Geld frisst Landschaft

Publiziert in 36 / 2013 - Erschienen am 16. Oktober 2013
Vintschger Kulturlandschaftstage aus Sorge um den Vinschgau Obervinschgau - Die Sorge um das Gesicht des oberen Vinschgaus bewegt viele Bürger. Die Vintschger Kulturlandschaftstage haben sich ausgiebig mit der Kulturlandschaft beschäftigt, denn so wie der Mensch mit der Landschaft umgeht, so geht er auch mit seinesgleichen um, verantwortungsvoll und respektvoll oder zerstörerisch und ausbeuterisch. Eine hochkarätige Referentenbatterie hatten die Veranstalter - Stiftung Landschaft Südtirol, Bioland Südtirol, Gemeinde Mals und Gemeinde Schluderns - ins Kulturhaus nach Schluderns geladen. „Pochi ma buoni“ begrüßte im Namen der Veranstalter Hans Peter Staffler die ausgewählte Teilnehmerschar. Anhand des Südtirollogos streifte er die Schönheiten und die Problembereiche der Südtiroler Landschaft. Die Hagelnetze bedecken bereits bis zu 30% der Obstflächen, die Güllewirtschaft sei teilweise bereits bis in die Almen hinauf gezogen. Leider sei es fast so, dass der grüne Teil Südtirols eher von Randgruppen besetzt ist, während die Hauptgruppen dort sitzen, wo Geld zu machen sei. Das Bild der Südtirolwerbung und die Realität klaffen streckenweise schon weit auseinander. Don Paolo Renner, Dekan der Theologischen Hochschule in Brixen, sprach über den Zusammenhang von innerer und äußerer Landschaft. Er meinte, dass die Menschen viel zu oft Dinge tun, die sich kurzfristig rentieren, auf lange Sicht jedoch Schaden verursachen. „Nicht immer schnell an Gewinn denken“ Wir sollten wieder lernen, die Schönheit der Landschaft zu betrachten ohne gleich an den möglichen Gewinn zu denken. Wenn wir die Natur nicht mit dem gebotenen Respekt behandeln, schlage sie unbarmherzig zurück. Die natürliche Landschaft kann uns Emotionen vermitteln, die wir für unser Leben brauchen, denn die Natur spricht zu uns von ihrem Schöpfer. Wenn diese Sprache fehle, fehlt uns etwas Existentielles. Die Natur brauche uns nicht, wir jedoch sie. Manfred A. Mayr warnte mit seinen Bildern davor, auf Kubatur ohne Kultur zu setzen und erläuterte den Einfluss von Techniken und Gesetzen auf die Landschaftsgestaltung. Landtagsabgeordneter Arnold Schuler sprach über die gesetzlichen Voraussetzungen für die künftige Entwicklung der Kulturlandschaft. Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache: In den letzten 50 Jahren ist der Tourismus um das Zehnfache gestiegen, 10% der Apfelproduktion Europas kommt aus Südtirol, davon ein Drittel aus dem Vinschgau, wir haben 2.300 Sportstätten und rund 300 Sportplätze. Das grundlegende Leitwerk für die Landesentwicklung wäre der Landesentwicklungsplan LEROP. Dieser war schon bei seinem Erscheinen überholt und bisher ist nichts geschehen, um diesen an die aktuelle Situation an zu passen: Die pragmatische Tagespolitik hatte den Vorrang, langfristige Pläne wurden eher als Hinderniss der Entwicklung wahrgenommen. Einer der schönsten Flecken Südtirols Der obere Vinschgau gehöre zu den schönsten Flecken Südtirols und man sollte darauf achten, dass sich die Landschaft nicht schleichend in Produktionsflächen verwandelt. Arnold Schuler erinnerte daran, dass ökologische Maßnahmen über Raumordnungsverträge möglich wären und für Umweltpläne 14 Mio. Euro zur Verfügung stehen. Die Gemeinden sind aufgerufen sich in dieser Richtung in Bewegung zu setzen. Landtagsabgeordneter Hans Heiss bedauerte in seinem Referat, dass die Kulturlandschaft nur ein Nischenthema in der Politik des Landes sei. Früher sah man Landschaft und Volk als Einheit und war bestrebt beides gleichermaßen zu schützen. Die Gesetze von Alfons Benedikter zum Schutz von Natur und Landschaft sind der schlagende Beweis dafür. Heute überrolle die sogenannte wirtschaftliche Planung das Kulturargument weitgehend. Auch Hans Heiss unterstrich, dass diese Tagung vom Bewusstsein der Einzigartigkeit des oberen Vinschgaus getragen sei. „Wirtschaftliche Planung überrollt das Kulturargument“ Unter dem provokanten Titel: „Wozu brauchen wir unsere Landschaft?“ erläuterte Erich Tasser von der EURAC den Wandel in der Nutzung der Landschaft. Dieser bewegte sich immer mehr in Richtung Freizeitbedürfnisse und entfernte sich von der unmittelbaren Nahrungs­produktion. Almlandschaften und Wälder werden als attraktiv empfunden, zersiedelte und landwirtschaftlich intensiv genutzte Landschaften erhalten den geringsten Zuspruch. Der oberste Südtiroler Denkmalpfleger Leo Andergassen wies darauf hin, dass unsere Kulturlandschaft stark von Denkmälern, Burgen und Schlössern geprägt ist. Auch das bäuerliche Erbe hat einen großen Einfluss auf das Landschaftsbild und verdient daher ebenfalls eine besondere Beachtung. Andergassen forderte, dass die Denkmalpflege stärker mit der Raumordnung verbunden werden sollte. Ebenso sollte dem Ensembleschutz stärkere Beachtung geschenkt werden. Friedrich Haring
Friedrich Haring
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Vinschger Sonderausgabe

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