor einigen Jahren noch Brutkolonien zwischen Laas und Schluderns hatte, befindet sich heute nur auf Durchzug. Früher weit verbreitete Arten wie die Gartengrasmücke und die Feldlerche gehen zurück. Sind Arten einmal verschwunden, kommen sie nicht wieder. Problematisch für viele Tier- oder Vogelarten ist der Strukturverlust an ökologischen Trittsteinen wie Hecken und Dornenhecken, Trockensteinmauern, Lesesteinhaufen, alten Bäumen oder Baumgruppen. 280 Hektar neuer Obstbaufläche in einem 150 Quadratmeter großen Gebiet wird an den Hufeisennasen nicht vorbeigehen - das befürchten die Biologen im Oberen Gericht: Schluderns ist die Mutterkolonie auch der Nordtiroler Großen Hufeisennasen. Gelder zum Fenster rausschmeißen ist eine Sache Doch nicht nur die Verteilung der monetären Mittel sind Grund zur Sorge, das Schwinden der Biodiversität ist für den Menschen weitaus besorgniserregender. Naturkreisläufe hängen von ihr ab, der Abbau von Schadstoffen, der Schutz des Bodens vor Erosionen, die Fruchtbarkeit der Böden, Blütenbestäubung, natürlich Unkraut- und Schädlingsbekämpfung oder auch die Wasserqualität. Genetische Vielfalt ist überlebenswichtig: unzählige Medikamente und neue Pflanzen- oder Sortenzüchtungen können nur entstehen, weil ein vielfältiger Genpool vorhanden ist. Auch der Tourismus profitiert von einer vielfältigen, struktur­reichen Landschaft. Für einen weiteren Maßnahmen-Katalog seien in diesem Jahr, so Bürgermeister Wegmann, keine Gelder mehr da. Stattdessen werden die schon für die Fledermaus sensibilisierten Grund - und Mittelschulkinder das jährliche Baumfest in Richtung Eingang des Matscher Tales mit einer Heckenpflanzung von 700 Sträuchern begehen. Viele Fragen bleiben offen: Braucht es einen weiteren Maßnahmen-Katalog? Und, wenn, ist es bei einem Zuwachs von rund 20 Hektar Obstbauanlagen pro Jahr in Schluderns 2014 nicht zu spät für die Große Hufeisennase? Wären genug der richtigen ­Hecken vorhanden, wenn Agrios-Richtlinien umgesetzt würden? Welche Richtlinien wird es für Kirsch- und Marillenplantagen geben? Gehören heimische Arten nicht zur Heimat Südtirol? kat
Katharina Hohenstein
Katharina Hohenstein
Vinschger Sonderausgabe

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