Gerlinde Kaltenbrunner auf dem Weg zum K2, August 2011. Ihr Mann Ralf beobachtete vom Lager aus jeden ihrer Schritte.

Höhe-Punkte

Publiziert in 45 / 2012 - Erschienen am 12. Dezember 2012
Das Extrem-Bergsteigerpaar Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmovits sprach in Mals über seine emotionalen Höhen und ­Tiefen auf 8.000ern. Mals - Alpenkrimis finden zurzeit am Büchermarkt wegen ihrer spannend geschriebenen Mordfälle, die sich in den Bergen ereignen, reißenden Absatz. Beim Vortrag von Gerlinde ­Kaltenbrunner und ihrem Mann Ralf Dujmovits in Mals, könnte dem einen oder anderen der über 500 Zuhörerinnen und -hörern Parallelen aufgefallen sein. Die Schilderung der Besteigung des K2 im Vorjahr war mindestens so spannend wie die Lektüre eines guten Krimis, herrschte doch angespannte Ruhe im Saal. Schaffen sie es rauf, kommen sie durch den Tiefschnee wieder heil runter? Und wenn man weiß, dass der vorangegangene Versuch 2010 für Kaltenbrunners Begleiter tödlich endete, dann passt der Krimivergleich leider. Für Spannung und Abwechslung sorgten neben den unzähligen Bildern und Videosequenzen die sehr persönlichen Kommentare der beiden Extrembergsteiger. So konnte sich der im bequemen Sessel sitzende Bergfan die langen, kräftezehrenden Anmärsche vorstellen, die hohe Atemfrequenz bei der harten Spurarbeit hören und den Erfolgs- und Zeitdruck wegen der abgelaufenen Visa und der wochenlangen Warterei auf das von Charly Gabel angekündigte Schönwetterfenster nachfühlen. Wie gefährlich das gesamte Unternehmen war, wurde deutlich, als Ralf Dujmovits sich wegen Lawinengefahr entschied, umzukehren; Gerlinde jedoch stieg mit drei Bergkameraden weiter hoch. Und da war sie, die persönliche, ja private Note, die diesen Vortrag von anderen unterscheidet, die Gänsehaut verursacht und Herzklopfen und es steht die Frage im Raum: Sind die Beiden am Berg mehr Ehepaar oder Bergkameraden? „Jeder hört auf sein Bauchgefühl, jeder entscheidet für sich“, im ersten Moment eine logische wie simple Antwort. Doch wenn man sich Ralfs verzweifelte Schreie: „Kehrt doch um!“, im Ohr hat, wird der tiefe Zwiespalt des Ehemanns und Extrembergsteigers deutlich. Überhaupt war der Vortrag kein technischer Bericht, wie ihn sich manche männliche Zuhörer erhofft haben. Nicht die Leistungsfrage, welchen Berg in welchem Schwierigkeitsgrat man innerhalb welcher Zeit geschafft hat, stand im Vordergrund. Mehr kam die Gefühlspalette, die das extreme Bergsteigen auslöst, zur Sprache: Enttäuschungen, Begeisterung, Scheitern, Krisen, Ausweglosigkeit, Euphorie, eben Menschliches, von der Talsohle bis zum Gipfel. Am Ende des Vortrags bleibt der Eindruck, ein offenherziges, ehrgeiziges, um nicht zu sagen berg-süchtiges Ehepaar vor sich zu haben. Denn mehr als einmal flapste Ralf über Gerlindes Eigenart, am Gipfel stets auf dem wirklich höchsten Punkt stehen zu wollen, „und wenn er nur ein halber Meter höher ist“. Gerlinde hält dagegen: „Aber dort oben hat man eine Aussicht...“ und ihr Strahlen sagt mehr als Worte. Andrea Kuntner
Andrea Kuntner
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Vinschger Sonderausgabe

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