Für neuen Umgang mit Demenzkranken

Publiziert in 8 / 2017 - Erschienen am 8. März 2017
Michael Schmieder referiert in Mals. Weg von überholten Pflegemustern. Mals - Wenn die Mutter ihre Tochter nicht mehr wieder­erkennt, wenn der Vater vergessen hat, dass er 40 Jahre lang verheiratet war oder wenn jemand felsenfest überzeugt ist, bestohlen worden zu sein, obwohl es nicht stimmt: Die Krankheit Demenz, sprich das Nachlassen der Verstandeskraft, ist ein ­psychiatrisches Syndrom, das bei verschiedenen Erkrankungen des Gehirns auftritt. Der Umgang mit Demenz stellt vor allem die Angehörigen der Erkrankten sowie das Arzt- und Pflegepersonal in Heimen vor große Herausforderungen. Die Frage, die sich alle stellen, lautet: Wie gehe ich mit Demenzkranken um? „Wir müssen ihnen Beziehungen anbieten, Beziehung ist alles“, gab sich Michael Schmieder am 1. März bei einem Fachvortrag im voll besetzten Kulturhaus in Mals überzeugt. „Beziehung ist alles“ Der langjährige Leiter des Pflege­heims Sonnweid in ­Wetzikon bei Zürich in der Schweiz war vom Bildungsausschuss Mals zum Vortrag und zur Vorstellung des Buches „Dement, aber nicht bescheuert“ eingeladen worden. Neben Schmieder konnte Sibille Tschenett, die Vorsitzende des Bildungsausschusses, auch die Co-Autorin Uschi Entenmann begrüßen. Entenmann, Autorin bei Zeitspeigel Reportagen in Weinstadt, führte in die Entstehung des im Ullstein-Verlag erschienenen Buches ein. Sie nannte das Pflegeheim Sonnweid als eines der besten Heime für Demenzkranke in Europa und darüber hinaus. Schmieder, der das Heim lange Zeit geleitet hat und derzeit oft als Referent unterwegs ist, plädiert im Gegensatz zu so manchen Dogmen und bisherigen Pflege- bzw. Behandlungsmustern vor allem dafür, mit Demenzkranken in Beziehung zu treten: „Sie wollen als Menschen wahrgenommen werden. Beziehungen sind das Allerwichtigste, was der Mensch will und braucht. Der Mensch will in der Gemeinschaft leben.“ In der Gemeinschaft leben Demenzkranke Menschen in luxuriösen Einzelbettzimmern zu isolieren sei für sie eine „absolute Katastrophe.“ Menschen mit Demenz würden zwar oft vieles vergessen, „aber irgendwie bleibt dennoch alles im Körper gespeichert.“ Wenn jemand zum Beispiel aggressiv reagiert, hat das seinen Grund, obwohl ihn der Betroffene nicht mehr weiß. Der Umgang mit Demenzkranken sei für die Angehörigen und auch für das Pflegepersonal in Heimen oft schwer und unweigerlich mit Konflikten verbunden. Manchmal sei es das Beste, Konflikte ­einfach anzunehmen und auszuhalten. Denn es habe keinen Sinn, auf Menschen mit Demenz mit Argumenten des Verstandes einzureden, „weil sie uns schlicht und einfach nicht verstehen.“ Vielmehr sollte man Demenzkranken auf Augenhöhe begegnen, sprich auf der Ebene der Gefühle. Leider gebe es noch vielfach Dogmen, auch in Pflegeeinrichtungen, „die das Wohl des Patienten verletzten.“ Das große soziale Element, also das Gefühl, in einer Gemeinschaft zu leben, dürfte den Demenzkranken nicht genommen werden. Schmieder: „Auch Demenzkranke wollen Trost, aber echten Trost, und nicht gekünstelten.“ Menschen mit Demenz seien immer ehrlich. Die Ansprüche, die nicht selten auch von Angehörigen an die Heime gestellt werden, seien zum Teil nicht erfüllbar. In Heimen wird therapiert, es werden Medikamente verabreicht und man versucht, die Betroffenen zu beschäftigen. Das Allerwichtigste aber sei es, die Kranken so anzunehmen wie sie sind, damit sie ihre Identität nicht verlieren. Als sehr wichtig nannte der Referent die Gestaltung der Räume. Anstelle von Zweckbauten seien Räume zu schaffen, in denen es viele schöne Dinge gibt und in denen sowohl großzügige Räume für das Leben in der Gemeinschaft zu finden sind als auch Pflegeoasen. Es sei Ästhetik in die Räume zu bringen, denn Demenzkranke haben sehr wohl ein Gefühl für Schönheit, und es dürfe auch das so genannte Unnötige nicht vergessen werden, „denn für Demenzkranke ist genau das Un­nötige das wahrhaft Notwendige.“ Ästhetik in die Räume bringen Auch mit vielen persönlichen Erfahrungen, die Schmieder im Buch festgehalten hat, wartete er bei seinem Vortrag auf. Es gehe darum, die Menschen und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen und jeden Kranken als Individuum zu behandeln. Es sollten die Patienten sein, welche die Bedingungen bestimmen, unter denen sie leben möchten. Schmieder: „Wenn das bedeutet, dass eine Patientin nur noch Torte isst und ein anderer am besten im Flur schläft, so ist das in Ordnung.“ Hauptsache sei, es geht den Patienten gut. Wovon Schmieder nichts hält, ist die Schaffung von Scheinwelten und irgendwelchen Attrappen, um den Demenzkranken eine Welt vorzuspielen, die es nicht mehr gibt. Als eines der Beispiele nannte er Scheinbushalte­stellen, mit denen Demenzkranken eine alte, vertraute Umgebung „vorgegaukelt“ wird. „Wir sollten die Menschen nicht verarschen“, meinte Schmieder. Sein Appell zum Schluss: „Wir sollten ­Demenzkranken alles das geben, was ihnen hilft, Mensch zu sein. Das ist auch der Anspruch, den wir an uns selber haben.“ sepp
Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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