Jürg Goll, ehemaliger Leiter der Archäologie in Müstair, erklärt den Gästen die Baugeschichte der Kapelle.
Die Geistlichkeit mit den Nonnen von Müstair (v.l.) Abt Markus Spanier (Kloster Marienberg), Sr. Paula, Sr. Lutgarde, Sr. Johanna, Sr. Aloisia, Sr. Pia, Priorin Domenica, Sr. Joseph Marie, Weihbischof Marian Eleganti, Pater Pius Rabensteiner (Kloster Marienberg), dahinter Spiritual Gregor Niggli, Sr. Birgitta, Sr. Clara, Sr. Benedicta; sitzend (v.l.): Sr. Marieflor und Sr. Regina.
Die Weihe der Heiligkreuzkapelle

Freudentag in Müstair

Heiligkreuzkapelle neu geweiht 

Publiziert in 32 / 2018 - Erschienen am 25. September 2018

Müstair - 14. September im Kloster St. Johann in Müstair: Es ertönen zwei ruhige Glockenschläge und das kleine Grüppchen setzt sich in Bewegung. Kein großes Geläut begleitet Priorin Domenica Dethomas und die Schwestern von Müstair, mit Weihbischof Marian Eleganti, Abt Markus Spanier vom Kloster Marienberg, Pater Pius Rabensteiner aus Marienberg und Spiritual Gregor Niggli aus Müstair auf ihrem Weg von der Klosterkirche zur Heiligkreuzkapelle am Eingang des Kirchweges des Klosters St. Johann in Müstair. Als vor rund 20 Jahren Jahrringanalysen der Balken im Zwischenboden der zweigeschossigen Kapelle den unerwarteten Befund ergeben hatten, dass die Kapelle zum Urbestand aus der Zeit Karls des Großen, der Gründungszeit des Klosters, gehört, wurde eine umfassende Bestandsaufnahme vorgenommen.

„Älteste Holzdecke Europas“

Diese hat Resultate hervorgebracht, die als Sensation bezeichnet werden können. Im Untergeschoss konnte die Osthälfte der Balkendecke auf die Jahre zwischen 785 und 788 datiert werden. Es handelt sich damit um die älteste datierte, tragende Holzdecke Europas. Die Kapelle im Obergeschoss war - wie die Klosterkirche - reich mit Fresken geschmückt. Nur konnten in der Heiligkreuzkapelle bis zu 10 aufeinander folgende Malschichten nachgewiesen werden. Sogar Teile der Außenwand waren mit figürlicher Malerei geschmückt. Solche kennt man aus karolingischer Zeit bei keinem anderen Bauwerk in Europa. Der Befund bestätigt die Richtigkeit des Entscheides der UNESCO, den ganzen Klosterbezirk in die Liste der Welterbestätten aufzunehmen. Die Weihe am Vormittag des 14. September fand in einem kleinen Rahmen statt. Die Reliquien des Hl. Ludwig IX. und der Heiligen Alexander, Eventius und Theodul, die bereits 1510 in diesem Altar im Sepulcrum eingemauert waren, wurden gemeinsam mit einem neuen Reliquiar, das ein Partikel des Hl. Kreuzes beinhaltet, eingesetzt. Die Kapelle wurde ihrer Funktion wieder übergeben. Am Nachmittag begrüßte Walter Anderau, der Präsident der Stiftung Pro Kloster St. Johann in Müstair, alle an der Erforschung und der Restaurierung beteiligten Restauratoren, Bauforscher, Experten und Handwerker sowie die Stiftungsorgane, die mit vereinten Kräften zum Gelingen des bedeutendsten Restaurierungsvorhabens der letzten Jahre der Stiftung beigetragen haben. Anderau erzählte, wie es dazu kam, dass die Heiligkreuzkapelle restauriert wurde. Eigentlich sei es dem „Ungehorsam“ der Archäologen und Restauratoren zu verdanken, dass dieses Kleinod entdeckt wurde. Getrieben von Neugier hatten sie ohne Zustimmung der Stiftungsorgane den Nachweis erbracht, dass es sich hier um ein weit bedeutenderes Bauwerk handelte, als ursprünglich angenommen wurde. Erst eine großzügige Spende von einer Million Franken durch ein Ehepaar, das anonym bleiben möchte, konnte die systematische Bestandsaufnahme beginnen. Bei den Restaurierungsarbeiten wurden insgesamt 3,1 Mio. Franken investiert. Darin eingeschlossen sind auch die Eigenleistungen der im Kloster tätigen spezialisierten Handwerker, Restauratoren, Archäologen und Wissenschaftler. Ohne zahlreiche Wohltäter und Spender auch im Rahmen der Initiative „Basel hilft Müstair“ und den Subventionen vom Bund und dem Kanton Graubünden wäre das Restaurierungsvorhaben nicht gelungen. Als Zeichen des Dankes überreichte Walter Anderau allen eine in ein handgewobenes Tuch der Tessanda in Sta. Maria eingebundene Silbermünze des Klosters St. Johann. Anschließend führten die Restauratorin Doris Warger und der Kunsthistoriker und Mittelalter-Archäologe Jürg Goll durch die Restaurierungsarbeiten der letzten 10 Jahre. Am 15. September wurde die Heiligkreuzkapelle für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. An den Führungen nahmen insgesamt rund 200 Personen teil. 

Besichtigungsmöglichkeiten

Bis Mitte Oktober gibt es dienstags und freitags jeweils um 15.30 Uhr die Möglichkeit, die Kapelle zu besuchen. Eine Besichtigung ist nur geführt möglich. Nähere Infos:visit-museum@muestair.ch; Tel. +41 81 858 61 89 oder im Internet (www.muestair.ch). Das Obergeschoss kann als Kapelle für kleinere Gottesdienste und Andachten genutzt werden. Die Freude der Benediktinerinnen von Müstair, der Stiftung und aller, die an der Heiligkreuzkapelle gearbeitet haben, ist groß. Die Kapelle ist ein weiteres Juwel der über 1200-jährigen Klosteranlage und UNESCO Welterbe St. Johann in Müstair.

Redaktion
Vinschger Sonderausgabe

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