Die Plima fließt noch immer durch das ehemalige, völlig zerstörte Wohngebiet.

Ein von Menschenhand gemachtes Unglück

Publiziert in 28 / 2012 - Erschienen am 18. Juli 2012
25 Jahre Wasserkatastrophe Martell: Der 24. August 1987 sollte kein gewöhnlicher Endsommertag in Martell werden, es wurde ein Tag, der das Leben der Marteller Bevölkerung aus den Fugen brachte. Immer wieder wurde das ­Martelltal von Überschwemmungen heimgesucht, auch im 20. Jh. kam es zu etlichen Hochwassern. Durch die Wildbachverbauung in der Mitte der 1950er Jahre sollten diese ein Ende haben. Bis in den 80er Jahren wurde die Plima von der Gand bis nach Trattla/Salt bereinigt und teilweise mit Ufermauern versehen. Die Katastrophe Im Gegensatz zu den Kata­strophen im 20. Jahrhundert, die durch die Natur verursacht wurden, kam es im August 1987 zu einem von Menschenhand gemachten Desaster. Am 24. August 1987 hatte das lange Zögern beim Öffnen der Schleusen des Stausees, Profitgier und mangelhafte Vorkehrung der Betreibergesellschaft SELM eine Katastrophe heraufbeschworen. Im Juli 1987 war es in Südtirol aufgrund der Hitze zur Schmelze des in den höheren Lagen gefallenen Neuschnees und der Gletscher gekommen. Auch Niederschläge trugen bei, dass sich der Zufritt-Stausee in Hintermartell füllte. Dieses Wasser aus den Niederschlagstagen im Juli blieb bis August im Becken, sodass es bis zum Rand gefüllt war. Am 24. August regnete es den ganzen Tag. Der Stausee drohte über seine Ufer zu laufen. Am Nachmittag soll das Wasser dann einen halben Meter in der Stunde angestiegen sein, was bedeuten würde, dass insgesamt 500.000 m³ Wasser in den See flossen. Die Strombetreiber zogen aber lediglich 25.200 m³ in der Stunde ab. An diesem Tag war Giovanni Spada allein als Stauwächter im Dienst. Der zweite Wächter, Adolf Altstätter, war wegen einer Beerdigung nicht vor Ort, obwohl laut Vorschrift immer zwei Wächter anwesend sein mussten. Spada hatte mehrmals die zuständigen Behörden über den Stand des Wasserpegels informiert und vorgeschlagen, die Überlaufschleusen zu öffnen. Dies wurde jedoch von den Technikern in Kastelbell und Bozen abgelehnt, da sie hofften, dass die lang anhaltenden Niederschläge nachlassen würden. Als es am Abend immer noch regnete, wurden der Überlauf schließlich geöffnet, jedoch konnte dieser die Wassermassen nicht mehr schlucken. Um 20.30 Uhr wurden zusätzlich die Grundschleusen geöffnet. Als dann der Strom ausfiel und das Notaggregat nicht funktionierte, ließen sich die Schleusen nicht mehr schließen. Spada musste drei Kilometer laufen um Hilfe zu holen, damit die Öffnungen manuell geschlossen werden konnten. Dadurch waren die Schleusen lange geöffnet und es schossen bis zu 350 m³/sek. Wasser ins Tal. Das Bachbett war sogleich von Holz, Geröll, Steinen und Schlamm verdichtet und das Wasser suchte sich seinen eigenen Weg. Um 21.00 Uhr war es schließlich bis in die Ortschaft Gand vorgedrungen. Die Menschen flohen die Berghänge hinauf. Krachend bohrten sich die Wassermassen durchs Tal. Große Steine wälzten alles um, was ihnen im Wege stand. Die braune fast schon dickflüssige Schlamm-Wassermasse mit entwurzelten Bäumen stieß kreuz und quer durch die Ortschaft. Gegen 22.00 Uhr ließ das Wasser ein wenig nach, da es Giovanni Spada und seinen Helfern endlich gelungen war, die Schleusen wieder zu schließen. Um 2.00 Uhr morgens ließ der Regen endlich nach. Am nächsten Morgen kehrten einige in die Häuser zurück, um zu sehen was von ihrem Hab und Gut noch übrig geblieben war. Der Rest musste auf das Eintreffen der Hubschrauber abwarten, der sie zur Sammelstelle auf die gegenüberliegende Talseite brachte. Trotz der entstandenen Schäden konnte erleichtert aufgeatmet werden, denn niemand war umgekommen. Die Folgen Dennoch standen viele der Bewohner plötzlich vor dem Nichts. Überall lag meterhohes Geröll. Auch die Bauhöfe der Gemeinde und des Landes wurden in Mitleidenschaft gezogen. ­Infrastrukturen wie Trinkwasser-, Telefon- und Elektroleitungen ebenso die Beleuchtung und die Kanalisation wurden nahezu gänzlich zerstört. Die Straßen und die Uferschutzbauten wurden vernichtet. Entwurzelte und umgerissene Bäume, Fels­brocken, verbogenen Stahlträger und zerstörte Brücken waren in der Stein- und Geröllwüste in der Marteller Gand zu erkennen. Kaum ein Haus war von den Massen verschont geblieben. Auch Flurschäden waren zu beklagen, der Berghang war an mehreren Stellen abgebrochen. Auch Tage nach dem Unglück führte die Plima immer noch viel Wasser. Ein Hubschrauber versorgte die Menschen mit Lebensmitteln, transportierte sie in trockene Unterkünfte und flog Wiederaufbaumaterial. Die Bagger arbeiteten bereits daran, die Plima wieder in ihr altes Flussbett zurückzudrängen. Die Landesstraßenverwaltung, die Gemeinde, das Heer und das Weiße Kreuz waren im Einsatz. Drei Tage lang war das Tal von der Außenwelt abgeschottet. Erst dann funktionierte die Telefonverbindung wieder und die Straßen waren provisorisch wieder befahrbar. Durch einen Spendenfond „Soforthilfe für Martell“ konnten 309.874 € gesammelt werden. Diese Hilfe linderte die erste Not der Bevölkerung. Der Staat sicherte zwar eine Abdeckung von 40-70% der Schäden zu, jedoch wusste man nicht wie lang man auf dieses Geld warten würde. Die Jahre danach Die Hauptwiederaufbauarbeiten dauerten bis zu drei Jahre. Die Letzten wurden 1994 abgeschlossen. Am 24. August 1993 weihten die Gandler die Gedenkstätte an die Katastrophennacht ein. Sie besteht aus mehreren Elementen: Bildstock, Lebenssäule, Teich und einer Steingruppe mit Steintafel, in der zu lesen ist: Der Mensch wollt´ die Natur ­bezwingen und ihr mit Gier Profit abringen. Sie forderte dann grausam zurück, jedoch kein Menschenleben zum Glück. Drum wurde geschaffen dieser Ort, als Dank und Ermahnung immerfort. Der Prozess Der Strafprozess dauerte elf lange Jahre. Im Zivilprozess forderte die Landesregierung vom Unternehmen Edison 7.746.845 Euro, denn das Land hatte diesen Betrag an die Betroffenen Gemeinden als Soforthilfe bevorschusst. Die Gemeinden selbst, sowie die Privatpersonen klagten 5.164.563 Euro ein. Die Firma Edison bot im Gegenzug 1.032.912 Euro, diese wurden aufgrund der viel höheren Schadenssumme abgewiesen. Im Sommer 2004 sollten 23 Mio. Euro an das Land übergehen. Für die Gemeinde Martell waren 300.000 Euro, für die Gemeinde Latsch 200.000 Euro angedacht. Für die geschädigten Privatpersonen insgesamt 1,1 Mio. Euro, welche 50% der Schäden ab­decken sollten. Der Rest wurde dem ehemaligen Montecatinigebiet in Sinich zugewiesen. Innerhalb August 2004 wurden die Entschädigungen an die Geschädigten verteilt. Somit war das Verfahren nach 17 Jahren endlich abgeschlossen. Eva Maria Wieser
Vinschger Sonderausgabe

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