„Wir erleben Landschaft als das, was wir in sie hineinlegen“, sagte Raimund Rodewald.
Der Landschaftsexperte Raimund Rodewald
Gemeindereferent Luis Hellrigl konnte rund 100 Interessierte begrüßen.

Der Wert der Landschaft

Landschaftsexperte Raimund Rodewald referiert in Taufers im Münstertal

Publiziert in 39 / 2019 - Erschienen am 12. November 2019

Taufers im Münstertal - Hat Landschaft einen einheitlichen Wert und wenn ja, woran sollte man den Wert einer Landschaft messen? Eine schwierige Frage in einer Gesellschaft mit so vielfältigen Meinungen wie in der unsrigen. Die freie Arbeitsgruppe „Taufers ibrmorgn“ hat dazu, gemeinsam mit der Gemeinde Taufers im Münstertal, Pro natura Val Müstair, Biosfera Val Müstair, mit der Umweltschutzgruppe Vinschgau, dem Heimatpflegeverband und der Stiftung Landschaft Südtirol und auf persönliche Initiative von Gerhard Kapeller, den bedeutendsten Schweizer Landschaftsexperten Raimund Rodewald nach Taufers im Münstertal eingeladen. Rodewald gelang es, das vielschichtige Thema so zu analysieren, dass eine fundierte Diskussion über den Wert der Landschaft möglich wird. Rodewald holte sich zuerst philosophische Anleihen bei Martin Buber, dessen Überlegungen über menschliche Beziehungen auch die denkerische Basis für die Beziehung von Mensch und Landschaft darstellen: „Wir erleben Landschaft als das, was wir in sie hineinlegen und was sie uns widerspiegelt“. Tausende Gedichte und Heimatlieder sind ein beredtes Zeugnis dafür. Der eine sieht in einem Baum ein Wunder der Natur, der andere vor allem seinen Holzwert. Der Ort, wo ich meine Geliebte das erste Mal geküsst habe, wird stets einen anderen Wert für mich haben als irgendwelche anderen Plätze, mit denen mich nichts verbindet. Diese Erfahrungen haben wohl alle irgendwann einmal gemacht. 

Die Beziehung zur Landschaft

Der Wert einer Landschaft steckt nicht in der Landschaft selbst, sondern er steckt in uns und in unserer Beziehung zu dieser Landschaft. Experte Rodewald entwickelte so eine differenzierte Betrachtungsweise von Landschaft, je nach dem, was wir in ihr sehen: Die Schönheit oder der Nutzwert, orientiert an den Bedürfnissen der Menschen, die diese in die Orte hineintragen. Menschen können sich so stark mit Landschaften identifizieren, dass sie zu allem bereit sind, diese Landschaften für sich zu erhalten und zu verteidigen. Als Beispiel nannte Rodewald den Fluss Whanganui in Neuseeland, für den die Maori dieselben Rechte erstritten haben, wie für ein menschliches Lebewesen: Ein Fluss mit Menschenrechten, was dort sogar vom Staat anerkannt wurde. Es ging auch dort um ein Wasserkraftwerk, wobei Analogien zu Taufers durchaus erwünscht seien. Werte sind leider nicht messbar und werden so bei vielen Entscheidungen einfach und oft auch leichtfertig beiseitegeschoben. Das Pendel schwankt immer zwischen ideellem und materiellem Wert, ohne dass der eine Wert den anderen ausschließen müsste. Dazu braucht es natürlich eine profunde Diskussion und auch einen Wertausgleich, der auch finanzieller Natur sein könnte, um die Systemleistungen der Natur wie beispielweise sauberes Wasser, gute Luft, schöne Landschaft usw. nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen oder gar zu zerstören.

Unterschiedliche Landschaftswerte

Welche Landschaftswerte sind nun allgemein schutzwürdig und daher im Ausgleich zu betrachten? Dazu gehören die ökologischen Werte wie beispielsweise eine attraktive, vielfältige Landschaft, weiters kulturell-ästhetische Werte wie die geschaffene Kulturlandschaft und geschichtlich wichtige Landschaften und Orte. Selbstverständlich sind auch wirtschaftliche Werte zu beachten, aber sie sollten nicht einfach allein geachtet werden und wie selbstverständlich Priorität haben. Denn auch ökologische und kulturelle Werte können einen starken ökonomischen Werteaspekt haben. Die Menschen suchen immer mehr solche Landschaften und Plätze, wo sie sich wohlfühlen. Das gilt für Einheimische wie für Gäste. Ein kluges Landschaftsmanagement wird diese Tatsche nachhaltig und in steigendem Ausmaß beachten, denn landschaftliche Attraktivität ist nicht nur ein Tourismusfaktor, sondern immer mehr ein Gesundheitsfaktor für eine stressgeplagte, urbanisierte und oft krankmachende Umwelt. Rodewald: „Es sollte daher keinen Ort auf unserem Planeten geben, der uns einfach egal wäre.“

Friedrich Haring
Friedrich Haring

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