Die zwei ausgebildeten Trauerbegleiterinnen Martina Gamper (links) und Irene Volgger

„Nicht in Schuld und Scham versinken“

Publiziert in 13 / 2014 - Erschienen am 9. April 2014
Erstmals angeleitete Gesprächsrunde für Hinterbliebene von Suizid-Opfern Goldrain - Wie konnte er mir das antun? Hoffentlich erfährt niemand, dass sich in unserer Familie jemand das Leben genommen hat. Es ist am besten, nie mehr darüber zu reden. Jetzt muss ich bis zum Lebensende mit diesem Makel leben. Solche Fragen und Fest­stellungen sind im Zusammenhang mit Suiziden leider immer noch oft üblich. Angehörige, Freunde und Bekannte von Suizid-Opfern bleiben mit ihren Fragen auf sich alleine gestellt. Unsere Gesellschaft, unser schneller Lebensrhythmus, der Leistungsdruck und andere Faktoren lassen es nur schwer zu, dass Hinterbliebene ihre Trauer leben, äußern und letztlich bewältigen können. Das Thema Suizid ist nach wie vor mit vielen Tabus behaftet. Die Gesellschaft drückt den Suizid-Opfern einen Stempel auf, den auch die Hinterbliebenen weitertragen müssen. Sie werden somit selbst zu Stigmatisierten. Die Folgen sind ungerechtfertigte Schuld- und Schamgefühle, die das Trauern, das an und für sich ein natürlicher Vorgang ist, erschweren. Gesprächsrunde am 12. April Erstmals wird nun im Vinschgau eine Gesprächsrunde für Hinterbliebene angeboten, und zwar am Samstag, 12. April, von 14 bis 18.30 Uhr im Bildungshaus Schloss ­Goldrain (Auskünfte und Anmeldungen unter Tel. 0473 742433). „Es ist uns schon seit längerer Zeit ein Anliegen, für Hinterbliebene von Suizid-Opfern ein Angebot zu schaffen. Auch deshalb, weil das Thema Suizid gerade im Vinschgau sehr aktuell ist“, sagt Bildungshausdirektorin Claudia Santer. Als Referentinnen konnten die ausgebildeten Trauerbegeleiterinnen Irene Volgger aus Meran und Martina Gamper aus Schlanders gewonnen werden. Sie haben ­Psychologie studiert und sind zudem Supervisorinnen und Coachs. „Der Bedarf, dass sich Hinterbliebene in einem geschützten Rahmen in einer angeleiteten Gesprächsrunde aussprechen und austauschen können, ist groß“, stimmten sie in einem Vorgespräch mit dem der Vinschger überein. „In so einer Gruppe haben alle gleich viel Gewicht. Es ist für Hinterbliebene wichtig, einfach und offen über das Vorgefallene reden zu können“, so Irene Volgger. „Außerdem befindet man sich im Kreis von Personen, die alle das Gleiche durchmachen und daher wissen, wie es ist, wenn sich ein Angehöriger oder Freund das Leben nimmt“, ergänzt Martina Gamper, die seit 13 Jahren eine Trauergruppe in Meran leitet. Jeder trauert auf seine Art „Jeder trauert auf seine Art. Alle Äußerungen von Trauer sind zu­zulassen“, ist Irene Volgger überzeugt. Sie ist übrigens die Koordinatorin der Caritas Hospizbewegung in Meran. Das Hauptproblem sehen die Trauerbegleiterinnen darin, dass sich Hinterbliebene von Suizid-Opfern oft schämen, ungerechtfertigte Schuldgefühle entwickeln und alles verleugnen. „Auch Ohnmacht, Wut und die Angst, mit dem Leben in Zukunft nicht mehr zurecht zu kommen, treten nicht selten auf“, sagt Martina Gamper. Im Fall von Todesfällen durch Suizid werden der Prozess des Trauerns und die Bewältigung des Lebens danach erschwert. Irene Volgger: „Hinterbliebene fragen sich, was sie falsch gemacht haben und warum sie nicht imstande waren, den Suizid zu verhindern.“ Das Selbstwertgefühl bricht ein und das bisherige Leben wird grundsätzlich in Frage gestellt. Erschwerend dazu kommt häufig das soziale Umfeld. „Wenn sich jemand das Leben nimmt, fragen sich alle nach dem Warum. Alle meinen es zu wissen, im Grunde aber weiß es niemand.“ Wie ist es nur möglich, dass ein Kind von so guten Eltern Selbstmord begeht? Solche und ähnliche Äußerungen sind laut Martina Gamper und Irene Volgger besonders verletzend und erschweren den Weg der Trauerbewältigung zusätzlich. Ein bestimmtes Maß von Verdrängung ist natürlich und menschlich. Früher oder später muss Trauer aber bewältigt und überwunden werden. „Wertvolle Hilfe dabei können Hinterbliebene im gegenseitigen Austausch finden“, sind die Trauerbegleiterinnen überzeugt. Sepp
Josef Laner
Josef Laner

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