Manfred Zangerle: „Wir werden in Zukunft mit dem neuartigen Corona- Virus leben müssen, deshalb empfehle ich, so vorsichtig wie möglich mit der Gefahr einer Infektion umzugehen.“

Über 400 Seiten Krankengeschichte

Manfred Zangerle ist Südtirols längster Covid-19-Patient

Publiziert in 27 / 2020 - Erschienen am 6. August 2020

Eyrs - Mit einem Krankenhausaufenthalt von genau vier Monaten ist Manfred Zangerle der längste Covid-19-Patient im Südtiroler Sanitätsbetrieb. Wie seine Corona-Erkrankung verlief, welche Komplikationen das neuartige Virus auslösen kann und wie es ihm heute geht, hat der 73-jährige Eyrser Geschäftsmann der Bezirkszeitung
der Vinschger erzählt.

der Vinschger: Wann haben Sie sich zum ersten Mal unwohl gefühlt und gedacht, dass es Covid-19 sein könnte?

Manfred Zangerle: Am 9. März ging ich zu meinem Hausarzt, da ich in einer schlechten gesundheitlichen Verfassung mit Erkältung, Husten, Durchfall und Appetitlosigkeit war. Am 10. März verschlechterte sich mein Zustand und ich wurde mit einer schweren Lungenentzündung auf die Intensivstation nach Meran gebracht. Dort wurde ich intubiert und in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt.

Wie und wo wurde definitiv festgestellt, dass Sie infiziert sind?

Am 11. März, an meinem Geburtstag, kam das positive Testergebnis, das habe ich allerdings nicht mehr mitbekommen, da ich für zwei Monate im künstlichen Tiefschlaf gehalten wurde.

Wo glauben Sie, dass Sie sich angesteckt haben?

Vermutlich in Gröden, wo ich geschäftlich zu tun hatte.

Hatten Sie Angst, das Virus möglicherweise an Mitglieder Ihrer Familie, an Freunde und Bekannte übertragen zu haben?

Ja natürlich, obwohl ich ja nicht genau wusste, ob ich überhaupt am Corona-Virus erkrankt war.

Wie wurde mit Ihren Familienangehörigen und mit Menschen, zu denen Sie damals direkten Kontakt hatten, verfahren?

Meine Familie, die Mitarbeiter im Betrieb sowie einige Freunde, mit denen ich noch Tage zuvor in direktem Kontakt war, wurden von ihren Hausärzten bzw. dem Hygieneamt in Quarantäne geschickt.

Wo wurden Sie behandelt?

Ich war auf der Intensivstation im Krankenhaus Meran bis zum 29. Mai, dann bis zum 29. Juni in der Covid-19 Spezialabteilung und in der Abteilung für Pneumologie im Krankenhaus Bozen. Vom 29. Juni bis zu meiner Entlassung am 10. Juli war ich in der Rehaklinik Salus in Prissian.

Sie sind 73 Jahre alt und gehören somit zu einer der Risikogruppen. Haben außer dem Alter möglicherweise noch weitere Umstände den langen Genesungsprozess beeinflusst?

Ich hatte keine Vorerkrankungen und fühlte mich immer vital und gesund.

Gab es Momente, in denen Sie dachten, die Krankheit nicht besiegen zu können?

Im künstlichen Tiefschlaf hatte ich keinen Einfluss auf meine Genesung, obwohl die Ärzte immer beteuert haben, ich sei ein Kämpfer, der immer wieder aufsteht. Nach dem Aufwachen war ich sehr deprimiert, aber die Krankheit hatte ich da im Grunde genommen schon besiegt.

Woher nahmen Sie die Kraft, die Hoffnung nie aufzugeben?

Ich habe an mich und meine Widerstandskraft geglaubt, und natürlich waren meine Familie und die Anteilnahme vieler Freunde und Bekannte eine große Stütze während dieser Zeit.

Wie geht es Ihnen jetzt?

Es geht mir den Umständen entsprechend. Meine Lungenfunktion ist noch eingeschränkt; abgesehen vom enormen Gewichtsverlust habe ich noch Kreislaufprobleme und eine Herzschwäche. Die Organe insgesamt haben sich gut erholt.

Was sagen Sie jenen Menschen, die immer noch der Meinung sind, Covid-19 sei nur eine Grippe?

Wir werden in Zukunft mit dem neuartigen Corona- Virus leben müssen, deshalb empfehle ich, so vorsichtig wie möglich mit der Gefahr einer Infektion umzugehen. Die Erkrankung bei mir hatte schlimme Auswirkungen. Ich hatte eine eingeschränkte Lungen- und Leberfunktion, Lungenblutung und Lungenembolie, Nierenversagen, Gallenentzündung, Herz-Kreislaufprobleme, Herzstillstand und Blutvergiftung. Allein vom Krankenhausaufenthalt in Meran gibt es eine 400 Seiten umfassende Krankengeschichte.

Wie war die ärztliche Behandlung?

Die Ärzte in den Krankenhäusern Meran und Bozen haben im Rahmen ihrer medizinischen Kenntnisse das Bestmögliche versucht, mich zu heilen. Ich war eine große Herausforderung und ein wichtiges Studienobjekt für sie. Ich bin allen sehr dankbar für ihre Bemühungen und ihren unermüdlichen Einsatz um meine Genesung.

Glauben Sie, nun für immer gegen Covid-19 immun zu sein?

Nein, darüber gibt es noch keine eindeutigen Kenntnisse.

Insgesamt gesehen ist der Vinschgau von der Verbreitung des Virus weitgehend verschont geblieben. Worauf führen Sie das zurück?

Der Vinschgau ist nicht so intensiv touristisch entwickelt und fern von den Ballungszentren. Das kann in der Anfangsphase ein Vorteil gewesen sein und heute noch sein.

Was müssen wir alle tun, um die Ausbreitung weiterhin in Grenzen zu halten?

Die Hygienemaßnahmen sind auf alle Fälle wichtig; meine Zweifel habe ich an der restriktiven Einschränkung der persönlichen Freiheit der Menschen. 

Bei den Diskussionen rund um die Lockerungen hat man manchmal den Eindruck, dass die Politik vor den Interessen der Wirtschaft einknickt. Sehen Sie das auch so?

Wirtschaft sind wir alle, vom Unternehmer bis zum Mitarbeiter. Die Menschen müssen sich ihr tägliches Brot verdienen, sie haben Mieten, Versicherungen oder Darlehen zu bezahlen, ihre Familien zu ernähren usw. Woher soll dieses Geld irgendwann kommen, wenn nicht aus wirtschaftlicher Tätigkeit?

Was ist derzeit Ihr größter persönlicher Wunsch?

Gesund zu werden und die Auswirkungen dieser Krankheit zu überwinden.

Ingeborg Rainalter Rechenmacher
Ingeborg Rainalter Rechenmacher
Vinschger Sonderausgabe

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