Christoph Hoppe, Jg ´62 gelernter Diplomingenieur, seit 1995 Verwaltungsratspräsident der HOPPE AG Italien

“Hahnenkämpfe heraushalten”

Publiziert in 2 / 2005 - Erschienen am 3. Februar 2005
[F] Christoph Hoppe, Herr über mehr als 3000 Arbeiter im HOPPE-Konzern, spricht über Arbeitsplätze, Standort Südtirol, Arbeitszeitmodelle, Verkehrsinfrastruktur rund um seine Werke. Interview: Erwin Bernhart Foto: Magdalena Dietl Sapelza [/F] “Der Vinschger”: Herr Hoppe, von den rund 3000 Mitarbeitern Ihres Betriebes beschäftigen Sie rund ein Drittel in Südtirol. Alles im Griff? Christoph Hoppe: Ja, sehr gut sogar. Deutschland, einer Ihrer Hauptabsatzmärkte, befindet sich in einer wirtschaftlichen Krise. Hat Ihr Betrieb allgemein und im Besonderen die Südtiroler Werke eine zufriedenstellende Auftragslage? Deutschland ist nach wie vor unser größter Markt, hat aber nicht mehr annähernd die Bedeutung, wie noch vor wenigen Jahren. Insgesamt macht der Umsatz in Deutschland etwa ein Drittel der HOPPE-Gruppe aus. Trotz der Wiedervereinigung Deutschlands? Trotz des erweiterten Deutschlands. Die anderen Märkte sind deutlicher gewachsen. Wir sind regelrecht ausgebucht. Die Märkte im Osten öffnen sich. Industriestandorte verlagern sich in Billiglohnländer. 1996 haben Sie in Chomutov in Tschechien ein Werk eröffnet. Sind die Standorte von HOPPE in Südtirol gefährdet? Ganz im Gegenteil. Es ist nicht sinnvoll, immer nur der billigen Arbeit nachzurennen. Heute ist es Tschechien, morgen ist es die Ukraine, übermorgen ist es Weißrussland usw.. Und dann fangen Sie wieder von vorne an? Das kann´s doch nicht sein. Es ist doch nicht sinnvoll, alle Arbeit zu verlagern. Wer soll dann die Produkte kaufen? Henry Ford hat einmal gesagt: Autos kaufen keine Autos. Gilt analog auch für Ihre Türgriffe. Was macht die Standorte Schluderns, Laas und St. Martin so attraktiv? Es ist die Lage in Südtirol. Als mein Vater den Betrieb gegründet hat, war Deutschland nach dem Krieg komplett zerstört. Alles war Mangelware, auch Arbeitskräfte. Deswegen hat man so genannte Gastarbeiter rein genommen. Mein Vater vertrat den Standpunkt, dass es sinnvoller ist, dorthin zu gehen, wo Arbeit gebraucht wird, wo Menschen sind und wo er in seiner Muttersprache mit den Menschen reden konnte. Diese Philosophie gilt auch heute noch in gleichem Maße. Hier in Südtirol werden die Arbeitsplätze gebraucht, man kann mit den Menschen reden. Es funktioniert miteinander ganz ausgezeichnet. Mittlerweile haben wir sehr gute Mitarbeiter, sehr ausgebildete Mitarbeiter, Profis auf dem Gebiet. Das ist immer attraktiv. Daneben kommen wir sehr gut mit der Mentalität zurecht. Es ist angenehm mit den Menschen hier zu arbeiten. Der Fleiß ist da, die Einsatzbereitschaft, das Mitziehen, auch das Vertrauen in die Unternehmensführung. Wann haben Sie die Führung des Unternehmens übernommen? Mein Vater hat sich seit 1994 stückweise aus dem Betrieb zurückgezogen und genauso stückweise ging die Führung auf mich über. Seit damals bin ich Vorsitzender des Verwaltungsrates. Das Werk in Schluderns besteht seit 1964. Was hat sich in den letzten 40 Jahren Wesentliches verändert? Ich kann aus eigener Erfahrung nur die letzten 20 Jahre beschreiben. Südtirol ist ein unheimlich wohlhabendes gut situiertes Land geworden. Man könnte es als kleines Paradies in Europa bezeichnen. Die Verwaltung funktioniert, was man von Italien nicht überall sagen kann. Die Infrastruktur steht im Wesentlichen. Ich glaube, dass sich die Südtiroler mit sehr viel Fleiß sehr viel Wohlstand erarbeitet haben. Jetzt müssen wir uns anstrengen, dass es so bleibt. Ihr Werk in Bruneck ist, mit Verlaub, “baden” gegangen. Die Gründe dafür und welche Zukunftspläne hat HOPPE trotzdem in Südtirol? Bruneck ist ja schon lange her. Damals wurden die Gründe im Detail dargelegt. Zur Zukunft: Wir haben unsere gesamte Unternehmensgruppe umstrukturiert. Es war früher so, dass die einzelnen Werke alle Produkte hergestellt haben für die Märkte, die von hier bearbeitet wurden. Durch die Umstellung haben wir so genannte Kompetenzzentren geschaffen. So produzieren die Werke unabhängig von den Märkten, in denen sie angesiedelt sind. Ist die Bedeutung jedes einzelnen Werkes dadurch gestiegen? Sie waren vorher auch wichtig, nur haben sich die Werke jetzt auf eine ganz bestimmte Produktgruppe spezialisiert. Damit sind die Einzelwerke nicht mehr ersetzbar. Wir brauchen jedes einzelne Werk für alle Märkte der HOPPE-Gruppe. Ganz konkret: In St. Martin produzieren wir die gesamten Messingpalette mittlerer bis höherer Preisklasse. Und dafür ist einer der wichtigsten Märkte Amerika. Amerika geht nicht ohne St. Martin. Und im Vinschgau? Im Vinschgau machen wir Aluminiumbeschläge auch mit gefrästen Schildern. Ohne Schluderns ginge der zweitgrößte Markt der Unternehmensgruppe nicht, nämlich England. In Schluderns befindet sich die Vorfertigung, es wird dort gegossen, gestanzt und bis nach Farbgebung gefertigt. Dann werden die Produkte nach Laas transportiert und dort montiert. In Schluderns sind wir eingekastelt, dort hat es keine Erweiterungsmöglichkeit gegeben. ...Flächen wären ja dort zu haben gewesen... Ja, aber zu einem Preis, der für die Industrie nicht tragbar war. In Laas ist die zentrale Auslieferung für die HOPPE AG Italien. Alles, was in Südtirol gefertigt wird, wird von Laas in die ganze Welt geliefert. Zudem ist dort auch noch die Kunststoffproduktion. Das Ganze klappt reibungslos. In Laas können wir noch problemlos 30 bis 40% zulegen, ohne Erweiterung. Läuft dann das Werk in Schluderns Gefahr, geschlossen zu werden? Von der ganzen Infrastruktur her, die in Schluderns steckt, völlig undenkbar. Das wäre auch betriebswirtschaftlich hochgradiger Blödsinn. Sie wurden firmenmäßig quasi vor der Haustür angegriffen. Einer Ihrer Konkurrenten, die Gretsch-Unitas, hat in Nauders im Storogebäude produziert. Ihre Meinung? Wir sind heute mit Abstand europäischer Marktführer im Aluminiumbereich. Die Konkurrenz möchte unser Know-how. Die von Ihnen zitierte Firma hat zuerst versucht, sich in Laas direkt anzusiedeln, dann in Prad. Das haben wir verhindern können. Und dann sind sie halt zu den Österreichern gegangen hinter die Grenze und haben versucht, Mitarbeiter abzuwerben, auf eine höchst unfaire Art. Sie waren nicht imstande, das Know-how alleine zusammen zu tragen. Ich halte das für eine Armutserklärung des Unternehmens. Sie rekrutieren einen Großteil des mittleren Managements aus den eigenen Reihen. Auch für das gehobene Management. Ich glaube nicht, dass man bei HOPPE von außen kommen muss, um Karriere machen zu dürfen. Sie haben in Ihren Werken seit einigen Jahren eine "flexible Arbeitszeit” eingeführt. Bei guter Auftragslage viel Arbeit. Einer der Vorteile hier in Südtirol ist das Vertrauen zwischen den Menschen. Wir haben einen Betriebsrat, mit dem man hervorragend zusammenarbeiten kann. Wir versuchen, Hahnenkämpfe zwischen Unternehmerverband und Gewerkschaften aus dem Betrieb heraus zu halten. Kundenwünsche sollen dann befriedigt werden, wenn sie auftreten. Das ist nur begrenzt kompatibel zu einer ganz einheitlichen Arbeitszeit. Wir haben Arbeitszeitkonten. Das ergibt dann ein ausgeglichenes Lohngefüge übers ganze Jahr. Der Ansatz “viel Arbeit gleich viel Arbeitszeit, wenig Arbeit, gleich wenig Arbeitszeit” wäre das Optimum. Hier sind wir aber ganz stark durch die gesetzlichen Regelungen eingeschränkt. Ist dieses Arbeitszeitmodell bei den Arbeitern angekommen? Wir haben unser Bestes getan, ob´s gut genug war... Wir haben zum Beispiel gesagt, wir machen einen Freitag komplett zu, aber in der darauffolgenden Woche wird auch am Samstag gearbeitet. Dieser scheinbare Widerspruch war ein großes Problem. Das liegt aber daran, dass wir den Kunden einen gewissen Termin zusagen und der muss eingehalten werden. Bis dieses Verständnis sich im Unternehmen durchgesetzt hat, verging eine lange Zeit. Hat es jemals Streiks in den Werken gegeben? Sie haben eher Abscheu gegenüber den Gewerkschaften geäußert. Ich habe keine Abscheu gegenüber den Gewerkschaften geäußert. Ich habe Abscheu darüber geäußert, dass die Gewerkschaften einen Streit mit dem Unternehmerverband bei uns im Unternehmen austragen. Ich habe Abscheu dagegen, dass wir unsere Zusagen gegenüber den Kunden nicht einhalten können, weil jemand in Rom glaubt, einen Generalstreik ausrufen zu müssen. Zu Ihrer Frage: richtig gestreikt im Sinne von "Unternehmen zu” gab´s bei uns nicht. Bei einigen dieser Streiks waren ein paar Mitarbeiter dabei, aber ganz wenige. Auch hier haben die Mitarbeiter eingesehen, dass es nicht sinnvoll ist, die eigene Überlebensfähigkeit zu schwächen. Sie bilden Lehrlinge aus. Sind Sie mit der vorbetrieblichen Ausbildung zufrieden? Wir sind zufrieden. Wir müssen aber schauen, dass das Niveau nicht absinkt. Die Zusammenarbeit mit den Schulen ist sehr gut. Sie beschäftigen rund ein Drittel Frauen. Die Teilzeitregelungen in den öffentlichen Betrieben sind gut ausgebaut. Das haben wir auch. Wir haben diverse Lösungen, um genau dem entgegenzukommen. Wir sind intensiv dran z. B. mit einem Betriebskindergarten. Aber es gestaltet sich schwieriger als gedacht. Wie beurteilen Sie die verkehrstechnischen Infrastrukturen rund um Ihre Südtiroler Betriebe, die sich just an zwei Standorten befinden, wo die Diskussion besonders heiß geführt wird, im Vinschgau und in St. Martin im Passeier? Bei der Infrastruktur ist etwas zu tun. Ich halte die Mebo für einen Segen. Ich halte den Anschluss für das Passeiertal für wichtig. Es sind verschiedene Gruppen, nicht nur die Grünen, die nur die Nachteile sehen. Es gibt auch eine andere Seite der Medaille. Wenn Sie produzierendes Gewerbe haben, müssen sie die Menschen zu den Betrieben bringen, und das ist eine große Aufgabe für die Bahn, die da kommen wird. Vielleicht entlastet das die Straße vom Berufsverkehr. Für den Güterverkehr ist die Bahn absolut ungeeignet. Dafür muss man etwas bereitstellen, damit man vernünftig arbeiten kann und nicht nur stundenlang im Stau steht. Das ist auch für den Tourismus von Vorteil. Eine weitere Fortführung der Umfahrungen der Dörfer ist nötig. Ich würde mich auch nicht gegen eine Fortführung einer vierspurigen Straße sträuben. Aber das müssten wir gar nicht haben. Wir müssen was an der Töll tun. Die Frage stellt sich, ob diese Kreisel sinnvoll sind. Anstelle der Kreisel wären Einfädelspuren denkbar. Es wäre auch schön, wenn man gewisse Bereiche wieder zum Überholen freigäbe. In einer Ihrer Broschüren heißt es: "Bei uns hat Umweltschonung Verfassungsrang”. Was meinen Sie damit? Umweltschutz ist seit einigen Jahren sehr "trendy”. Wir versuchen schon sehr viel länger, mit möglichst geringem Aufwand und mit möglichst wenig Ressourcenverbrauch viel zu erreichen. Wir sagen auch nicht Umweltschutz, sondern Umweltschonung. Die Umwelt braucht keinen Schutz. Wir müssen uns und unsere Folgegenerationen schützen. Ein konkretes Beispiel aus Ihrem Betrieb? Bei den Aluminiumgriffen beispielsweise gibt es eine glänzende Oberfläche. Bei der Herstellung wird Abfall in Form von Schlämmen und Ähnlichem erzeugt. Der muss entsorgt werden. Dann gibt es aus dem gleichen Material eine matte, eine leicht strukturierte Oberfläche. Bei der Herstellung einer solchen Oberfläche werden 60% weniger Abfälle produziert. Dann streitet man nicht mehr darüber, wie man den Abfall am Besten entsorgt. Es gibt ihn erst gar nicht mehr. Auf der Produktionsseite benutzen wir das Brauchwasser mehrfach bis hin zur Toilettenspülung. Hackschnitzel ist die mit Abstand beste Energiequelle. Schluderns und Laas sind an Hackschnitzelwerke angeschlossen. Wenn Sie in Südtirol politisch aktiv wären, was würden Sie im Wirtschaftsbereich ändern? Die Frage möchte ich so nicht beantworten. Da fühl ich mich effektiv überfordert. Ein Wunsch: Ich wünsche mir mehr Lehrlinge.
Erwin Bernhart
Vinschger Sonderausgabe

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