"Meine Freude am Fliegen ist ungebrochen"

Publiziert in 11 / 2005 - Erschienen am 9. Juni 2005
Einen großen Schutzengel hatte am 26. Mai der 22-jährige Sven Richter aus Weilheim in Oberbayern. Er musste beim Flug durch den Vinschgau mit einem kleinen Segelflugzeug in Schlanders notlanden. Ereignet hat sich das Unglück in der Sportzone. Dass der junge Student das Unglück unverletzt überlebte, grenzt an ein Wunder. „Der Vinschger” hat mit Sven wenige Tage nach dem Unglück gesprochen. Von wo aus sind Sie gestartet und was war Ihr Ziel?: Sven: Am Donnerstagvormittag bin ich am Segelflugplatz Paterzell in Oberbayern zu einem Streckenflug in den Bergen gestartet. Geplant war eine Route ins Engadin, dann zum Achensee, evtl. Richtung Kufstein und wieder zurück. Warum mussten Sie plötzlich notlanden bzw. außenlanden, wie man das im Jargon der Segelflieger bezeichnet? Sven: Nachdem ich meinen ersten Wendepunkt bei St. Moritz umrundet hatte, flog ich nach Osten Richtung Ofenpass. Dort entschied ich mich, den Flug auf der Südseite des Alpenhauptkammes fortzusetzen, da die Wolken dort, so weit ich es einsehen konnte, am Grat entlang aufgereiht waren. Da sich im Inntal hingegen bisher bei mäßiger Thermik kaum Cumulus-Wolken ausgebildet hatten, erhoffte ich mir mit dieser Streckenführung bessere Bedingungen anzutreffen als beim Hinflug. Bis Meran entsprach das Steigen etwa meinen Erwartungen und ich kam gut voran. Um wieder auf die Nordseite des Hauptkammes zu gelangen, wollte ich über den Brenner queren. Leider fand ich im Passeiertal kaum Thermik und so fehlten mir etwa 80 Meter, um über den Jaufenpass zu kommen. Dadurch musste ich durch das gesamte Tal wieder zurück. Laut dem Außenlandekatalog gibt es in dieser Gegend praktisch keine Landemöglichkeiten: lediglich den Pferderennplatz in Meran sowie eine theoretische Möglichkeit bei Tabland. Da mir Meran als nicht machbar erschien und ich die Wiese in Tabland nicht auffinden konnte, versuchte ich den früheren Flugplatz in Schluderns zu erreichen. Von querab Meran bis Schlanders hatte ich mich bis auf 200 Höhenmeter an Schluderns herangearbeitet. Doch mehr war einfach nicht herauszuholen. Daher entschloss ich mich, eine Landung auf dem Sportgelände in zu versuchen. Was ging in Ihnen vor, als sie den Beleuchtungsmast streiften und einen der Flügel verloren? Sven: In diesem Moment besteht keine Gelegenheit, darüber nachzudenken. Zwischen der Kollision mit dem Lichtmast und dem Aufschlag vergingen keine zwei Sekunden. Welche Rolle spielte der Wind? Sven: Beim Landeanflug hatte ich leichten Rückenwind. Da ich bei einer Landung mit Gegenwind jedoch auf abfallendem Gelände angeflogen wäre, bot sich keine Alternative. Seit wann sind Sie Segelflieger? Sven: Seit 1998. In den vergangenen sieben Jahren sammelte ich etwa 380 Flugstunden und ebenso viele Starts. Über die Hälfte der Stunden auf der Muster LS4. Was haben Sie aus dem Unfall gelernt? Sven: Dass insbesondere das Fliegen in den Bergen eine nicht zu unterschätzende Gefahr birgt. In Anbetracht der schönen Eindrücke und Erlebnisse blenden wir diese Gefahr häufig aus. Doch aufgrund von Fehlentscheidungen kann man sich leicht in unvorhergesehenen Situationen wiederfinden. Und nicht immer gehen diese so glimpflich aus, wie in meinem Fall. Ist Ihre Freude am Fliegen ungebrochen? Ja. Es gibt nichts Vergleichbares. Wie war die Wetterlage am Unglückstag? Am Tag, an dem Sven Richter in Schlanders außenlandete, war nach Auskunft von Segelfliegern aus Unterwössen folgende Wettersituation zu verzeichnen: Die Kaltluft auf der Nordseite des Alpenhauptkammes floss stoßweise auf die Südseite und sammelte sich dort in den Tälern. An diesen Stellen bestand daher keine oder nur sehr eingeschränkte Möglichkeit für thermische Aktivität.
Josef Laner
Josef Laner

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