Arno Kompatscher, Josef Stricker,Eva Keifl, Utta Brugger, Helga Mutschlechner und Heinrich Fliri.

Ohne gesunde Familien erkrankt die Gesellschaft

Publiziert in 3 / 2013 - Erschienen am 30. Januar 2013
Die Gesellschaft ist dabei, an dem Ast zu sägen, auf dem sie sitzt. Im KVW-Bezirk Vinschgau diskutierte man um Wert und Wohlergehen ihrer Keimzelle, der Familie. Schlanders - Am Ende der Podiumsdiskussion machte sich Ratlosigkeit breit unter den Verantwortlichen des KVW. Man hat sich bei einem so brennenden Thema wie Familie und bei solchen „querschnittspolitischen Dimensionen“ mehr als die schüttere Zuhörerkulisse in der Aula der Handelsoberschule erwartet. Etwas missverständlich - das fand auch eine Teilnehmerin am Podium - war der Titel der Veranstaltung: „Wunschkonzert Familie: den Ansprüchen von heute gewachsen?“ Dabei hätten Familienmitglieder sehr wohl eine lange Reihe von Wünschen an die Politik, an die Wirtschaft und an die Gesellschaft im Allgemeinen, wie man im Laufe des Abends hören sollte. Die Familie als älteste Institution der Gesellschaft werde nämlich von allen Seiten bedrängt. Ja, es scheine soweit zu sein, dass sie sich junge Leute gar nicht mehr leisten könnten. „Dabei wurde der Wunsch nach der Gründung einer Familie von Südtiroler Jugendlichen am häufigsten geäußert“, meinte der Vorsitzende des Gemeindenverbandes Arno Kompatscher. Zusammen mit Josef Stricker, geistlicher Assistent des KVW, mit Utta Brugger, Landesvorsitzende des Familienverbandes, und mit Helga Mutschlechner, Vorsitzende der Frauen im KVW, war er vom Obmann des KVW-Bezirks Vinschgau, Heinrich Fliri, zur Diskussion eingeladen worden. Moderatorin Eva Keifl ließ Josef Stricker als Impulsreferent die derzeitige Lage der Familie darstellen. Ideologische Abrüstung Der ließ wie gewohnt an Deutlichkeit nichts zu wünschen über. „Die Familie hat Hitler, Stalin und Enver Hodscha überstanden, aber jetzt wird sie sehr subtil unterspült“, eröffnete er. „Wenn ich es vornehm ausdrücken will“, sagte er , „dann ist unser Wirtschaftssystem nicht sehr familienfreundlich.“ Wenn nur der eigene Nutzen zähle und sich der Einzelne im Mittelpunkt sehe, stehe diese Einstellung quer zur Familie, denn dort müsse ein großer Aufwand für andere betrieben werden. Als zweite Konfliktlinie machte Stricker die Forderungen der Wirtschaft nach Flexibilität und Mobilität aus. Die Familie brauche aber Stabilität. „Die Familienpolitik droht zu entgleisen“, stellte er fest. „Alle beschäftigen sich mit Kindererziehung und dazu noch stark ideologisch aufgeladen. Hausfrauen und berufstätige Frauen werden gegeneinander ausgespielt.“ Entscheidungen, welches Familienmodell das bessere ist, liege einzig und allein bei der betroffenen Familie. Sofortige ideologische Abrüstung verlangte Stricker. Familie als Grundstock Moderatorin Keifl hatte keine Zweifel: „Die Familie ist der Grundstock der Gesellschaft“, und fragte in die Runde, was sie noch leisten und was sie nicht mehr leisten könne. Sie leiste auf alle Fälle eine wichtige Werteerziehung, war Heinrich Fliri der Meinung, aber sie könne es sich nicht mehr leisten, Kinder allein zu Hause zu erziehen. Auch seien viele Familien im Wettbewerb der Angebote nicht mehr imstande mitzuhalten. Laut Helga Mutschlechner spüre die Familie die Beziehungs- und Wirtschaftskrise. Ihre Grundlagen seien nur durch finanzielle Zuwendungen und durch Infrastrukturen zu sichern. Utta Brugger hielt die Bedürfnisse der Familien so zahlreich und vielfältig wie es Familien gibt. In städtischer Umgebung hänge die Familie vielfach in der Luft. Versicherungstechnische Hürden würden Nachbarschaftshilfe verhindern. Dass die Familie nicht mehr zur wirklichen Werteerziehung komme, hänge auch mit der Überforderung der berufstätigen Eltern zusammen, war Brugger überzeugt. Arno Kompatscher, der am Vormittag seine 143. Trauung vollzogen hatte, sah die Gründe des Scheiterns junger Familien in den überzogenen Vorstellungen. „Die Keimzelle der Gesellschaft ist schlichtweg überfordert“, sagte er plakativ. Man müsse die Erwartungen wieder niedriger ansetzen und alles entschleunigen. Angst um den Job Auf Entschleunigung bezog sich auch der erste Einwand aus dem Publikum mit der Ergänzung, dass die Gesellschaft zu hohe Anforderungen stelle. Auf die Bemerkung eines Zuhörers, es scheine, als sei in der Landesregierung gar kein Familienressort vorgesehen, bemerkte ­Kompatscher, dass für Kinder bis zu drei Jahren der Sozialassessor, danach die Schulassessorin zuständig sei. Die Vorsitzende der Plattform für Alleinerziehende, Ida Lanbacher, ortete die prekären Arbeitsverhältnisse als größtes Hindernis auf dem Wege zu einer Familiengründung. Man habe Angst um den Job und versuche seine Karriere zu stabilisieren, bevor man an eine Familiengründung denke. Das Stichwort prekäre Arbeitsverhältnisse brachte wieder den Arbeiterpriester Stricker auf den Plan. Er gab zu, dass diese Situation einher gehe mit Arbeitslosigkeit. Dazu komme eine für Süd­tirol ungewohnte Situation; es sei ein Mangel an Arbeitsplätzen entstanden. Zu einer regen Debatte kam es im Zusammenhang mit der Pflegesicherung - von Arno Kompatscher als tickende Zeitbombe bezeichnet. Das Gesetz bringt nichts Auch das zukünftige Familiengesetz und die „Zweiklassengesellschaft“, der berufstätigen Frauen in der Privatwirtschaft einerseits und jener im öffentlichen Dienst andrerseits, kamen zur Sprache. Für Utta Brugger werde das Gesetz, das kurz vor der Verabschiedung stehe, „nichts“ bringen. Eine 24-köpfige Arbeitsgruppe hätte sich nur auf den kleinsten, gemeinsamen Nenner geeinigt. Wieder werde man nur in Infra­strukturen investieren. In der Schlussrunde fiel der Politiker Kompatscher mit der Forderung auf: „Politiker müssen aufhören, den Menschen weiszumachen, dass sie für alles eine Lösung parat haben“. Josef Stricker hielt es für nötig, die Vorstellung, Gemeinde oder Land würden es richten, zu tilgen. Wir werden Prioritäten setzen müssen. Bei der Familienförderung werden wir von der Bedürftigkeit ausgehen müssen. Utta Brugger rief auf, mit dem bescheidenen, eigenen Glück zufrieden zu sein. Helga Mutschlechner glaubte an die Familie mit Kindern als größtes Glück. Heinrich Fliri hoffte auf möglichst viele Akteure, die sich für die Familie stark machen. Günther Schöpf
Günther Schöpf
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