Gedränge beim Einsteigen in Meran; Foto: joos

Dampf und Ruß und blanke Bänke

Publiziert in 16 / 2006 - Erschienen am 9. August 2006
Zum 100-Jährigen Geburtstag der Vinschgerbahn rollte ein Zug der Gesellschaft historischer Züge Italiens von Meran nach Mals und zurück. Gräfin zu Radewitz verließ exklusiv für den „Vinschger“ ihre schwere Holzkiste und war live dabei. Meran, 30. Juli 2006, 9 Uhr: Puh! Was hier los ist! Die Hitze ist fast unerträglich, ich schätze mich glücklich, meinen Hut aufgezogen zu haben. Die Temperatur erinnert mich eher an Bombay als an unser hübsches Kurstädtchen, aber gut: Ich habe einen Auftrag, den will ich wohl wahrnehmen. Mich wundert, dass ich die einzige Dame mit Hut bin, vor allem aber scheint mir, als sei ich die einzige Dame überhaupt. Andere Weiblichkeiten sind recht maskulin gekleidet, die Hüften sind verschwunden – die neue Mode? Durchaus nicht ohne Reize. Mich wundert, wo die Fotoapparate sind und wo die Politiker, augenscheinlich fehlen jene Herren. Zwei Bahnangestellte entdecke ich, um die sich eine Menschenmenge bildet, warum wohl das? Nur durch langen Umgang mit der Aristokratie europäischer Adels- und Südtiroler Kaufmannsfamilien erlernten Intuition fange ich an, zu verstehen: die Bahnangestellten sind eigentlich die Wichtigen. Ich nehme an, es handelt sich um Politiker, auch wenn der Blauäugige sich besonders höflich benimmt. Ah, ich verstehe: Die Stative brauchen sie jetzt nicht mehr: die wundersam winzigen Metallgehäuse erzielen den gleichen Effekt und machen Fotos. Es tutet, dampft, zischt und pfeift - Die Lokomotive soll starten: Spätestens jetzt ist das mit den Wichtigen deutlicher: Sie kommen in das erste Abteil, dort sitzen sie hübsch beieinander, alle anderen Gäste sitzen in den hinteren Abteilen. Sehr sauber, sehr ordentlich, dieser Zug! Wohl deshalb so ungewohnt für mich, weil die Lok aus den Zwanzigern, die Waggons aus den 30er Jahren stammen, da lag ich schon im Eichenkistchen. Sie rußt ungemein, die Lok, aber der Bahnpräsident erklärt, dass bei einer solchen Nostalgiefahrt fast alles erlaubt sei, was Schadstoffe angeht, auch wenn im Jahr 2006 so etwas schon längst nicht mehr zu beklagen sei. Zumindest nicht im Bahnbereich. Mir fehlen die Kinder, so viele gibt es davon nicht, dabei ist das Bahnfahren für sie doch der allergrößte Spaß! Ich werde – das liegt sicherlich an meinem außerordentlichen Hut – im Bahnbeamten-, ach, nein, im Politikabteil - zum Verweilen eingeladen. Welch Freude. Dabei sind sie so ernst, die lieben Herren! Und sprechen – fast automatisch, sicherlich wollen sie mein Unwissen über die andere Bahn, die von 2005, weswegen eigentlich der ganze Trubel ja veranstaltet wird, dezimieren, – von zusätzlichen Spezialanhängern, die in Zukunft angekoppelt werden sollen. Das Fahrradfahren ist eine solche Freude der Südtiroler und Südtirolliebhaber geworden, dass sie das liebe Gefährt überall einsetzen müssen. Naja. Die Herren sprechen davon, wie sie die Strecke entlang des Zuges schnellstens ausbauen wollen, besonders von Latsch bis Kastelbell und von Algund bis zur Töll, damit die Menschen von Meran bis Mals mit Zweirad fahren können. Warum nur, wenn es doch den Zug gibt? Kurzfristig nicht, aber mittelfristig, so höre ich, gäbe es dann einen Schnellzug von Mals bis Venedig, und schon am 12.12. dieses Jahres gibt es dann die Verbindung Mals nach Bozen. Es ist ganz reizend, finde ich, dass es den örtlichen Bahnbeamten, Entschuldigung, Politikern, gelingt, so etwas Pragmatisches für die liebe Bevölkerung zu ermöglichen. Potzblitz, die ersten Kontrolleure. Meine braven Politiker haben alle ein Ticket, welches sie selbst zahlten. Mich wundert das sehr. Nur ein ganz wilder Gesell, der in der Türe herumlungert, der hat keines. Den Kontrolleuren entfleucht ein Lächeln: im Politikerabteil, denke ich, denken wohl auch sie, ist eben alles erlaubt. Nur zuviel Fragen sollte man nicht. Weiter fahren wir, und beim Tunnel, der jetzt kommt, da wird es ganz schön eng. Es habe nicht viel gefehlt, so eine freundliche Dame, und die Bahn wäre da nicht durchgekommen. Das hat sie glücklicherweise erst später erwähnt. Von Schlanders nach Mals Den Schlanderser Kirchturm im windgebeutelten Auge biegen wir zischend um die Kurve: Eine Menschentraube erwartet uns. Hier haben wir Aufenthalt, es wird Wasser aufgetankt. Einige Kinder treffe ich jetzt an, sie konnten leider nicht mitfahren, schauen sich aber das Spektakel und die Lok an: „Ganz toll“ finden sie das, „sie hätten aber zu Hause wichtigeres zu tun“. Hier gibt es überhaupt viele Menschen; ein paar sehen aus, als seien sie aus meiner Zeit, tragen Hüte, lange Kleider, leiden unter der Hitze wie die Kontrolleure, der Rest sieht aus, als wolle er Baden gehen und schwitzt dennoch. Eine Modelleisenbahn ist hier aufgebaut, die „afacionados“ der Eisenbahn nutzen den Tag und freuen sich, neben dem Miniaturbähnchen zu stehen, selbst wenn der Trubel draußen ist. Einmal die Woche, dienstags abends, kann jeder kommen und Eisenbahn spielen oder Eisenbahn nachbauen oder Sonstiges tun. Vor den Gleisen, vor der Bahn, mitten in der Menge, kippen alle Sekt hinunter, der wilde Schwarzfahrer nimmt gleich zweimal, dann tuckern wir weiter. Es ist heiß, heiß, und nochmals heiß, aber durchaus erfrischend, wir können alle die Köpfe so schön aus den Fenstern halten! Die Luft ist frisch! Bis auf den Ruß. Es ist wirklich schön hier drinnen, mit reservierten Plätzen für die Kriegsinvaliden und wunderschön polierten Holzbänken. In den neuen Zügen, das ist aber Teil der Mode, sind die Fenster geschlossen: Da gibt es künstlich-kalte Luft, und die Fenster müssen deswegen geschlossen bleiben. Auch die Pünktlichkeit kann nicht auf allen Gleisen gleichzeitig geschehen. Der Geburtstagszug hält sich strikt an den Fahrplan. Die andere, die viel gepriesene, die geliebte, die wunderbare Vinschgerbahn, die hat eine Stunde Verspätung. Sie ist überfüllt und gar nicht gut gelüftet, aber die Fahrgäste sind guter Laune. Das ist aber kein Grund zur Besorgnis. „Gut Ding“, sagte der Alte zu Radewitz immer, „braucht Weil“.
Katharina Hohenstein
Katharina Hohenstein

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