„Bomben sind keine Lösung“

Publiziert in 1 / 2017 - Erschienen am 18. Januar 2017
Jürgen Todenhöfer befürchtet weitere Anschläge seitens des IS. 500 Besucher bei Vortrag in Sulden. Sulden - Es war Ende 2014, als sich der Publizist und Autor Jürgen Todenhöfer zusammen mit seinem Sohn Frederic 10 Tage lang in Gebieten des sogenannten Islamischen Staates aufhielt. Er sprach mit u.a. mit IS-­Kämpfern und Terroristen, die aus dem Ausland eingereist waren. Gewagt hatten Todenhöfer und sein Sohn die gefährliche Reise erst, nachdem ihnen das Büro des Kalifen Ibrahim (Abu Bakr al-Baghdadi) eine schriftliche Sicherheitsgarantie ausgestellt hatte. Die Eindrücke, Erfahrungen und Schlussfolgerungen der 10-tägigen Reise hat der ehemalige Bundestagsabgeordnete und Medienmanager, der sich seit Jahrzehnten für den Frieden in der Welt einsetzt, im Buch ­„Inside IS – 10 Tage im ‚Islamischen Staat’“ zusammengefasst, das im C. Bertelsmann Verlag erschienen ist. Dass das Buch nichts an Aktualität verloren hat, zeigte sich am vergangenen 5. Jänner im Freizeitzentrum in Sulden. Vor rund 500 Personen las ­Todenhöfer aus seinem Buch, zeigte einen Dokumentarfilm über die Reise in den IS-Staat und stellte sich zusammen mit Frederic, der die Aufnahmen gemacht hatte, der Diskussion. Was Jürgen ­Todenhöfer vom IS bzw. dessen Anführern und Anhängern hält, bringt er in einem offenen Brief an Abu Bakr al-Baghdadi zum Ausdruck. Demnach schade al-Baghdadi der gesamten islamischen Welt. Die Ideologie des IS verstoße klar gegen den Islam. Die IS-Ideologie sei in diesem Sinn ein „Gegenprogramm zum Islam.“ Al-Baghdadi predige nicht den Islam, sondern seine Privat-Scharia. Der IS ist laut Todenhöfer ein krimineller Staat. Die Strategie von ca. 60 Ländern, den IS mit Bomben bzw. mit der Unterstützung von Rebellengruppen zu be­kämpfen, hält Todenhöfer für völlig falsch. Bombardements kämen einem Terrorismus-Zuchtprogramm gleich. Der Buchautor ist überzeugt, „dass nur die sunnitischen Iraker den IS bekämpfen und besiegen können.“ Außerdem schlägt Todenhöfer eine große Friedenskonferenz für den gesamten Osten vor. Zur Frage, inwieweit die USA mitverantwortlich für die derzeitigen Zustände seien, meinte Todenhöfer, dass Amerika sehr wohl eine rechtliche und moralische Verantwortlich trägt, weil es z.B. absichtlich bestimmte Rebellen unterstützt, was völkerrechtlich gesehen einem Angriffskrieg gleichzu­setzen sei. Außerdem gäbe es Leute, die mit Kriegen Geld verdienen. Was der IS wirklich will, ist laut Todenhöfer klar: „Eine der wichtigsten Strategien des IS ist es, einen Keil in unsere westlichen Gesellschaften zu treiben. Die IS-Anhänger wollen, dass es Anschläge in westlichen Ländern gibt und dass die Bevölkerung in diesen Ländern wütend auf alle Muslime wird.“ Darin liege großes Gefahrenpotential, „denn es könnte dazu kommen, dass rechtsradikale Parteien großen Zulauf erleben.“ Mehrmals verwies Todenhöfer darauf, dass die übergroße Mehrheit der ­Muslime nichts mit den IS-Terroristen am Hut haben. Der Anteil der IS-Anhänger sei mit 0,02,% verschwindend klein. Der IS sei heutzutage der schlimmste Feind des Islam. Auf die Frage, ob er sich persönlich in Deutschland sicher fühle, meinte Todenhöfer: „Ich selbst fühle mich sicher, aber ich glaube, dass es in Deutschland weitere Anschläge geben wird.“ Ein Anschlag irgendwann vor der Bundestagswahl könnte unliebsame Folgen haben. Für Todenhöfer hat der IS so wenig mit dem Islam zu tun wie Vergewaltigung mit Liebe. Mit dem Erlös aus dem Buchverkauf und aus dem Dokumentarfilm finanzieren Jürgen und Frederic Todenhöfer übrigens Prothesen für schwer verletzte Kinder in Syrien. Bisher konnten mit dem Erlös aus dem Buchverkauf für 61 Kinder Fußprothesen gekauft werden. Außerdem wurden ein Fußballplatz sowie ein Spielplatz in Gaza errichtet. Todenhöfer bedankte sich bei allen, die den Vortrags- und Diskussionsabend in Sulden organsiert bzw. unterstützt haben, besonders bei seinem Freund Paul Hanny und der Freiwilligen Feuerwehr Sulden. Sepp
Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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