Organisatoren und Festgäste (v.l.): Walburga Unterholzner (Sekretärin), Martin Tscholl, Laura Martini (Psychologin), Tanja Mitterhofer (Psychologin & Psychotherapeutin), Christiane Folie, Martin Fronthaler, Guido Osthoff, Christian Folie (Mitbegründer des Dienstes), Valentine Inderst (Psychologe & Psychotherapeut), Eduard Mairösl (Psychologe & Psychotherapeut), Monika Wielander (Gemeindereferentin) und Dieter Pinggera.
Stellenleiterin Christiane Folie
Bereichsleiter Caritas Guido Osthoff
Martin Fronthaler, Referent und Direktor des Therapiezentrums Bad Bachgart

„Südtirol hat auf euch geschaut“

Die erste psychosoziale Beratungsstelle entstand 1982 im Vinschgau.

Publiziert in 19 / 2022 - Erschienen am 25. Oktober 2022

Schlanders - Mit Klaviermusik von Alexander Skrjabin und Sergej Rachmaninow wurde das Jubiläumsfest „40 Jahre psychosoziale Beratung“ im Kulturhaus von Schlanders eröffnet und gestaltet. Am Piano saß der junge Latscher Martin Tscholl. Stellenleiterin Christiane Folie als Moderatorin hatte gleich drei „offizielle Titel“ parat, wenn sie formal sprechen müsste: „40 Jahre psychosoziale Beratungsstelle der Caritas“ oder „40 Jahre konventionierte Fachstelle für Suchterkrankungen im Vinschgau für Betroffene und Angehörige“ oder „40 Jahre Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Erkrankungen“. Schon besser sei: „40 Jahre der Mensch und seine Welt im Mittelpunkt“. Die berührendsten Erklärungen hätten Klienten und Netzwerkpartner geäußert auf die Frage: „Was fällt ihnen ein, wenn Sie an ‚PSB Schlanders‘ denken?“  Von den vielen Antworten zitierte Folie: „Fühle mich ernst genommen in allen meinen Bedürfnissen.“ Dazu zeichnete sie ein Bild der vielen strukturellen und inhaltlichen Veränderungen und Anpassungen in den letzten 40 Jahren nach und meinte: „Kurzum, PSB ist Ansprechpartner von gut 300 Frauen und Männern. 1.500 Kontakte gab es allein in diesem Jahr.“ Die erste Gratulation und die ersten Grußworte sprach Caritas-Bereichsleiter Guido Osthoff. Das ganze Land habe 1982 auf die Gründung und Entwicklung der Beratungsstelle, die eine Notstelle war, geschaut. Bürgermeister und Bezirkspräsident Dieter Pinggera erwähnte als Weiterentwicklung der Beratungsstelle deren Hinweise auf dem neuen Faltblatt. Dort lese man von „psychosozialer Beratung für neue Blickwinkel“ und „Veränderung sei möglich“. „Ihr wart und seid für die Sozialdienste der Bezirksgemeinschaft verlässliche und bewährte Kooperationspartner“, stellte Pinggera fest. Als Zeitzeuge und Mitbegründer erzählte Christian Folie vom Entstehen der Beratungsstelle und nannte die im Vinschgau 1980 urlaubende, deutsche Sozialarbeiterin Anne Wiegand einen „Glücksfall“. Sie habe festgestellt, dass es für Alkoholabhängige keine Anlaufstelle gab. Eine sichere Grundlage für die neue Einrichtung ergab erst die Konvention mit dem Land 1982, wofür sich damals besonders Landesrat Otto Saurer eingesetzt habe. 

„Lösungsmittel Alkohol“

Höhepunkt des Jubiläumsabends in Schlanders war dann das Referat von Martin Fronthaler, Leiter des Zentrums für stationäre Psychotherapie Bad Bachgart. Schon der Titel „Lösungsmittel Alkohol“ ließ aufhorchen. Es klang eine Portion Ironie mit, als er vom „Kulturgut“ und vom „Hausmittel Alkohol“ sprach. Die Aufmerksamkeit war Fronthaler gewiss durch seine bildhafte Sprache und die kreativ gestalteten Folien der Präsentation. 8 Verwendungszwecke des Alkohols listete er auf von Mückenspray über Wasserweichmacher bis Lausbekämpfungsmittel. Es machte nachdenklich durch die Liste der hauptsächlichen Funktionen von Stimmungsverbesserung bis Entspannung und wurde ernster beim Kapitel „Wirkung von Alkohol“ von anregend bis Rauschzustand. Der Satz „Alkohol verändert meine Beziehung zu mir“ dürfte viele beschäftigt haben. Sehr konkret wurden die „Harmlosigkeitsgrenze“ und die „Gefährdungsgrenze“ bei Mann und Frau aufgezeigt. Wie die Vorzeichen der Alkoholabhängigkeit wurden auch die Merkmale einer Abhängigkeit und die Suchtkriterien schonungslos angeführt. Fronthaler stellte die lästigen Fragen des „CAGE-Fragebogens“ und ließ die Zuhörer ausrechnen, wie viel Familienangehörige wohl betroffen seien, wenn 15.000 bis 25.000 Südtiroler alkoholabhängig sind. Er ging auf die begleitenden Beschwerden von Abhängigen ein, auf die psychischen Störungen bei Partnern und bezeichnete die Kinder als größte Risikogruppe für eine Suchtentwicklung. Was können Angehörige tun, fragte sich Fronthaler und machte aufmerksam, dass ohne Hilfe von Beratenden man oft ratlos sei. Sätze wie „Um das Lösungsmittel zu lösen, brauch ich eine Lösung“ hielten die Aufmerksamkeit im Kultursaal hoch. Am Ende beglückwünschte er der psychosozialen Beratung der Caritas und wünschte sie sich als Cocktail „alkoholfrei, modern, cool, nachhaltig, verfügbar, bekannt, mit top Zutaten aus Geschichte und Kultur, dass sich Poren öffnen und ein gutes Gefühl hinterlassen“. Sie – die Beratungsstelle - müsse Beziehungen fördern.

Josef Laner
Josef Laner

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