Im Bild (v.l.): Dieter Pinggera, Herbert Raffeiner, Roselinde Gunsch Koch, Richard Theiner, Georg Vallazza und Josef Stricker.

„Die Unzufriedenheit ist gestiegen“

Publiziert in 36 / 2013 - Erschienen am 16. Oktober 2013
Wohin entwickelt sich die Gesellschaft in Südtirol? Podiumsgespräch in Schlanders Schlanders - Ein interessantes Podiumsgespräch fand kürzlich auf Einladung des SVP-Bezirks­sozialausschusses im Gamperheim in Schlanders statt. Zum Auftakt wartete Josef Stricker, Arbeiterpriester und geistlicher Assistent des KVW, mit Gedanken zu folgender Frage auf: Wohin entwickelt sich die Gesellschaft in Südtirol? Südtirol legte laut Stricker in den vergangenen 40 Jahren einen wirtschaftlichen Höhenflug hin „und ist heute insgesamt gesehen eine der größten Wohlstandsregionen in ganz Europa.“ Es gebe aber auch einige dunkle Flecken, „die man sehen muss.“ Er nannte die bisher überhitzte Bautätigkeit im Hoch- und Tiefbau, das Verbauen von landwirtschaftlichem Grün, die derzeitigen Überkapazitäten im Baugewerbe und den Ruf nach ausländischen Arbeitskräften: „Es leben derzeit rund 40.000 Ausländer mehr oder weniger stabil in Südtirol.“ Gerufen wurden Arbeiter, gekommen sind Menschen, „und das ist eine gesellschaftspolitische Herausforderung.“ Autonomie als „Friedensprojekt“ Die Autonomie ist für Stricker ein „Friedensprojekt“ für Südtirol, für alle hier lebendenen Sprachgruppen und die Sammelgruppe der Einwanderer. Wirtschaftlich gesehen befinde sich das Land zurzeit in einer Stagnation bzw. in einer Rückläufigkeit, „wobei ich die Lage aber nicht als besonders dramatisch einschätze.“ Zufriedener und glücklicher geworden seien die Menschen trotz des jahrzehntelangen Aufschwungs nicht: „Sie sind eher unzufriedener. Gewachsen ist hingegen das Anspruchsdenken.“ Stärker zum Vorschein treten auch die geistige Krise und die Orientierungslosigkeit. Von Selbstbestimmungs-Bestrebungen oder Freistaat-Visionen, wie sie zurzeit propagiert werden, hält Stricker wenig. Auch mit dem Begriff „Vollautonomie“ würde unterschwellig die Botschaft transportiert, wonach es möglich wäre, vom Staat loszukommen: „Wir sind aber kein Staat im Staat, sondern ein sehr kleines Land und wir sind an die italienische Rechtsordnung gebunden.“ Strickers Devise heißt: Öffnung und Austausch. Er nannte auch Baustellen, an den es zu arbeiten gelte: Bildung und Kultur, sprich Aufwertung des Geistigen, eine wirkliche Sozialpartnerschaft („in Südtirol kann von einer Sozialpartnerschaft derzeit keine Rede sein“) sowie Sozial- und Familienpolitik, wobei auch die Frage zu stellen sei, was Soziales leisten kann und muss, und was nicht. Solidarität habe nichts mit der Befriedigung aller Interessen und Ansprüche zu tun. Aufzupassen sei etwa mit der geforderten Aufstockung der Mindestrente:“Für das Rentensystem ist der Staat zuständig. Außerdem sind nicht alle Bezieher von Mindestrenten Sozialfälle.“ Stricker tritt für eine robuste Grundsicherung ein. „Wir können fast alles besser als der Staat“ Am Podium konnte Harald Tappeiner, der Vorsitzende des SVP-Bezirksozialausschusses, neben Josef Stricker auch Landesrat Richard Theiner begrüßen, die Vizebürgermeisterin von Taufers, Roselinde Gunsch Koch, den Oberschuldirektor Herbert Raffeiner und Georg Vallazza, den Koordinator des Zentrums für psychische Gesundheit. Theiner hielt fest, dass es bei der Vollautonomie in erster Linie darum gebe, den Leuten eine Perspektive zu geben und auch die italienische Volksgruppe im Bemühen, weitere Zuständigkeiten vom Staat zu bekommen, voll mit einzubinden, und zwar nach dem Motto: „Wir können fast alles besser machen als der Staat.“ Ein „Los vom Staat“ sei nur in zwei Fällen möglich: grobe Verletzung der Minderheitenrechte oder Zerfall des Staates. Zur gesellschaftlichen Entwicklung merkte auch Theiner an, dass die Ansprüche immer mehr zunehmen, während die Solidarität sinke: „Wir müssen die Eigenverantwortung stärken, die Politik kann nicht alles machen. Wir brauchen weniger ‚Ich‘ und wesentlich mehr ‚Wir!“ ­Roselinde Gunsch Koch meinte, „dass wir mittlerweile im Sozialneid angekommen sind. Vor 5 Jahren waren die Ausländer die Gruppe, gegen die hergezogen wurde, jetzt ist jeder gegen jeden, quer durch die Gesellschaft.“ Wie schon ­Stricker bestätigte auch Vallazza, „dass wir eine steigende Unzufriedenheit erleben, aber nicht eine steigende Erkrankung der Bevölkerung.“ Laut Herbert Raffeiner leben wir in einem Stadium der Saturiertheit: die Solidarität schwindet, die Sozialisierung erfolgt zunehmend über soziale Netzwerke, die Politik schafft mehr Probleme als sie löst. Es brauche neue Orientierungsmuster. Heute sei die Schule die große Institution, welche die Gesellschaft stützt. „Wir brauchen mehr sozialpädagogische Fachkräfte und mehr Anerkennung für die Lehrkräfte.“ Die gesellschaftliche Funktion der Schule sei mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Mehrfach kritisierte Raffeiner, „dass es in 5 Jahren nicht gelungen ist, mit dem Oberschulbauprojekt in Schlanders zu beginnen.“ BM Dieter Pinggera, der als Moderator fungierte, sagte, dass die Ausschreibungen im Gang sind. „Es hat Verzögerungen gegeben, aber das Vorhaben wird umgesetzt“, so Landesrat Theiner. Bei der Diskussion wurde u.a. zu bedenken gegeben, dass viele Fachkräfte, darunter auch Ärzte, abwandern. sepp
Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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