Im Bild (v.l.): Georg Altstätter (BM von Martell und Präsident des Nationalpark-Führungsausschusses), Samuel Marseiler (Gemeindereferent Stilfs), Rafael Alber (BM von Prad), Maria Herzl (SVP-Ortsobfrau Stilfs und Gemeindereferentin), Fabian Wunderer (SVP-Ortsobmann Sulden), Roman Zischg (SVP-Ortsobmann Gomagoi, Trafoi und Stilfser Brücke), Franz Heinisch (BM von Stilfs), LH Arno Kompatscher, Alois Lechner (SVP-Ortsobmann Prad und Gemeindereferent) sowie Albrecht Plangger (SVP-Bezirksobmann und Kammerabgeordneter).
Tabuthemen gab es beim Info- und Diskussionsabend in Sulden keine. Zur Feststellung von Maria Herzl, dass viele Leute aufgrund der sogenannten SAD-Affäre enttäuscht seien, meinte der Landeshauptmann: „Es gab einige, die Einfluss nehmen wollten, aber wir haben standgehalten.“ Jetzt gelte es, das Vertrauen wieder zurückzugewinnen, „mit Transparenz, Ehrlichkeit und Geschlossenheit.“
Die Radaufstiegsroute von Prad bis Stilfser Brücke soll im Frühjahr 2023 eröffnet werden, auf einen möglichst raschen Weiterbau bis Gomagoi (im Bild) hoffen alle.

Tabuloser Austausch unterm Ortler

Info- und Diskussionsabend mit LH Arno Kompatscher in Sulden

Publiziert in 12 / 2022 - Erschienen am 5. Juli 2022

Sulden - Einiges wurde erreicht, bei so manchen Vorhaben und Projekten aber gibt es Schwierigkeiten und nur ein langsames Weiterkommen, wie etwa bei der längst überfälligen Genehmigung des Nationalparkplans. Es waren viele Themen, die am 27. Juni bei einem tabulosen Informations- und Diskussionsabend mit Landeshauptmann Arno Kompatscher in der Turnhalle der Grundschule Sulden aufs Tapet gebracht wurden. Über spezifische Anliegen der Gemeinde Stilfs wurde ebenso offen diskutiert, wie über Probleme, die das ganze Land betreffen. Willkommen geheißen wurde Kompatscher vom Suldner SVP-Ortsobmann Fabian Wunderer im Namen der SVP-Ortsgruppen der Gemeinden Stilfs und Prad. Kompatscher informierte einleitend über die Nachhaltigkeitsstrategie des Landes und die großen Herausforderungen, denen sich die Politik, die Wirtschaft und die Gesellschaft insgesamt zu stellen haben, „um schrittweise dorthin zu kommen, wo wir sein wollen.“ Beim Nullpunkt anfangen müsse Südtirol zwar nicht, aber zu tun gebe es noch sehr viel. Spitzenreiter im negativen Sinn sei das Land etwa beim Verkehr: „In Südtirol verursacht der Verkehr 44 Prozent der Kohlendioxid-Emissionen.“ Noch großen Nachholbedarf gebe es zum Beispiel im Bereich der Radmobilität. Der Klimaplan wird derzeit von einer unabhängigen Expertenkommission überarbeitet. Der Klimaschutz ist aber nur ein Teil der Nachhaltigkeitsziele, die so gut wie alle Bereiche betreffen, die Wirtschaft ebenso, wie die soziale Gerechtigkeit, die Landwirtschaft, das Gesundheitswesen, den Tourismus, die Energie oder die Mobilität. „Wir Südtiroler sind nicht die ‚Bestigsten’, haben aber gute Chancen, vorne mitzuspielen“, fasste der Landeshauptmann zusammen. Jetzt gehe es darum, „voll loszulegen und die Nachhaltigkeit bei allem, was wir planen oder tun, mitzudenken.“

Tourismusbranche in Sorge

Breiten Raum nahm bei der Diskussion das Thema Tourismus ein, speziell das viel und kontrovers diskutierte Landesentwicklungskonzept für den Tourismus. Im landesweiten Vergleich seien im Vinschgau in den vergangenen 25 Jahren nur 340 Gästebetten dazugekommen, „was de facto einem Stillstand gleichkommt“, sagte ein Hotelier. Es gehe nicht an, alle Gebiete über einen Kamm zu scheren „und Kleinbetrieben und jungen Leuten die Perspektiven zu nehmen.“ Kompatscher holte weit aus, erinnerte an Fehlentwicklungen in der Vergangenheit, gab sich überzeugt, dass es an der Zeit sei, bestimmte Grenzen zu setzen und sicherte zu „dass niemand Angst davor zu haben braucht, dass es im Vinschgau in Zukunft keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr geben wird.“ Akuter und größer sei derzeit das Problem des Personalmangels, wie er auch in der Tourismusbranche grassiere. Zur Kritik, wonach die Passstraße auf das Stilfser Joch immer häufiger aufgrund von Radrennen ohne rechtzeitige Vorabinformation gesperrt werde, meinte Kompatscher, dass das eines der Anliegen sei, um die sich die neue Gesellschaft „Stilfser Joch GmbH“ kümmern werde. Zur Absicht des Landes, die derzeit geschlossene Schaubachhütte in Sulden zu verkaufen, sagte der Landeshauptmann, dass es sich nicht um eine Schutzhütte im eigentlichen Sinn handelt, sondern mehr um ein Berggasthaus, das auch gut erreichbar sei. Zum Thema der öffentlichen Unterstützung privater Schutzhütten kündigte Kompatscher an, dass hierfür ein auf 10 Jahre ausgelegtes Unterstützungsprogramm für Investitionen geplant sei.

„Ortler Ronda“ und mehr

Mehrfach gedrängt wurde bei der Diskussion auf den Bau der Hintergratbahn, mit der die „Ortler Ronda“ in Sulden vervollständigt werden soll. Man warte schon seit Jahren auf diese Bahn, nicht zuletzt auch im Sinne der Nachhaltigkeit, sprich der Verringerung des Verkehrs in Sulden. Die Pendelbahn soll von der Bergstation des 2er-Sessellifts Langenstein zum Hintergratkopf fahren. Von dort soll die neue Piste „Gran Zebrù“ zur Mittelstation der Seilbahnverbindung Sulden-Schaubachhütte führen. Ebenfalls mehrfach eingefordert wurde die Möglichkeit, dass die „Elektrizitätswerk Stilfs Genossenschaft“ ein weiteres Wasserkraftwerk errichten darf.

Dauerbrenner Nationalpark

Teils harsche Kritik mussten sich Kompatscher und die weiteren Gäste am Podium bezüglich der immer noch ausstehenden Genehmigung des Nationalparkplans anhören. „Nach 7 Jahren haben wir noch immer keinen genehmigten Parkplan und wir sind selbst alle nicht zufrieden. Wir waren zu langsam“, räumte der Landeshauptmann ein. Nun aber wage er zu behaupten, „dass wir gut aufgestellt sind, um endlich ans Ziel zu kommen.“ Es seien nur mehr einige wichtige Detailfragen zu klären. Ziel sei es, dass Südtirol, natürlich in Abstimmung mit der Lombardei und dem Trentino sowie dem Umweltministerium in Rom, sozusagen in Eigenregie weitermachen kann.

Von fehlenden Ärzten bis Wolf und Bär

Mit keinen guten Nachrichten wartete der Landeshauptmann in Sachen Personalmangel im Gesundheitswesen auf: „Während sich bei den Fachärzten in den nächsten Jahren eine Entspannung abzeichnet, ist die Situation beim Pflegepersonal in den Krankenhäusern und auch im Bereich der Allgemeinmedizin katastrophal.“ Zurzeit würden mindestens 400 Pflegekräfte fehlen: „Wir müssen Krankenhausbetten daher ungenutzt stehen lassen und werden sicher noch einige bittere Jahre erleben.“ Zum Thematik Großraubwild zeigte sich Kompatscher zwar überzeugt, „dass die Berglandwirtschaft mit den Wölfen keine Zukunft hat“, stellte aber klar, dass es hier nicht um eine Autonomie-Diskussion gehe und dass es unmöglich sei, „dieses Problem mit einem Landesgesetz zu lösen.“ Man habe es mit einer „schwierigen Geschichte“ zu tun, an der sich auch Staaten wie Deutschland und andere die Zähne ausbeißen: „Wir tun unser Bestes, kommen aber nur brutal langsam weiter.“ Angesprochen wurden auch das knappe bzw. fehlende Angebot von Mietwohnungen, das teils untragbare Verhalten seitens ortsfremder Busfahrer und etliche weitere konkrete Anliegen. Positive Rückmeldungen gab es u.a. für den Bau der Radaufstiegsroute von Prad bis Stilfser Brücke, verbunden mit der Bitte, die Route bis Gomagoi weiterzubauen. 

„Lebenswelt Bergdorf Stilfs“

Im Zusammenhang mit dem „Sechser im Lotto“, den das Dorf Stilfs mit den 20 Millionen Euro aus dem staatlichen PNRR-Topf gezogen hat, wurde angeregt, im Zuge von einem der 26 Teilprojekte, sprich „Lebenswelt Bergdorf Stilfs“, auch Sulden und Trafoi als noch „jungfräuliches“ Landwirtschaftsgebiet einzustufen und somit vor bestimmten Entwicklungen zu schützen.

Josef Laner
Josef Laner

Diese Seite verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Lesen Sie unsere Cookie-Richtlinien für weitere Informationen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden.