Besonderen Wert legt Don Klaus bei seinen Besuchen in der Ukraine auf die Begegnung mit Kindern und Jugendlichen.

Revolution der Würde, Bürgerkrieg oder Terror?

Publiziert in 21 / 2015 - Erschienen am 4. Juni 2015
Eindrücke aus der Ukraine von Don Klaus Rohrer Müstair - Liebe Leserfamilie, mein Name ist Klaus Rohrer, ich bin katholischer Priester und arbeite seit September 2014 als Spiritual im Kloster Müstair. Anfang Februar dieses Jahres konnte ich fast 2 Wochen in der Ukraine verbringen, um dort Freunde zu besuchen: Es war für mich nicht das erste, sondern bereits das fünfte Mal. – Zu Gast war ich im Bistum Buchach (Südwest-­Ukraine) in der Bischofstadt Chortkiv. Bischof Dmytro, der Bischof von dort, war auch vor kurzem zu Besuch hier bei mir und nahm im Oberen Vinschgau bei einem Treffen mit Leuten vor Ort teil. Revolution der Wüde Seit Ende November 2013 ist die Revolution der Würde in der Ukraine im Gang. Nur langsam verstand ich den Inhalt der Bewegung. Es geht um Freiheit, um Würde der Menschen in der ­Ukraine. Der diktatorische Ex-Präsident hat nach seiner Flucht vor einem Jahr einen enormen Schuldenberg hinterlassen. Der Polizeiapparat umfasste vier- oder fünfmal mehr Menschen als das gesamte ukrainische Militär. In diesem Überwachungs-System wucherten natürlich Korrupt­ion und Misstrauen gleichzeitig. Krankenkassen, Renten, minimale Geleichberechtigung von Mann und Frau, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie scheinen inexistent gewesen zu sein in der Ukraine von damals (bis Februar 2014) – all dies gilt es noch aufzubauen. Hohe Sterblichkeitsraten, ein marodes Gesundheitssystem mit extrem hohen Kosten, Bestechlichkeit, Verschleppung/Verfolgung von Menschen, Flucht in Alkohol- und Drogenexzesse, wenig Selbstverantwortung und Solidarität unter den Bürgern, hohe Auswanderungsraten, dies und anderes waren direkte und spürbare Folgen dieser Umstände. All das veranlasste vor allem die studierende Jugend, sich zu organisieren und allen diesen Missständen die Stirn zu bieten. In kürzester Zeit, unter teilweise minimalstem Aufwand, clever und phantasievoll, blitzschnell organisiert, begegnet man den miesesten Umständen, jeglicher Gefahr trotzend. Ehrlich, ich bewundere diese jungen Menschen, die ich teilweise vor einem Jahr auch persönlich in Kjyv treffen durfte. Die blutige Niederschlagung der Maidan-Proteste in Kjyv hatte jedoch zwei unerwartete und unvorhersehbare positive Folgen: Die Flucht des Diktators und die Ausweitung der Maidan-Bewegung auf das ganze Land. Es ist wichtig, dass man die nun seit Monaten andauernden kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ostukraine nicht als Bürgerkrieg ansieht: Dies ist kein Konflikt zwischen russisch-sprachiger und ukrainisch-sprachiger Kultur/Bevölkerung. In der Ukraine mit mehr als 45 Millionen Einwohnern leben seit langer Zeit verschiedenste Ethnien zusammen, ca. 50 im aktuellen Staat. Die Separatisten sind aus den mafia-ähnlichen organisierten Strukturen der Oligarchen-Wirtschafts-Betriebe respektive -Systeme herausgewachsen. Ihre Truppen wurden ganz bewusst mit Hilfe aus dem Nachbarland rekrutiert und gefördert und ebenfalls von dort mit modernster, auch dem Herkunftsland zuweisbarer Ausrüstung massivst unterstützt und personell aufgestockt. Sie können aber nie für die gesamte Bevölkerung der Ostukraine sprechen. Ihre Terror-Methoden traumatisierten die Menschen in dieser Region schon seit Längerem. Die Caritas der Ukraine spricht nicht umsonst im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ostukraine von über 2 Millionen Flüchtlingen, welche offiziell gemeldet sind und betreut werden. Man müsste wohl eher von einem Krieg zwischen Kultur und Nicht-Kultur sprechen. Hybrider Krieg Am 7./8. Februar 2015 fand in München eine Konferenz über Sicherheit in Europa statt. Die im Internet zugängliche Begleit-Dokumentation dazu enthält unter anderem einen Artikel über „Hybrider Krieg“. Dieses Thema fand sofort, besonders im Zusammenhang mit der Ukraine, meine volle Aufmerksamkeit. Wie ein hybrides System, zum Beispiel bei einem Elektro-Auto oder so, ein aus verschiedensten Technikbereichen zusammengesetztes System darstellt, so kann es auch bei einem kriegerischen Konflikt so sein. Man kann verschiedenste Systeme benützen, um den Feind zu demütigen und Verwirrung zu stiften: Reguläre Truppen, irreguläre Truppen, Spezialeinheiten genauso wie das Informations-, Finanz- und Wirtschafts-System eines Landes. Man braucht dann nur noch ein paar regionale Konflikte aufzuheizen und Öl ins Feuer zu gießen und schon ist die Verwirrung und Demütigung, die man erreichen wollte, perfekt. Im Fall der Ukraine kann man dies leicht nachvollziehen. Vielleicht sind auch andere Ereignisse, die wir erleben, in dieser Dimension zu verstehen. Meine Arbeit in der Ukraine Beim Besuch im Februar konnte ich neben den Gläubigen in den Pfarreien auch Soldaten, Verwundete, Behinderte, Waisenkinder, Gefangene, Sanitätspersonal und Ärzte treffen. Kinder und Jugend­liche an den verschiedenen Schulen und den zwei Colleges der Stadt gilt immer meine besondere Aufmerksamkeit, so wie den Studenten und Seminaristen: Es ist ihr Land, ihre Zukunft, ihre neue Ukraine, die nun am Entstehen ist. – Seit dem Krieg in der Ostukraine ist die allgemeine Lage im Land nun ganz anders: Viele sind zusammengerückt, viele sind sensibilisiert, viele übernehmen Verantwortung vor Ort und viele sind extrem solidarisch. Trotz all dem Leidvollen, das ein Krieg mit sich bringt, konnte ich enorm viel Gutes feststellen. Meinen Fokus setzte ich vor allem auf Versöhnungsarbeit: Das erfahrene Leid, Wut, Zorn und Enttäuschung sollen die Menschen nicht innerlich hart werden lassen. Hoffentlich konnten diese Worte euer Bild von der Lage ein wenig ergänzen. Begleiten wir jedenfalls die Ukraine auf dieser Pilgerfahrt hin zu Freiheit und Würde – die Menschen dort haben dies mehr als verdient! Euer Don Klaus N.B.: Der Ukraine-Konflikt ist eines der wichtigsten Themen beim G7-Gipfel, der am 7. und 8. Juni in Deutschland stattfindet.
Vinschger Sonderausgabe

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