Am Podium (v.l.): Fabian Kobald, Klara Santer, Martin Pinzger, Melanie Noggler, Luis Durnwalder, Herbert Dorfmann, Helmut Fischer und Albrecht Plangger.

„Südtirol braucht Europa“

SVP Vinschgau stimmt auf EU-Wahl ein. „Nicht nur kritisieren, sondern mitgestalten.“

Publiziert in 18 / 2019 - Erschienen am 14. Mai 2019

Latsch - „Wir Vinschger sind überzeugte Europäer“. Mit diesem Slogan eröffnete der SVP-Bezirksobmann Albrecht Plangger am 8. Mai im CulturForum in Latsch die Wahlveranstaltung der Vinschger SVP im Hinblick auf die Neuwahl des Europäischen Parlaments am 26. Mai. Es gehe jetzt darum, „Flagge zu zeigen für Europa.“ Das gelte ganz besonders auch für den Vinschgau, der ein Grenzgebiet ist. Der Bezirksobmann erinnerte u.a. an die Öffnung der Reschen-Grenze am 1. April 1998, die viel Gutes für den Vinschgau und ganz Südtirol gebracht habe. Für die Wahlveranstaltung in Latsch hatten sich der Bezirksobmann und sein Stellvertreter Helmut Fischer etwas Besonderes einfallen lassen. Neben dem amtierenden Europaparlamentarier und SVP-Spitzenkandidat Herbert Dorfmann sowie dem früheren Landeshauptmann Luis Durnwalder saßen auch Vertreter der Jugend und der Wirtschaft am Podium, um ihre Ansichten zu Europa darzulegen und mit dem Publikum zu diskutieren.

„Nicht alles perfekt“

Durnwalder räumte einleitend ein, „dass in der EU sicher nicht alles perfekt ist, dass Fehler gemacht wurden und dass es einiges zu verbessern gibt.“ Völlig falsch aber wäre es, die EU nur zu kritisieren oder ihr gleichgültig gegenüberzustehen: „EU-Politik wird trotzdem gemacht, aber eben ohne uns.“ Als Minderheit in einem der Mitgliedstaaten sei es für Südtirol besonders wichtig, im EU-Parlament vertreten zu sein. Die Nationalstaaten hätten in der Vergangenheit viel Unheil gebracht. Dem Land Südtirol komme vor allem als Grenzgebiet eine große Bedeutung zu. Entsprechend wichtig seien die Einbettung Südtirols in die Europaregion, die Arge Alp und weitere grenzüberschreitende Organisationen. Was Durnwalder an der EU bemängelt, ist die Tatsache, dass das EU-Parlament viel zu wenig zu sagen habe. Was EU-weit fehle, seien starke Führungspersönlichkeiten.

Vertrauen ist gesunken

Das Vertrauen in die EU-Institutionen sei gesunken. Mehr Aufmerksamkeit sei darauf zu legen, die riesigen Unterschiede innerhalb der Mitgliedstaaten zu glätten, „damit die Schere zwischen Arm und Reich nicht noch weiter auseinanderklafft.“ Handlungsbedarf sieht Durnwalder auch in der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik. In der Flüchtlingsfrage habe die EU keine schöne Figur gemacht: „In diesem Punkt müssten die Staaten an einem Strang ziehen. Jene Migranten, die Europa braucht, sollen kommen dürfen.“ In Zukunft sollte die EU verstärkt versuchen, den Menschen daheim zu helfen, damit sie nicht auswandern müssen. Weiters gelte es, die EU auch im weltweiten Kontext zu sehen. Nicht zu leugnen sei etwa, „dass China kommt.“ Abschließend sagte Durnwalder, „dass wir nicht Angst haben sollten vor der EU-Politik, sondern versuchen müssen, Europa besser zu machen als es heute ist, und das geht nur, wenn wir uns an den Wahlen beteiligen.“

Friedens- und Freiheitsprojekt

Herbert Dorfmann äußerte sich in vielen Punkten gleich oder ähnlich wie Durnwalder. Die Grundgedanken, mit denen der französische Außenminister Robert Schuman am 9. Mai 1950 vorgeschlagen hatte, eine Wirtschaftsgemeinschaft in Europa zu gründen, seien nach wie vor gültig: „Wirtschaftlich zusammenarbeiten in einer offenen Gemeinschaft.“ Die EU habe dem Kontinent und damit auch Südtirol Frieden und Wohlstand gebracht. Europa sei ein funktionierendes Friedensprojekt und auch ein Freiheitsprojekt. Bedauerlich sei, dass es in etlichen Staaten sehr egoistisch denkende und handelnde Führungskräfte gebe. Auch Dorfmann brach eine Lanze für mehr Solidarität unter den Staaten. Für Fabian Kobald aus Martell, der Rechtswissenschaften in Innsbruck studiert und derzeit im Rahmen des Erasmus-Programmes einen Studiengang an der Universität Padua absolviert, „steht und fällt die EU mit den Menschen, vor allem den jungen Leuten.“ Wie er selbst seien viele junge Menschen überzeugte Europäer, „und die meisten blicken trotz einiger Probleme, die es in der EU gibt, mit Zuversicht in die Zukunft.“

EU-Geist der Jugend

Was sich Fabian wünscht, ist eine Ausweitung des Erasmus-Programmes auch auf ältere Bevölkerungsschichten. Die Institutionen der EU sollten demokratischer und transparenter werden. Als „überzeugte Europäerin“ bezeichnete sich auch Klara Santer aus Kastelbell, Masterstudentin im Fach Bauingenieurwesen an der Universität München sowie Auslandspraktikum und Erasmus in der Schweiz und in Norwegen. Sie sei in 6 Jahren 6 Mal umgezogen, „und habe dabei Europa nicht verlassen.“ In der EU stehen einem alle Wege offen. Für sie persönlich sei ein Europa ohne Grenzen einerseits eine riesige Erleichterung im Alltag und Beruf und andererseits eine Bereicherung aufgrund der immensen kulturellen Vielfalt, die es in Europa auf relativ kleinem Raum gebe.

Erleichterung und Bereicherung

Die Hürden, in die Heimat zurückzukehren, seien manchmal größer als im Ausland zu bleiben und zu arbeiten. Für Martin Pinzger, den Geschäftsführer der VI.P, ist die EU ein Riesenglück, auch für die Vermarktung der Äpfel und anderer landwirtschaftlicher Produkte. Mehr als die Hälfte der Äpfel aus dem Vinschgau wird im italienischen Inlandsmarkt verkauft, „mindestens gleich wichtig ist für uns aber auch der EU-Binnenmarkt.“ Es sei erfreulich, dass die Regionalität und Nachhaltigkeit landwirtschaftlicher Erzeugnisse EU-weit immer wichtiger werden. Zufrieden sein könne speziell die Sparte Obstbau mit dem EU-Fördersystem. Einen weltweiten Bogen spannte Melanie Noggler, die Exportleiterin der Latscher Firma „Pedross Sockelleisten AG“. Sie sei seit über 10 Jahren weltweit unterwegs. Südtirol sei ein wunderschönes Land mit tollen Charakteren und fleißigen Leuten. Eine Gefahr sieht Noggler darin, dass sich Südtirol zu sehr verschließt und dass mitunter der famose Blick über den Tellerrand fehlt. „Der Südtiroler ist eher jemand, der arrogant ist und meint, alles besser zu wissen und alles zu können, dabei dürfen wir ruhig auch von anderen lernen.“

„Für uns ist Europa existenziell“

Dass ein Betrieb wie „Pedross Sockelleisten AG“ mit 150 Mitarbeitern nach wie vor am Produktionsstandort Latsch festhält und nicht in Billigproduktionsländer gezogen ist, sei mehr als tapfer. „Wir setzen 100 Kilometer Leisten am Tag ab. Europa ist für uns somit existenziell. Ohne Europa geht es nicht“, so Noggler. Mittlerweile werden Sockelleisten aus Latsch auch nach China transportiert. Die Exportleiterin warnte ausdrücklich vor China: „Die Chinesen sind wissbegierig und arbeitswütig. Sie schauen sich das Wissen ab und produzieren dann selbst im eigenen Land oder kaufen Firmen im Ausland. China unterwandert uns auf subtile Weise.“ Zur Frage der EU-Regeln, die Helmut Fischer, der Moderator der Diskussion aufwarf, meinte Noggler dann auch prompt: „Regeln braucht es. Sie müssen aber fair und gleich für alle sein, denn nur so können Sicherheit und Schutz gewährleistet werden.“ Bei der Diskussion wurden u.a. das Wahlbündnis der SVP mit Forza Italia sowie der Brexit als Themen aufgegriffen. Der Polit-Fuchs Durnwalder gab sich überzeugt, dass beim Brexit noch nicht das letzte Wort gesprochen ist und dass Großbritannien am Ende doch in der EU bleiben wird.

Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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