Risse und Spalten

Publiziert in 15 / 2005 - Erschienen am 4. August 2005
Die Jenn, die Jennwand dominiert das Marmordorf Laas und gibt ihm Brot. Die Geschichte des Marmorabbaues ist alt, die der Jennwand noch viel älter. Wie kaum ein anderer Berg kann an der Jenn die Entstehungsgeschichte der Berge abgelesen werden. Seine verschiedenen Schichten, die übereinander geworfenen Falten erzählen aus dieser Zeit. In vielen kleinen Steinen und großen Blöcken spiegelt sich die ganze große Geschichte wider. Die Jenn, die Jennwand beherrscht Laas und die Laaser. Bernhard Grassl ist einer der Laaser, den die Jenn ganz in ihren Bann gezogen hat und ihn nicht mehr loslässt. Gefangen von ihr, versucht er immer wieder sich aus der Distanz ihr neuerlich zu nähern, stets auf eine neue Art. Es ist eine Pendelbewegung, ein Vor und Zurück. Ein Loslassen und Wieder-gefangen-genommen-werden. Bereits die Umgebung von Bernhards Werkstatt atmet Marmorluft. Marmorquader, aufgeschichtet zu einer Mauer, liegen im Blickfeld. Im Hintergrund verschiebt die veraltete Schrägbahn Blöcke von oben nach unten. Ein Steinvorhang aus 777 Bachsteinen hängt beinahe unbewegt von der Decke, wirkt stoisch. So wie Bernhard. 777 ist eine heilige Zahl, sagt Bernhard. Mit Quarzsteinen hat er ein Rechteck gezeichnet. Erst auf dem zweiten Blick und im Sonnenlicht wird dieses Detail sichtbar. Die kleine Werkstatt ist voll gestellt mit verschiedenen Steinskulpturen und -bildern, älteren und neuen Werken. Sie verleiten dazu, die beweglichen Objekte anzutippen, sie in Schwingung zu versetzen. Andere laden zum Darüberstreichen ein, zum Erspüren der Risse und der Struktur. In manche hat Bernhard Muster eingemeißelt, so wie er sie für den Stein erspürt hat. Am besten bleibt man in der Mitte des Raumes stehen und schaut sich die an den Wänden hängenden Bilder aus Stein an. Eines entdeckt man in jedem Fall: dass der Marmor nicht nur weiß ist. In den letzten Wochen hat Bernhard „geschuftet“ um seine Ausstellungsobjekte fertig zu rahmen. Sie werden ab dem 5. August im Traditionsgasthof Krone am Dorfplatz in Laas zu sehen sein. Der Marmor und damit seine Quelle Jennwand sind auch dieses Mal das Thema seiner Ausstellung. Mit Marmorbildern, in Stahl gefangen, will er seine Sicht der Jennwand verdichten, sich ihr nähern. „Dieses Mal bin ich mit den Rahmen sparsamer umgegangen als früher“, so Bernhard. Das Kernstück der Ausstellung ist eine Trilogie dreier quadratischer Marmorscheiben, in denen sich die geologischen Falten und die Silhouette der Jenn widerspiegeln. Dies haben ihm gar die Hirten des Laaser Tales bestätigt, die wie er in vielen Stunden die Jenn mit den Augen abtasten, weil es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt. Es ist das Licht, das die Jenn einmal weich und weiblich macht, einmal unnahbar und bedrohlich. Bernhard Grassl ist kein Mann der vielen Worte, jene die er von sich gibt, haben Gehalt. Er hält sich im Hintergrund, ist der stille Beobachter. Betritt man seine Werkstatt verändert sich dieser erste Eindruck: Sein Inneres drängt sich mit steinerner Gewalt nach Außen, will sich ausdrücken. Seine Arbeiten spiegeln seine Stimmungen, ganz so wie die Risse und Spalten, die er auf seinen vielen Wanderungen ins Laaser Tal an der Jennwand beobachtet. Sie interessieren ihn, im Leben wie in seiner künstlerischen Arbeit, die Risse, Spalten und Falten, die Hochs und Tiefs im Innen wie im Außen. Sie hält ihn weiterhin gefangen, die Jenn. Die Ausstellung von Bernhard Grassl ist vom 5. August bis 30. September 2005 im Gasthof Krone am Dorfplatz in Laas, außer montags, zugänglich.
Andrea Kuntner
Andrea Kuntner
Vinschger Sonderausgabe

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