Die Steinböcke in der Terra Raetica
Steinwildkolonien im Visier der Wissenschaft
Dreiländereck - Unlängst fand im Kaunertal das erste Jahrestreffen des laufenden Interreg- Projektes „Genetik und Gesundheitszustand des Steinwilds in der Terra Raetica“ statt. Das Projekt untersucht die Genetik und den Gesundheitszustand des Steinwildes in den Revieren um die Vinschger Kolonien „Sesvenna“ und „Weisskugel“, die Burggräfler Kolonie in der Texelgruppe und die Tribulaun- Kolonie im Wipptal. In Nordtirol wurde die Genetik schon untersucht, daher konzentriert man sich bei den Nordtiroler Projektpartnern in der Landesjagd Pitztal und der Genossenschaftsjagd „Birgalpe“ im Kaunertal auf die häufigsten parasitären Krankheiten wie Gamsblindheit, Paratuberkolose, Blutparasiten, Moderhinke, Magen- Darm Parasiten, Lungeninfektionen und Zecken.
61 Proben entnommen
Die Auftaktveranstaltung für das Projekt hatte am 10. Juni 2025 in Schnals stattgefunden, und zwar im Beisein von Revierleitern und Jagdaufsehern fast aller rund 45 Steinwildreviere Südtirols. Die wissenschaftliche Betreuung der Untersuchungen zum Gesundheitszustand hat die in Innsbruck beheimatete Agentur für Gesundheit und Ernährungsschutz (AGES) übernommen. Bis zum Ende der letztjährigen Jagdsaison am 30. November sind 61 von 140 Proben (Blut, Gewebe oder Kot) von erlegten oder auch lebend gefangenen Tieren entnommen worden. Die Proben wurden nach wissenschaftlichen Vorgaben von den Jagdaufsehern, die in Südtirol alle jagdlichen Entnahmen begleiten müssen, genommen, gekühlt aufbewahrt und schnellstmöglich nach Bozen gebracht. Von dort wurden sie wöchentlich von einem Kurierdienst des Landes in die Labore nach Innsbruck geliefert.
Erste Ergebnisse liegen vor
Die AGES hat nun die ersten Ergebnisse vorgestellt: Entgegen den allgemeinen Erwartungen wurde bei 61 Untersuchungen in Südtirol und 45 Steinwildstücken in Nordtirol kein Moderhinke-Fall, nur ein einziger Fall von Gamsblindheit und Paratuberkolose festgestellt. Allerdings aber wiesen 10 bis 20% der Einsendungen bakterielle Lungenentzündungen auf und fast jede Lunge hatte Lungenwurmbefall.
Gleichzeitig wurden auch die Genetik-Proben genommen und zur Untersuchung an die Universität Zürich geschickt. Diese hat seit 20 Jahren Erfahrung in der genetischen Forschung am Alpensteinbock. Sie hat zudem eine Methode entwickelt, die es ermöglicht, etwa 1000 genetische Marker des Alpensteinbocks zu untersuchen. In den Terra Raetica-Steinwildbeständen macht sich letzthin vermehrt die mangelnde genetische Vielfalt – das gesamte Steinwild stammt von einer sehr kleinen Restkolonie im Aostatal ab – und die damit einhergehende Inzucht bemerkbar, sodass längerfristig im Interesse dieser Wildart Maßnahmen ergriffen werden müssen. Namhafte Wildbiologen/innen vom Nationalpark Gran Paradiso erarbeiten jetzt Empfehlungen, wie durch Translokationen von Individuen in bestehende Steinwildkolonien die genetischen Risiken minimiert und die Inzucht reduziert werden könnte.
Maßnahmen gegen die Inzucht
„Im Frühsommer sollen die ersten Ergebnisse in Bozen bei einem Workshop in der EURAC im Beisein der obersten Wildbehörde in Rom – ISPRA – vorgestellt und mit den Revierleitern und Jagdaufsehern in den ca. 45 Steinwildrevieren Südtirols diskutiert werden“, kündigt der Projektkoordinator Albrecht Plangger an. Ebenso sollen die ersten Ergebnisse des von der EURAC betreuten Bausteins „Digitale Karten, lebendige Wildtiere - Geoinformation im Einsatz für das Steinwildmanagement“ vorgestellt werden. Die EURAC hat untersucht, ob der Klimawandel das Auftreten und die Verbreitung parasitärer Krankheiten wie Gamsblindheit und Lungeninfektionen beeinflusst. In Bozen soll außerdem ein Vorschlag für den 5-Jahres-Managementplan 2027-2031 erarbeitet werden. Das Fazit von Albrecht Plangger: „Die Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg zeigt ihre ersten sehr positiven Aspekte.“