Bei den „Drei Kanonen“ am ­Cevedale - Buchvorstellung auf einer Höhe von 3.300 Metern; Foto: Paul Hanny

„Du sollst nicht töten“

Publiziert in 31 / 2013 - Erschienen am 11. September 2013
der Vinschger hat Bestseller-Autor und Nahost-Experte Jürgen Todenhöfer auf dessen Berghütte in Sulden am 30. August zu einem Gespräch getroffen. Sulden - Nur wenige kennen den Nahen und Mittleren Osten so gut wie er. Seit Jahrzehnten bereist Autor und Publizist Jürgen Todenhöfer Kriegs- und Krisengebiete auf der gesamten Welt. In den vergangenen Jahren bereiste der Bestseller-Autor die Revolutionsschauplätze Ägypten, Libyen und Syrien sowie den Iran, Afghanistan und Gaza. In beeindruckenden Reportagen schildert er in seinem neuen Buch „Du sollst nicht töten – Mein Traum vom Frieden“ (C. Bertelsmann-Verlag) das Leben im Krieg und in der Revolution. Große Teile des Buches schrieb Todenhöfer in seiner urigen Berghütte in Sulden. An Sulden schätzt der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete und Vorstandsmitglied des Burda-Medienkonzerns die Schönheit des Tals sowie die dort lebenden Menschen. Paul Hanny war es, der dem Deutschen Sulden näher brachte und unter dessen Leitung das Bauernhaus errichtet wurde. Todenhöfer, ein gebürtiger Offenburger, lebt heute – insofern er nicht auf Reisen ist – in München. derVinschger hat den 72-jährigen Autor in seiner Berghütte in Sulden, dort wo auch Michael Jackson einige Tage verbrachte, zu einem ausführlichen Gespräch getroffen. der Vinschger: Sie bereisten in den vergangenen Jahren mehrere Krisengebiete im Nahen Osten und erzählen davon in Ihrem neuen Buch, einem beeindruckenden Plädoyer gegen den Krieg. Seit über 50 Jahren halten Sie sich immer wieder in Kriegsgebieten auf. Was bewegt Sie dazu? Jürgen Todenhöfer: Am Anfang, während des Algerien-Krieges in den 60er Jahren, war es die Neugier eines jungen Mannes, der in Paris studierte und wissen wollte, wie die Wahrheit aussieht. Bei meinen Reisen habe ich festgestellt, wie sehr die Menschen unter den Kriegen leiden und, dass das Leid der Zivilbevölkerung in den Reden der Politiker keine große Rolle spielt. Ich versuchte, das Schicksal der Zivilisten zu schildern. Wenn man Geschichtsbücher liest, geht es immer wieder um die großen Taten, die Erfolge und das Versagen von Politikern und Feldherren. Über die Zivilbevölkerung liest man fast nichts. Das war der Ansatz, mit dem ich versucht habe, Kriege zu verhindern – denn es geht nicht um Politiker, sondern um Menschen. Um Kinder, Mütter, Väter. Um die jungen Soldaten, die dort hingeschickt werden, und nicht um die großen Worte der Politiker. Ich war während der Kriege, sei es in Afghanistan oder im Irak, immer wieder vor Ort und habe darüber berichtet. Ich versuchte, auf das unglaubliche Leid der Bevölkerung aufmerksam zu machen. „Man hat den friedlichen Demonstranten in Syrien die Revolution gestohlen“ Ein aktuelles, weltpolitisch bedeutendes Thema ist die Syrien-Krise. Sie sprachen sowohl mit dem syrischen Machthaber Baschar al-Assad, als auch mit Zivilisten und Rebellen, darunter auch al-Qaida-Kämpfer. Wie bewerten Sie die momentane Situation? Erstens glaube ich, dass die Situation im Westen falsch dargestellt wird. Auch dass Assad falsch dargestellt wird. Der Mann war Augenarzt, hat in London studiert, und wollte ein guter Arzt werden. Als sein Bruder starb, musste er etwas machen, was er eigentlich nie wollte und was er auch nicht sein ganzes Leben über machen will. In der Syrien-Krise wird übersehen, wie dieser von beiden Seiten grauenvoll geführte Krieg entstanden ist. Es gab eine Zeit friedlicher Demonstrationen, auf die Assad falsch reagiert hat. Diese Demos dauerten einige Wochen, vielleicht auch Monate. Dann wurden Waffen aus Katar und Saudi Arabien an die Demonstranten geliefert und zwar nicht an die friedfertigen – ein solcher nimmt keine Kalaschnikow in die Hand – sondern an die gewaltsamen Demonstranten. Die friedlichen Demonstranten wurden an den Rand gedrängt. Man hat ihnen die Revolution gestohlen. Und es begann ein von außen gesteuerter und finanzierter Krieg, an dem nicht nur extremis­tische Rebellen in Syrien teilnahmen, sondern zunehmend auch ausländische Kämpfer aus mehreren Ländern, auch aus Europa. Diese wollten Assad stürzen, aber nicht für eine Demokratie, sondern für die Diktatur religiöser Fanatiker. Die stärkste Rebellengruppe in Syrien wird inzwischen von al-Qaida gesteuert. Jede Unterstützung der Rebellen kommt al-Qaida zu Gute. Ich weiß von Assad, dass er jeder Zeit zu Verhandlungen bereit wäre mit den Amerikanern. Ich weiß von ihm, dass er hochinteressante Vorschläge hätte. Das habe ich der amerikanischen Regierung überbracht, doch sie weigerten sich mit Assad zu reden. Die USA haben bereits viele Kriege geführt, die mit Lügen begründet wurden. Was im Augenblick geschieht, macht mich unendlich traurig. Ich werde auch weiterhin publizistisch dafür kämpfen, dass Politiker aufhören, die Probleme dieser Welt mit Bomben und Raketen zu lösen. Gleich am Anfang des Buches erzählen Sie, wie Sie sich darauf freuten, die Befreiung Libyens in Tripolis zu feiern – und anschließend mit den libyschen Freunden einige Tage auf Ihrer Berghütte, hier in Sulden, zu verbringen. Kurz darauf kam Ihr Gastgeber Abdul Latif bei einem Angriff von Gaddafi-Truppen ums Leben. Ihm widmeten Sie dieses Buch. Was lösen solche schrecklichen Ereignisse aus? Wir haben 30 Minuten vor dem Tod von Abdul Latif ein Gespräch über Sulden geführt. Wir sprachen auch über den Tod und die Art der Bestattung. Wir beschlossen zur Siegesfeier nach Tripolis zu gehen und gemeinsame Ferien in Sulden zu verbringen. Kurz darauf wurde Abdul Latif von einer Bodenrakete der Gaddafi-Truppen getötet. Der Paul (Anm. Hanny) ist Bergsteiger, mein Nachbar Reinhold Messner ist Bergsteiger. Die wissen, welche Gefühle man hat, wenn neben einem ein Freund stirbt. Man kann es im Grunde nicht fassen, man will es nicht wahrhaben. Wir lagen über drei Stunden in einer Sandbank und wurden von den Gaddafi-Truppen bombardiert. Es ging mir einfach nicht in den Kopf - er war ein Freund wie der Hanny Paul. Menschen, denen man ganz selten begegnet. Solche Freundschaften entstehen alle zehn, zwanzig Jahre mal. Dass er tot sein sollte, war für mich völlig unvorstellbar. Erst kommt die Fassungslosigkeit, dann das Entsetzen, dann die Trauer und dann kommen Schuldgefühle. Ein Freund, der mir einen Gefallen ­machen wollte und mich in eine Stadt fahren wollte, die einen Tag vorher bereits befreit sein sollte, für dessen Tod ich mitverantwortlich bin. Da arbeitet man lange dran, da werde ich bis an das Ende meines Lebens daran arbeiten müssen. „Sulden ist für mich eine zweite Heimat geworden“ Kommen wir zurück auf Sulden. Was verbindet Sie mit dem Tal und den hier lebenden Menschen? In Sulden sind die Menschen noch Menschen, ganz natürliche Menschen. Das Tal ist von einer besonderen Schönheit. Es hat ein eigenes Klima, weil das Tal umgeben ist von eingeschlossenen Bergen – die Bäume wachsen hier höher als in den meisten Bergtälern der Welt. Es gibt hier wunderbare Köche. Heute bin ich nicht zum Abendessen gekommen, weil Sie kamen (lacht). Sulden ist für mich eine zweite Heimat geworden, ich habe mir bereits manchmal überlegt, es wäre schön, wenn es meine erste Heimat wäre. An diesem Buch habe ich über ein Jahr geschrieben, sechs Monate davon in Sulden. Wie sehen Sie die wirtschaftliche und politische Zukunft Südtirols? Ich bin da kein Spezialist, aber ich weiß, dass Südtirol innerhalb Italiens etwas ganz Besonderes ist. Und, dass die Leistungen Südtirols innerhalb Italiens auch etwas ganz Besonderes sind. Hier wird ganz anders gearbeitet, hier zählen ganz andere Tugenden. Es gibt ja immer wieder Bestrebungen zu mehr Autonomie bis hin zu separatistischen Tendenzen und Freistaat-Ideen. Was halten Sie davon? Sprechen Sie vom Freistaat Sulden (lacht)? Ich glaube, dass Europa für Südtirol viele Fragen beantwortet, dass die Südtiroler eine ganz besondere Volksgruppe in Europa sind. Ich glaube und hoffe, dass die Grenzen in Europa in Zukunft keine große Rolle mehr spielen und sich sofern die Probleme Südtirols von Jahr zu Jahr entspannen und lösen. 1987 bis 2008 waren Sie stellvertretender Vorsitzender im Burda-Medienkonzern. Dadurch lernten Sie Michael Jackson kennen, der Sie 2001 hier auf Ihrer Berghütte in Sulden besuchte. Das war lustig. Er hat eine Kissenschlacht mit meinen Kindern und meiner Frau gemacht. Und er hat nicht etwa mir Lieder vorgesungen und vorgespielt, sondern ich musste ihm immer wieder „Lilli Marleen“ vorsingen. Ich habe ihm das mindestens 5, 6 oder 7 Mal vorspielen müssen. Er hat sich hier sehr wohl gefühlt. Er wollte anfangs nur einige Stunden bleiben, blieb dann aber zwei Tage. Jackson hat sich dann auch immer wieder nach dem ­„Präsidenten des Freistaates Sulden“, Paul Hanny, erkundigt. Nicht nur Michael Jackson hat sich in Sulden wohl gefühlt. Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel urlaubt in Sulden. Gewinnt sie die bevorstehenden Wahlen? Sie wird mit ihrer Partei mit Abstand die meisten Stimmen bekommen. Weil sie selbst Leuten imponiert, die eine andere Politik vertreten als sie. Es ist nicht einfach, sich als Frau in Deutschland in der Männerwelt Politik zu behaupten und in Europa die Führungsrolle zu übernehmen, sowie weltweit als mächtige Repräsentantin Deutschlands angesehen zu werden. Das ist eine sehr bemerkenswerte Leistung. Sie ist eine sehr bemerkenswerte Machpolitikerin. Der Traum vom Frieden Kommen wir zur letzten Frage. Sie waren in der Politik, haben die gesamte Welt bereist und sind Bestseller-Autor. Haben Sie noch persönliche Ziele und Träume? (Blickt lachend zu Paul Hanny). Paul, wie heißt das Lied; mit 17 hat man noch Träume? Gibt es auch mit 70 hat man noch Träume? Natürlich habe ich noch viele Träume. Ich habe einen politischen Traum. Ich möchte mithelfen, dass die Menschen erkennen, dass Krieg ein Irrweg der Menschheit ist – deswegen habe ich auch das Buch geschrieben „Du sollst nicht töten“. Der zweite Traum den ich habe ist, dass es meinen Kindern gelingt, erfolgreich zu sein und ihr Glück zu teilen, eine Familie zu gründen. Meine älteste Tochter hat bereits einen einjährigen Sohn. Die kleinste, Nathalie, ist mittlerweile auch 28 und erwartet, obwohl sie schwer krank ist, in den nächsten Wochen ein Kind. Drittens träume ich davon, noch viele weitere Jahre samstags im englischen Garten der erfolgreichste Torschütze meiner Mannschaft zu sein (lacht). Die anderen Träume sind geheim. Interview: Michael Andres
Michael Andres
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Vinschger Sonderausgabe

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