Tim Krohn in seinem Garten in Sta. Maria.

Hast du vielleicht eine Leiter?

Publiziert in 27 / 2014 - Erschienen am 23. Juli 2014
Der bekannte Schweizer Autor Tim Krohn lebt seit kurzem in Sta. Maria. Zwischen Schriftstellerei, Hausrestaurierung und Familie. Sta. Maria - Die tiefer liegenden Äste trage wilde Kirschen, weiter oben glänzen die veredelten Früchte in der Morgensonne. Um an sie heranzukommen, braucht es eine Leiter. Wer eine solche hat, ist der Nachbar von Tim Krohn, Ernst T.A. Schweizer vom Hotel Ritterhaus Chasa de Capol in Sta. Maria. Wer aber ist Tim Krohn? Er sitzt auf einem Gartenstuhl unter dem Kirschbaum. Hinter ihm ein echtes Graubündner Haus, das allerdings renoviert werden will. In der Ecke alte Bauerngeräte, darunter zwei verschlissene Matratzen. Mit dem Buch „Aus dem Leben einer Matratze bester Machart“ haben diese Matratzen zwar nichts zu tun, doch mit seiner Idee, eine Matratze als Hauptdarstellerin eines Romans in Szene zu setzen, besser gesagt zu schreiben, traf Tim Krohn bei seinen Lesern in der Schweiz und darüber hinaus ins Schwarze. „Die Matratze ist etwas sehr Intimes“, erzählt der Schweizer Erfolgsautor dem der Vinschger. „Die Matratze ist etwas sehr Intimes“ Auf Matratzen werden Menschen gezeugt, „wir schlafen in der Regel 8 Stunden täglich auf ­Matratzen und wir sterben auf ihnen.“ Der Roman beginnt in den 1930 Jahren. Immanuel Wassermann verliebt sich in eine Italienerin. Weil diese die in der Hochzeitsnacht blutbefleckte ­Matratze aus Scham nicht im Hotel zurücklassen will, kauft Immanuel die Matratze. Sie kommt so nach Berlin und wechselt dann von Jahrzehnt zu Jahrzehnt die Besitzer. Einmal dient sie Kindern als Spielzeug in einem Luftschutzkeller, ein anderes Mal wird sie auf dem Trödelmarkt von einem armseligen Künstlerpaar erworben. Sie landet schließlich im Tiber in Rom, wo eine Katheketin unter einer Brücke auf ihr ausruht. Später wird die Matratze ins Meer gespült. Sie strandet am Ufer und wird zufällig vom mittlerweile ergrauten und alten Immanuel Wassermann entdeckt und wiedererkannt. „Damit schließt sich der Kreis“, sagt Krohn. Von Büchern, die das Ende offen, sprich dem Leser überlassen, hält er nicht viel: „Man muss eine Geschichte zu Ende denken und das Ende auch schreiben.“ Ist Schreiben für ihn Arbeit oder kommt das alles von allein? Krohn: „Es ist nicht Vergnügen, sondern ­Knochenarbeit.“ „Schreiben ist nicht Vergnügen, sondern Knochenarbeit“ Kann man vom Schreiben leben und eine Familie ernähren? „Mit dem Schreiben von Büchern nur schwer. Der Büchermarkt ist in den vergangenen Jahren im gesamten deutschsprachigen Raum stark eingebrochen.“ Krohn schreibt auch Hörspiele und Theaterstücke. Wenn man als Dramatiker den Auftrag bekommt, Theaterstücke zu schreiben, kann man sehr wohl Geld verdienen. Dass er ein ­begnadeter Theaterautor ist, beweist schon allein der große Erfolg, den Krohn mit der Bühnenvorlage für das Einsiedler Welttheater 2013 hatte. Rund 50.000 Menschen haben dieses Stück gesehen. Zum Kultbuch in der Schweiz ist Krohns Roman „Quatemberkinder“ geworden. „Vrenelis Gärtli“ stand auf dem ersten Platz der Schweizer Bestsellerlisten. 1994 erhielt Krohn den Conrad-­Ferdinand-Meyer-Preis, 1998 einen Einzelwerkpreis der Schweizerischen Schillerstiftung und 2007 gewann er mit „Vrenelis Gärtli“ die Wahl zum besten Schweizer Buch und bekam für dasselbe Werk Preise der Anne-Marie-Schindler-­Stiftung, von Stadt und Kanton Zürich. 2011 erhielt er den Kulturpreis des Kantons Glarus. Krohn wurde vor 49 Jahren in Deutschland geboren. Seine Eltern zogen 1966 in die Schweiz. Sind Spuren von Deutschland in seinen Werken zu finden? Krohn: „Ja. Bei uns Zuhause zum Beispiel wurde immer Hochdeutsch gesprochen. Auch vom Charakter her habe ich Züge, wie man sie typisch Deutschen zuschreibt, vor allem meine Debattierfreude.“ Die Literatur in der Schweiz sei im Vergleich zum übrigen deutschsprachigem Raum anders, das hänge vor allem mit der basisdemokratischen Tradition der Schweiz zusammen. Zu den Autoren, die Krohn besonders schätzt und liebt, zählen Max Frisch, ­Virginia Wolf oder auch Italo Calvino. Doch Krohn hat seinen ganz eigenen Stil entwickelt:„Ich ­versuche, so genau wie möglich zu sein, viel zu recherchieren und mich beim Schreiben auf das Notwendigste zu beschränken.“ Manche Bücher entstehen relativ schnell, „für andere brauche ich auch zehn Jahre.“ Für welches? „Zum Beispiel für meinen vorletzten ­Roman ‚Ans Meer’“. Darin geht es um das Thema Verzeihen. Gibt es Dinge, die unverzeihlich sind? Krohn: „Ich glaube nicht. Man kann alles verzeihen, wenn man genügend innere Stärke hat. Alle Menschen machen Fehler. Aber ich bin überzeugt, dass alle Menschen die Sehnsucht haben, gute Menschen zu sein.“ Den Großstadtrubel von Zürich, wo er bis vor kurzem gelebt hat, vermisst Tim Krohn nicht. „Ich lebte in Zürich 20 Jahre lang in einem Mietshaus und kannte meine Nachbarn schlechter als unsere Nachbarn hier nach zwei Monaten. Hier oben sind die Menschen ruhiger, aber auch ­offener und neugierig. Und wenn es Reibereien gibt, werden sie gelöst.“ Er muss Sta. Maria zwar immer wieder für Lesungen und andere Veranstaltungen verlassen, doch sonst zieht es Krohn vor, bei seiner Frau Michaela Friemel - auch sie schreibt - und dem einjährigen Kind zu bleiben. Ein zweites Kind ist unterwegs. Neugierig auf Südtirol Außerdem ist viel zu tun, um das alte Haus in Schuss zu bringen. Auf die Literaturszene im Vinschgau und in ganz Südtirol ist der Schriftsteller gespannt und neugierig. Schon gehört hat er von der derzeit laufenden Veranstaltungsreihe „Literatur an der Grenze“. Zunächst aber sind die Kirschen zu pflücken und Ernst stellt seinen neuen Nachbar vor die Wahl: „Du kannst eine ausziehbare Leiter aus Metall nehmen oder eine Holzleiter.“ Sepp
Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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