Um die Klimakrise zu bewältigen, braucht es tiefgreifende Veränderungen in allen Bereichen. „Auch die Ernährungsgewohnheiten müssen wir ändern“, sagte Helga Kromp-Kolb. Das Bild links zeigt, was eine Familie in Tschad in einer Woche konsumiert; rechts der Wochen-Konsum einer Familie in Deutschland.
Das Vorhaben, im Abschnitt Forst-Töll-Partschins-Rabland eine großräumige Umfahrungsstraße zu bauen, ordnet Harald Frey der „verkehrsplanerischen Steinzeit“ zu.
Harald Frey
Helga Kromp-Kolb

„Es geht um das Überleben der Zivilisation“

Klimakrise und nachhaltige Mobilität im Fokus. Kritik gegen großräumige Umfahrung.

Publiziert in 41 / 2021 - Erschienen am 7. Dezember 2021

Vinschgau - „Wir haben uns selbst in diese außergewöhnliche Situation gebracht und wir müssen alle das Unsere dazutun, um aus dieser Lage wieder herauszukommen. Wir müssen möglichst rasch handeln, denn was auf dem Spiel steht, ist das Überleben der Zivilisation.“ So umriss die österreichische Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb, emeritierte Professorin am Institut für Meteorologie und Klimatologie an der Universität für Bodenkultur in Wien, die Problematik der globalen Erderwärmung. „Die jungen Menschen haben Recht, wenn sie auf die Straße gehen und sagen, dass man ihnen die Zukunft stiehlt“, so Helga Kromp-Kolb, die am 3. Dezember bei einer Online-Veranstaltung der Umweltschutzgruppe Vinschgau über die derzeit wohl größte Herausforderung der Menschheit referierte. Das auf der Klimakonferenz in Glasgow diskutierte Klimaziel, den menschengemachten globalen Temperaturanstieg durch den Treibhauseffekt auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, geht laut Kromp-Kolb nicht weit genug: „Vor allem die Industrienationen müssen die Ambitionen in die Höhe fahren. Es muss schneller gehen. Entscheidend ist, welche Maßnahmen im laufenden Jahrzehnt gesetzt werden.“ Handle man jetzt zu langsam, „könnten die 1,5 Grad in den frühen 2030er Jahren überschritten werden“, warnte die Klimaforscherin. Dies könnte im schlimmsten Fall sinngemäß dazu führen, dass die Situation infolge der Treibhausgas-Emissionen völlig entgleitet und der Mensch zur mehr machtlos zusehen kann und die Folgen der Erderwärmung erleiden und ertragen muss. Als möglicherweise ähnlich dringend bezeichnete Kromp-Kolb die Biodiversitätsfrage.

Änderungen in allen Bereichen

Um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, seien tiefgreifende Veränderungen in allen Bereichen und auf allen Ebenen notwendig, in der Energie-, Land- und Forstwirtschaft ebenso, wie in der Industrie, im Verkehrs- und Gebäudesektor. Veränderungen zum Besseren seien möglich, „müssen aber auch tatsächlich gemacht werden.“ Dringend zu verbessern sei etwa die Nutzung der Flächen. Die Ernährungsgewohnheiten seien umzustellen, besonders in wirtschaftlich hoch entwickelten Ländern, und vom Modell der Wegwerf-Kleidung sei Abschied zu nehmen. Derzeit sei es so, dass ca. 73% der Kleidung im Müll lande. Große Chancen sieht Kromp-Kolb in der Kreislaufwirtschaft. Zurzeit sei es leider noch so, dass nur rund 10% des Materialflusses wiederverwertet werden. Es sei in diesem Sinn eine „Volltransformation unserer Art des Wirtschaftens“ notwendig. Auch mit einer „optimistischen Vision 2050“ wartete die Klimaforscherin auf: „Das Leben wird sich völlig verändert haben. Die Arbeit macht wieder Freude, weil Qualität das Ziel ist, und nicht Masse. Die Natur erholt sich.“ Man werde sich auch fragen: „Wieso haben wir die Klimakrise gebraucht, um diese Veränderungen herbeizuführen?“ Die Voraussetzungen für tiefgreifende Veränderungen sind laut Kromp-Kolb besser denn je: „Die Politik gibt ambitionierte Ziele vor, die Wirtschaft erkennt ernste Absichten, das Bewusstsein in der Bevölkerung ist ungebrochen, die Jugend ist auf dem Vormarsch.“ Die Coronakrise soll als Chance gesehen werden: „Die Politik handelt rasch und tiefgreifend. Die Wirtschaft kann sich jetzt neu erfinden. Viele Menschen haben sich besonnen.“

„Strukturen prägen unser Verhalten“

Einer der größten Verursacher der CO2-Emissionen ist der Verkehr. „In Südtirol stammen über 40% der Emissionen vom Verkehr“, schickte Eva Prantl, die Vorsitzende der Umweltschutzgruppe, voraus, als sie als weiteren Referenten Harald Frey am Bildschirm begrüßen konnte, der am Institut für Verkehrswissenschaften der Technischen Universität Wien lehrt und forscht. Frey nannte die Entwicklung des individualisierten Autoverkehrs während der vergangenen Jahrzehnte als ein ökologisches Desaster: „Das Auto wurde geradezu mystifiziert.“ Die Folgen waren und sind zum Teil immer noch der Bau von Straßen und anderer Strukturen. „Es sind die Strukturen, die unser Verhalten prägen“, so Frey. Während die Strukturen für das Auto jahrzehntelang ausgebaut und gestärkt wurden, gerieten die Fußgänger, die Radfahrer und auch die öffentlichen Verkehrsmittel immer stärker in den Hintergrund. Eine Mobilitätswende im Kopf könne immer nur als Ergebnis einer Änderung von Strukturen verstanden werden. Wenn sämtliche Strukturen nach dem „Maßstab Auto“ ausgerichtet werden, ist eine Wende in Richtung nachhaltige Mobilität kaum möglich. In diesem Sinn sei Verkehrsplanung immer auch Angebotsplanung. Als positives Beispiel eines nachhaltigen Angebots nannte der Referent die Vinschger Bahn. Wenn es gelingt, in den Dörfern anstelle von Fahrbahnen Freiräume und Begegnungszonen zu schaffen, wenn öffentliche Verkehrsmittel schnell und bequem sind, wenn attraktive Rad- und Fußwege errichtet werden und wenn im Gegenzug „autoorientierte“ Strukturen abgebaut werden, könne dem „Mythos Auto“ gegengesteuert werden. Kein Allheilmittel sieht Frey in der Elektro-Mobilität. Diese könne - auch im Kontext mit der Klimakrise - zwar einen Teilbeitrag leisten, „aber was es braucht, ist ein grundlegender Paradigmenwechsel.“

Abfuhr für große Umfahrung

Eine klare Abfuhr erteilte Harald Frey dem Vorhaben, im Abschnitt Forst-Töll-Partschins-Rabland eine großräumige Umfahrungsstraße zu bauen. Projekte dieser Art seien der „verkehrsplanerischen Steinzeit“ zuzuordnen, „denn sie widersprechen allen Grundsätzen einer nachhaltigen Mobilität.“ Zur Feststellung von Eva Prantl, dass die Bevölkerung diese große Umfahrung wolle, meinte Frey, „dass man trotzdem dagegen kämpfen sollte, denn jemand wird in Zukunft die Rechnung für ein Projekt wie dieses, das so stark in die Landschaft eingreift, zahlen müssen.“ Auch von einem Ausbau der Passstraße auf das Stilfserjoch hält Frey nichts. Im Gegenteil: Der Autoverkehr sollte nicht gefördert, sondern eingeschränkt werden. Zur Südtiroler Klimapolitik hatte Eva Prantl vorausgeschickt, „dass im September 2021 festgestellt werden musste, dass die Ziele des Klimaplans Südtirol bis dahin größtenteils verfehlt wurden.“ Auch für Fragen aus dem Online-Publikum standen Kromp-Kolb und Frey zur Verfügung. Moderiert hat den Abend Markus Lobis. Eva Prantl dankte abschließend der Landesabteilung Natur, Landschaft und Raumentwicklung für die finanzielle Unterstützung der Veranstaltung. Diese wurde aufgezeichnet und auf der Homepage der Umweltschutzgruppe veröffentlicht (www.umweltvinschgau.wordpress.com).

Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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