Refugium Sonnenberg

Publiziert in 20 / 2015 - Erschienen am 28. Mai 2015
Thomas Wilhalm: Trockenrasen sind zu schützen. Tanas - Trocken, karg, viel Sonne und ein besonderes Licht. Wer den Vinschger Sonnenberg beschreiben will, kommt ohne diese Wörter nicht aus. Es gibt aber noch weitere, weniger bekannte Besonderheiten, die dem ­Sonnenberg ein Alleinstellungsmerkmal verleihen und die Thomas ­Wilhalm, Konservator für Botanik am Naturmuseum, am 22. Mai im Schulgebäude in Tanas beleuchtete. Der Vortragstitel „Der Vinschger Sonnenberg – Ein Refugium für eine besondere Flora und Fauna“ war nicht zufällig gewählt worden, denn zu den markantesten Besonderheiten zählt die Zusammensetzung der Flora und Fauna. Es ist weniger die Artenvielfalt, die besticht, sondern der Anteil von Arten, die teilweise aus den russischen Steppen, aus dem hohen Norden und aus dem mediterranen Raum stammen und am Sonnenberg „sesshaft“ wurden. Wilhalm erklärte auch, wie der Walliser Schwingel, das Pfriemengras, die Kleine Segge, der Meerträubel und andere „Einwanderer“ eine neue Heimat inmitten der alpinen Flora gefunden haben. Zurückzuführen sei das vor allem auf die Eiszeit. Als im Norden die Gletscher wuchsen, haben sie die Flora und Fauna in Richtung Süden vor sich „hergeschoben“. Die Arten aus den Weiten der russischen Steppen breiteten sich bis zum Ostrand der Alpen aus. Ähnliche Wanderungen gab es auch bei der Fauna. Als Bespiele nannte Wilhalm u.a. die Sperbergrasmücke (Sing­vogel), den Kleinen Tragant-­Bläuling (Schmetterling) oder den Fels-Buntgrashüpfer (Heuschrecke). Auch auf die Veränderungen, die vom Menschen verursacht wurden, ging der Biologe ein: „Der Sonnenberg ist eine Kulturlandschaft. Weite Teile sind seit Jahren Weideflächen.“ Um an den trockenen Hängen Weideland zu gewinnen, wurden ab dem Hochmittelalter ganze Waldstriche in Brand gesteckt („Waldbrunstzeit von 1777 bis 1802). Außerdem gab es das „Staudenbrennen“, sprich das wiederholte Abbrennen von Hecken auf Brandflächen. Auf diese Weise wurde die Wiederbewaldung verhindert, was wiederum zur Versteppung und Ausbreitung der Trockenrasen führte. Die Trockenrasen sind laut Wilhalm in Gefahr. Dieser Lebensraumtypus umschließe die „trockensten, wärmsten und kontinentalsten Standorte mit hohem Anteil an mediterranen und Steppen-Elementen. Diese sind im gesamten Alpenraum selten.“ Die verbliebenen Trockenrasen des Vinschgaus stellen für ganz Italien „Standorte von höchstem floristischen und faunistischen Wert dar, die mit größter Sorgfalt zu schützen gilt.“ Ein wichtiges Thema sei die Weidebewirtschaftung. Eine Überbeweidung könne diesen besonderen Lebensraum ebenso beeinträchtigen wie eine Unterbeweidung. Nicht mehr ganz so glänzend sei mittlerweile der Ruf des Sonnenbergs als Schmetterlings-Eldorado. Abschließend stellte Wilhalm fest, dass es bis heute leider keine Gesamtdokumentation über die natur- und kulturgeschichtlichen Besonderheiten des Sonnenbergs gibt. In Tanas setzen sich derzeit mehrere Arbeitsgruppen mit den Schwächen und Stärken des Sonnenbergs auseinander. Es werden auch Ideen für eine mögliche Aufwertung bzw. Entwicklung gesammelt. Den Vortrag mit ­Wilhalm hatte die Gruppe organisiert, die sich mit dem Thema „Tanas und Tourismus“ beschäftigt. Zu den größten Problemen gehört die drohende Abwanderung. „Vor rund 50 Jahren lebten in Tanas 350 Menschen, jetzt sind des 153“, bestätigte Raimund ­Niederfriniger dem der Vinschger. Die Schule wird nur mehr von 9 Kindern besucht, Tendenz sinkend. Sepp
Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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