Helmar Oberlechner, Medienpädagoge und –soziologe

Der Faustschlag aus dem Netz

So gefährlich ist Cybermobbing. Und was man dagegen tun kann. 

Publiziert in 42 / 2021 - Erschienen am 16. Dezember 2021

NATURNS - Cybermobbing - Der Faustschlag aus dem Netz: So lautete der Titel eines Vortrags, der kürzlich im Jugendzentrum Naturns stattgefunden hat. Unter Cybermobbing versteht man heute seelische Verletzung, Bedrohung, Belästigung, Ausgrenzung, Diskriminierung von Personen durch Einzelne oder Gruppen meist über einen längeren Zeitraum via Internet und/oder Handy. „Was durchaus auch früher schon stattfand – Klatsch und Tratsch über Dritte, Ausgrenzung von Außenseitern, Hänseleien, Bloßstellen, körperliche Attacken – findet via Handy und Internet eine noch nie da gewesene Verbreitungsmöglichkeit, praktisch in Sekundenschnelle, weltweit und jederzeit“, erklärte der Medienpädagoge Helmar Oberlechner. der Vinschger hat mit dem Experten gesprochen. 

der Vinschger: Wo kommt Cybermobbing am häufigsten vor?

Helmar Oberlechner: Grundsätzlich kommt Cybermobbing überall dort vor, wo Menschen über Smartphone, Internet, Soziale Netzwerke sowie Telefon miteinander kommunizieren. Die Schule ist vermehrt Schauplatz dafür. Laut meinen aktuellen Studien an Südtiroler Schulen (die letzte 2020/21 an der Mittelschule Lana) fühlen sich etwa 12 bis 18 Prozent der Schüler und Schülerinnen durch Aktivitäten über das Smartphone und Soziale Netzwerke (allen voran WhatsApp, TikTok und Instagram) belästigt, bedroht oder gemobbt. Der höchste Anteil an Cybermobbing-Vorfällen betrifft Kinder mit Eintritt in die Pubertät (circa 12 bis 13 Jahre). Während bis zu diesem Alter ein stetiger Anstieg zu verzeichnen ist, nehmen die Vorkommnisse mit zunehmendem Alter wieder etwas ab.

Wie wird gemobbt? 

Die Methoden sind einfallsreich und hintertückisch. Etwa durch Verleumden, Gerüchte, Outings via Handy und Soziale Netzwerke. Auch Missbrauch mit der Identität, zum Beispiel unerlaubte Verwendung oder Veränderung, Verunglimpfung eines Profils, unerlaubtes Posten oder Weiterleiten persönlicher Daten anderer stellen Gefahren dar. Der Ausschluss aus sozialen Gruppen wie WhatsApp-Gruppen, was in der Folge auch Ausschluss aus „realen“ Gemeinschaften (Mitschülergruppen, Freundeskreisen) bedeuten kann, ist eine weitere Form von Cybermobbing. Auch kann es zur Verletzung der Intimsphäre kommen, Stichwort Sexting (hier werden Sexfotos und Videos ins Netz gestellt). Weitere Formen des Cybermobbings sind das Happy Slapping (Filmen bei peinlichen Situationen) sowie Deepfakes (Fälschen oder Ändern von Video- oder Audioinhalten mit Hilfe künstlicher Intelligenz bzw. Apps) und gar einige mehr. 

Wer sind die Opfer?

Opfer können grundsätzlich alle werden – vom Kind bis zum Erwachsenen. Schüler mobben Mitschüler, auch Lehrpersonen können Opfer von Cybermobbingattacken werden, Arbeitskollegen Mitarbeiter und Vorgesetzte. 

Was macht das Cybermobbing mit den Betroffenen?

Cybermobbing hat fatale Auswirkungen auf Psyche, körperliche Gesundheit und Sozialverhalten von Opfern und Tätern. Mobbing und Cybermobbing machen den Opfern das Leben regelrecht zur Hölle. Sie leiden unter Kopf- und Magenschmerzen, Schlafstörungen, Angstzuständen, Depressionen, ziehen sich immer mehr zurück oder reagieren aggressiv gegen ihre Umwelt, was zu Schul- und Berufsversagen und weiterer sozialer Ausgrenzung, im schlimmsten Fall zum Suizid führen kann.

Was kann man tun? 

Eltern und Schule sollten Alarmsignale beachten: Etwa wenn Kinder sich sozial zurückziehen oder auffällige Verhaltensänderungen nach einem Chat bzw. nach einem Schultag aufweisen, wie ungewohnte Aggressivität, Depressivität, Apathie, Unruhe, Appetitlosigkeit oder Essstörungen. Plötzliche Schulangst und Leistungsabfall können ebenfalls Signale sein. Auf Mobbing muss man reagieren und die Beteiligten darauf ansprechen, seitens Schule, Eltern, etc. Grobe Fälle sind zur Anzeige zu bringen. 

Michael Andres
Michael Andres
Vinschger Sonderausgabe

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