In eine andere Rolle schlüpfen tut an Fasching gut. Manchmal starre Rollen wechseln tut auch unterm Jahr wohl! Alle Fotos: © Dr. ­Elmar Teutsch, TELOS

Pulverfass Persönlichkeit

Publiziert in 5 / 2007 - Erschienen am 14. Februar 2007
Zu Fasching setzen wir Masken auf – oder lassen die gewöhnlichen Masken fallen. Je wie man es nimmt. Der Psychologe Elmar Teutsch über den Wunsch des Menschen nach Verkleidung. Und was dahinter steckt. „Der Vinschger“: Herr Teutsch, worin liegt der Wunsch des Menschen nach Verkleidung? Elmar Teutsch: Der Wunsch, alle Aspekte der Persönlichkeit ausleben zu können, ist den meisten Menschen eigen. Je konkreter ich mich der Gesellschaft beuge und mich ihr einfüge, desto größer ist der innere Druck, nicht ausgelebte Teile der Persönlichkeit ausleben zu können. Was gibt es denn Schöneres für manche Männer, als Netzstümpfe und Minirock anziehen zu dürfen und endlich einmal die Rolle wechseln zu dürfen. Endlich können alle unerfüllten Fantasien hinein gepackt werden. So machen wir uns zum Objekt der eigenen Begierde. Zu Fasching ist endlich alles möglich. Allerdings schlägt das Pendel schon auch mal gewaltig aus und man sollte sich fragen, warum gewisse Rollen an Fasching unbedingt gespielt werden müssen. Ebenso in Ordnung scheint es für viele Frauen in der närrischen Zeit zu sein, sich frivol zu benehmen. Das ist ja auch okay. Als Therapeut frage ich dann, welcher Aspekt der Körperlichkeit in den Alltag mitgenommen werden will. In der Verkleidung zu Fasching gibt es vornehmlich zwei Richtungen: der Wunsch, einem Prototypen zu entsprechen, die bös-hässliche Hexe, die unschuldig-schöne Prinzessin, der gefährliche Bandit, der draufgängerische Pirat, der wohlhabende Scheich... „Der Vinschger“: ...die alle vor allem ein oder zwei Aspekte der Persönlichkeit besonders hervorheben... Elmar Teutsch: ...ja, genau. Die zweite Möglichkeit, die Verkleidung bietet, ist das Nicht-Erkanntwerden. Beobachten bietet sich an: der Mensch kann spielen, Schabernack treiben und selbst unerkannt bleiben. So kann man tun, was man will. „Der Vinschger“: Wenn diese Bedürfnisse nur zu Fasching zu Tage treten dürfen, dann sitzen doch viele auf einem Pulverfass? Elmar Teutsch: Nicht nur das. Das Leben in unserer zivilisierten Welt ist keineswegs so zivilisiert, wie angenommen. Der kleinste Kratzer genügt, damit der Urmensch zu Tage tritt. Es braucht keine zehn Jahre Verrohung, da genügen schon ein paar Hooligans im Stadion, damit die moralischen Grundlagen des Menschen ins Wanken geraten. Oft stellt sich heraus, dass eben jene Grundlagen nicht die eigenen, sondern – unreflektiert – die von der Gesellschaft übernommenen sind. Es ist wichtig, dass sich Menschen die Freiheiten, solange sie nicht die Freiheiten anderer beschneiden, nehmen, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Und ihren eigenen Weg gehen – der, der ihnen passt, mit den Persönlichkeiten, die dazu gehören. „Der Vinschger“: Die verschiedenen Persönlichkeiten der Menschen: Das ist also durchaus im Rahmen des Gesunden, nicht nur eine zu haben? Elmar Teutsch: Wer gesund ist, hat verschiedene Gesichter. Es ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen, in verschiedene Rollen hineinzuwachsen und darin zurechtzukommen, sich damit auch abzuwechseln. Aber auch diese Rollenspiele können an die Grenzen des Gesunden kommen: Im Internet gibt es seit einigen Monaten ein Spiel namens „Second Life“, an dem sich Millionen von Menschen beteiligen: Beruf, Körper, Aussehen, Familienstatus usw. kann sich der Spieler selbst aussuchen. Mit dieser „neuen“ Persönlichkeit tritt der jeweilige Spieler dann in Aktion. Manche Menschen verbringen einen großen Teil ihrer Freizeit damit, versinken in dieser künstlich erschaffenen Welt – und ihrer „neuen“, virtuellen Persönlichkeit. Das ist schon bedenklich – genau wie exzessives „Bewohnen“ der Chat-rooms. Zwischen 80 und 90 Prozent der Teilnehmer sind nicht so, wie sie vorgeben, zu sein. Dabei könnte man so wunderbar lernen, die verschiedenen Persönlichkeiten in sein Leben zu integrieren – und auch Veränderungen zuzulassen. Wie Goethe schon sagte: „Der einzige vernünftige Mensch, den ich kenne, ist mein Schneider. Er nimmt immer wieder neu Maß“. „Der Vinschger“: Was sind die häufigsten Anzeichen, wenn Menschen bemerken, dass ihnen die Rollen und Masken, die sie gewählt haben, nicht mehr zusagen? Elmar Teutsch: Die wichtigsten Zeichen gibt der Körper selbst, Schlaflosigkeit, Magenprobleme, Nervosität. Auch die Umwelt weist darauf hin, wenn Freunde fragen: Was ist los mit dir? Man sollte sich fragen: Wann habe ich mich das letzte Mal auf etwas gefreut? Wann habe ich gelacht? Haben sich Freude und Lachen aus dem Leben verabschiedet, dann ist es höchste Zeit, gegenzusteuern. „Der Vinschger“: Ist es nicht so, dass die Gesellschaft einen – wenngleich gesunden – Menschen mit vielen Gesichtern eher als verrückt einstuft? Elmar Teutsch: Ja, sicherlich. Sie fördert das auch nicht unbedingt. Wie schon erwähnt, wenn es die Freiheiten anderer nicht einschneidet, die Grenzen anderer Menschen respektiert, ist es in Ordnung. Das Leben ist nicht nur am Feierabend, an Fasching, im Urlaub, sondern immer, täglich. Und am besten sagt man es mit Erich Kästner: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Dr. Elmar Teutsch, Psychologe und Psychotherapeut, ist Leiter des Bozner Institutes für Psychologie und Wirtschaft Telos. Seine Spezialgebiete sind experimentelle Psychologie, integrative Gestalt-/Körpertherapie und angewandte Kommunikationsforschung. Der 1949 geborene Vater von vier Kindern hatte sich ursprünglich auf Werbepsychologie konzentriert, seine Werbeagentur Conzepta dann verkauft – nach 20 Jahren und vielen psychologischen Zusatzausbildungen – und das Institut TELOS gegründet. Heute begleitet er Menschen, zum Beispiel mit seiner Sendereihe bei der RAI „Drei Minuten für mich selbst“, in Einzelberatungen und vor allem mit Seminaren. Ebenfalls ein Kind von Teutsch: Die Jahresgruppe „Veränderung“ - sie wendet sich an Männer und Frauen, die ihre Persönlichkeit stärken wollen, um mit allen ihren Rollen und Masken zurecht zu kommen.
Katharina Hohenstein
Katharina Hohenstein
Vinschger Sonderausgabe

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