Staunen

Publiziert in 16 / 2026 - Erschienen am 8. September 2026

Tausendmal gesehen und tausendmal nicht beachtet. Für das, was einem täglich unterkommt, werden die Sinnesorgane bisweilen stumpf. Was ist schon eine Blume am Wegesrand, der Duft frischgemähten Grases oder der Geschmack einer reifen Tomate? Viel empfänglicher sind wir für Außergewöhnliches. Für die Nachricht einer Katastrophe zum Beispiel, eines neuen Krieges oder für etwas, das uns - auch nur für Sekunden - aus der Bahn des Alltags wirft. Für Negatives hegt der Mensch seit jeher ein besonderes Interesse. Vielleicht auch deshalb, weil er sich sagen kann: „Gott sei Dank ist das nicht bei uns hier geschehen“ oder „Zum Glück hat es nicht uns getroffen.“ Das viele Positive und Schöne, dem der Mensch im Alltag begegnet, wird oft als selbstverständlich empfunden. Es ist das Staunen, das uns ein Stück weit abhanden gekommen ist. Dabei ist das Staunen eine besondere Eigenart des Menschen. Ins Staunen geraten wir oft nur noch beim Erleben von etwas Unerwartetem, Schönem, Schlimmem, Großem, Unbekanntem oder Außergewöhnlichem. Das Staunen darüber, dass es die Blume am Wegesrand gibt oder einfach nur darüber, dass wir sind, wird vielfach vom Alltag übermannt und verschluckt. Wir haben das Staunen verlernt und das, was Platon gesagt hat, vergessen: „Das Staunen ist die Einstellung eines Mannes, der die Weisheit wahrhaft liebt, ja es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen.“ Und Philosophie heißt, über das Alltägliche hinaus.

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Josef Laner
Josef Laner

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