Sie kennen Glück, bringen Glück und empfinden Glück: Dietmar Außerhofer, Josef Augsten, Aron Stampfl, Moderator Manfred Schweigkofler, Rosa Telser, Heidi Röhler und Petra Theiner (v.l.)

Dieser Wertetag war es wert

Ein Tag hat nicht gereicht herauszufinden, wie man Glück schreibt. Der 4. Wertetag war vielleicht eine Annäherung. Schlanders - Der Auftakt war viel versprechend. Die Einführung stimmig. „Happy day“ aus Jugendkehlen und Klaviermusik gaben schon mal die Richtung vor. Die gemeinnützige Bewegung „Xpand Südtirol“ hatte zum 4. Vinschger Wertetag Interessierte eingeladen, über Glück zu reden und zu denken – was immer Glück bedeuten könnte. „Wir wollen das Glück aus mehreren Perspektiven betrachten“, eröffnete sinngemäß Mitorganisatorin Paula Tasser des Symposium. Der Canonicus Regularis aus Neustift, Bildungshauspräsident Arthur Schmitt, wollte nichts wissen von „Tipps zum Glücklichsein“. Er rief den spätantiken Bischof Augustinus in den Zeugenstand. Der habe in seiner Schrift „De beata vita“ festgestellt, dass Glück dort sei, wo Stabilität herrsche. Niemand könne glücklich gemacht werden, man könne ­höchstens glücklich sein. Wehe, wenn man möglichst viel oder alles Glück in dieses kurze Leben stopfe! Irgendwann ­endete Schmitt in den Favelas von Rio de Janeiro, wo er viele glückliche Menschen erlebt habe. Für sie sei schon das Leben etwas Glückhaftes gewesen. ­Singend überbrückten Debora und Sara Schönthaler den Referentenwechsel mit „Count on me“ (Zähle auf mich). Moderator Manfred Schweigkofler fühlte sich dadurch angeregt zu fragen: „Sind Menschen glücklich, weil sie viele Freunde haben, oder haben sie viele Freunde, weil sie glücklich sind?“ Glück als Menschheitsrätsel Nach dem Kleriker spürte der Kinder- und Jugendpsychiater Andreas Conca dem „Menschheitsrätsel“ Glück nach. Er stellte sich und den Zuhörern eine ganze Reihe von Fragen. Ob es nur eine Frage des Glücks sei, Glück zu haben, warum den einen der Blitz der Liebe und den anderen ein Schicksalsschlag treffe. Ob wir daran irgendeinen Anteil haben. Ob wir den Zufall zu akzeptieren oder uns dahinter einen Plan vorzustellen haben. Conca nahm die Entwicklungsphasen zu Hilfe: von der Versorgung im Mutterleib, über die Kontaktaufnahme mit Welt und Eltern zur Phase des Ich-Werdens, von der Spaltung von Kopf und Gefühl bis zum Einklang des Selbst- und äußeren Bildes. Besucher dürften im Kultursaal Glücksmomente empfunden haben, wenn sie dem Referenten vom Stress über die Störung zur optimistischen Grundhaltung „resilienter“, widerstandsfähiger Personen folgen konnten. Erlösend und hoffnungsvoll wurde am Ende eingeblendet: „Ganz sicher kann man nicht immer Glück haben, aber man kann sich immer um ein bisschen Glück bemühen.“ In der anschließenden Podiumsdiskussion versuchte es Moderator Otto Wunderer, Arthur Schmitt und Andreas Conca über die griechische Philosophie erweiternde Stellungnahmen zum Thema Glück abzuringen. Er nahm Anleihe bei den leidenschaftslosen Stoikern und ihren Gegenspielern, den genießenden Epikureern. Aus den Sphären der Theorie in die Wirklichkeit zurück holte der Einwand eines Besuchers: „Wir setzen das Glück viel zu hoch an. Es wird zu viel Aufwand betrieben, um nach Glück zu streben.“ Sehr viel konkreter sah es Organisator Stefan Rechenmacher: „Um einen guten Rasen zu bekommen, muss man von allen Seiten darüber schneiden.“ Auf Deutsch: Man muss die Dinge aus vielen Winkeln betrachten. Glück ist vielschichtig Dies tat auch Mitorganisatorin Marlene Rechenmacher mit ihrer filmisch aufbereiteten Straßenumfrage „Was ist für dich Glück?“ Manfred Schweigkofler ließ die Bäuerin Rosa Telser vom Obertröghof in Allitz, die Unternehmerin Heidi Röhler aus Terlan, die Praderin Petra ­Theiner, den Brixner Aron Stampfl im Rollstuhl, den Pfarrer Josef Augsten aus Burgstall und den Pflege­wissenschaftler an der Universität Basel, Dietmar Außerhofer, aus ihrem Leben erzählen, von ihren Schicksalsschlägen und von ihren Bemühungen, am Glück teilzuhaben und anderen Glück zu bringen. Für Rosa Telser war die Zufriedenheit der Schlüssel, für Röhler die Beziehung zu Menschen, für Außerhofer das Tun und Ruhen in sich, für Augsten das Vertrauen in etwas Höherem, der reisefreudige Stampfl kann sich auf Freunde verlassen, Theiner fühlt sich seit Jahren von den Ärmsten in Indien reich beschenkt. Zu Wort meldete sich auch der Südtirol-­Aktivist Sepp Innerhofer aus Schenna, der seinen Einsatz für die Heimat und das Leben mit seiner Frau als Erfüllung und Glück bezeichnete. Wer nach einem derartigen Tiefgang an Eindrücken geglaubt hatte, der 4. Wertetag sei beim Ausklingen, musste sich eines Besseren belehren lassen. Das Organisationsteam ­hatte die ehemalige Spitzensportlerin Kira Grünberg eingeladen. Tirols einziges Leichtathletiktalent stand auf dem Sprung zur Weltspitze. Am 30. Juli 2015 lag sie mit zertrümmertem Halswirbel im Einstichkasten einer Stabhochsprunganlage. Am 4. März 2017 erzählte sie einem tief beeindruckten Publikum aus dem Rollstuhl vom Glück, das erste „Calypso-Cola-Eis“ nach der Reha geschleckt zu haben, und von Plänen, Zielen und Visionen. Fast 150 Personen hatten das Glück, diese starke Frau zu hören. Der 4. Wertetag wurde von Raiffeisen, HOPPE, Elas und Bauservice Südtirol unterstützt. Günther Schöpf
Günther Schöpf
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Vinschger Sonderausgabe

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