Silvia Moser

Unsicherheit, Ängste und Überforderung

Telefonseelsorge bietet Hilfe. Silvia Moser: „Wir können alle etwas tun.“

Publiziert in 12/13 / 2020 - Erschienen am 7. April 2020

Vinschgau - Die Telefonseelsorge der Caritas und der Südtiroler Vinzenzgemeinschaft hat ihren Dienst am 26. März wieder ausgeweitet und ist seither unter der Telefonnummer 0471 052 052 täglich von 10 bis 22 Uhr erreichbar. Dies gilt auch an Sonn- und Feiertagen. „Gerade in dieser Zeit der sozialen Isolation ist es wichtig, dass die Menschen jemanden zum Reden haben“, sagt Silvia Moser, die Leiterin der Telefonseelsorge. Online kann die Telefonseelsorge jederzeit angeschrieben werden. Unter www.telefonseelsorge-online.bz.it stehen die Onlineberaterinnen und -berater zur Verfügung. Es genügt, sich mittels Benutzername und Passwort anzumelden. Die Erstantwort erfolgt so schnell wie möglich, allerspätestens innerhalb von 48 Stunden. 

der Vinschger: Die Telefonseelsorge hat ihren Dienst wieder ausgeweitet. Warum?

Silvia Moser: Ganz simpel: Weil wir die Menschen in dieser derzeitigen Ausnahmesituation nicht alleine lassen wollen! Deshalb können wir - nach einigen Abklärungen und internen Umstellungen - nun täglich von 10 bis 22 Uhr unter der Rufnummer 0471 052 052 erreichbar sein. Über www.telefonseelsorge-online.bz.it können sich zudem Ratsuchende, wie bisher auch schon, schriftlich an uns wenden. 

Mit welchen konkreten Fragen wenden sich die Menschen an die Beraterinnen und Berater?

Die Hauptthemen in diesen Tagen sind sicherlich Unsicherheit, Ängste und die Überforderung mit den derzeit sehr eingeschränkten Bewegungsfreiheiten. Gerade die Schwierigkeiten, die mit der eingeschränkten Bewegungsfreiheit einhergehen, scheinen jetzt nochmal zuzunehmen. Wir merken, dass diese nun auch jene, die sich bis jetzt noch einigermaßen arrangieren konnten, vor immer größere Herausforderungen stellen. Spannungen in den Familien, das Gefühl, von anderen abgeschnitten zu sein, die Erfahrung, dass bisherige Lösungsstrategien wie Auftanken in der Natur, Sport, direkte soziale Kontakte usw. nicht umsetzbar sind, aber auch aufkommende Existenzängste setzen vielen Menschen verständlicherweise sehr zu. Eine weitere Gruppe sind auch Menschen, die an einer psychischen Erkrankung leiden oder die mit ihren Suchtproblemen in dieser Situation auch irgendwie klar kommen müssen. Und dann wenden sich Menschen an uns, die sich sorgen um ihre Angehörigen im Krankenhaus oder die um Verstorbene trauern, die sie in ihrem Sterben nicht begleiten konnten. 

Welche Rolle spielt die Angst?

Sie ist derzeit eines der dominierenden Grundgefühle in den Gesprächsanliegen jener Menschen, die sich bei uns melden. Wir stellen aber auch fest, dass es hilft, dieser Angst Worte zu geben. So wird sie fassbarer und kann auch auf ihren Realitätsbezug überprüft werden. Das Reden darüber bringt in Distanz zur Angst, bringt unter Umständen aus Gefühlen von Ohnmacht und Ausgeliefertsein heraus und lässt Menschen wieder - im wahrsten Sinne des Wortes - durchatmen. 

Werden die Beratungsangebote derzeit vermehrt wahrgenommen?

Ja, auch die Anfragen, die über die Onlineberatung zu uns gelangen, haben zugenommen. Die Themen im Augenblick sind in etwa jene, die uns auch am Telefon begegnen. Allerdings scheint die Onlineberatung auch jetzt eine Möglichkeit zu sein für jene Menschen, die lieber schreiben als telefonieren.

Die Einschränkung der sozialen Kontakte hat dazu geführt, dass Menschen nur noch aus einer bestimmten Distanz miteinander reden können. Vor allem ältere Menschen, die alleine leben und keinen Zugang zur digitalen Kommunikation haben, vermissen das persönliche Gespräch, auch wenn es nur ein paar Worte im Geschäft oder auf der Straße sind. Was sollen wir selbst tun? Sollen wir den Nachbarn vom Balkon oder vom Fenster aus zurufen?

Oder zumindest zuwinken… Warum nicht? Warum nicht kreativ werden und ganz neue Wege zu den anderen Menschen finden? Das ist ja auch etwas, das in diesen Tagen auf erstaunliche und teilweise sehr berührende Weise bereits geschieht! Außerdem hat so ziemlich jeder zumindest ein Telefon und kann auf diese Weise mit anderen in Kontakt kommen. Das ersetzt zwar die direkte Begegnung nur teilweise, aber als Überbrückung - mit der Aussicht, dass es auch ein „Nach-Corona“ geben wird - kann es eine große Hilfe sein.

Einfach so jemanden anrufen … wirkt das nicht aufdringlich oder neugierig?

„Neugierde“, wenn sie echtes Interesse und Anteilnahme am Befinden des anderen Menschen ist, ist nicht falsch, sondern in diesen Zeiten eine große Hilfe für jeden und noch mehr für Menschen, die alleine leben. Einfach fragen, wie es geht und dann - und das ist wichtig - zuhören. Zuhören in einer Haltung von Wertschätzung und Einfühlsamkeit, ohne schnell „mit dem Eigenen zu kommen“, tut gut. In dieser ehrlich zugewandten Haltung kann man eigentlich nicht viel falsch machen. Und umgekehrt gilt es auch: Man darf sich ruhig gestatten, Hilfe zu holen in Form eines Telefonats bei jemandem. Oder einfach so mal wieder seine Nichte, seinen Enkel oder die Nachbarin anzurufen.

Was können bzw. sollen wir aus dieser für uns alle neuen Krise lernen?

Ich persönlich glaube und stelle das auch jetzt schon fest, dass diese Wochen das Potenzial haben, unsere „Lebensprioritäten“ neu zu gewichten. Dass Werte wie Menschlichkeit, Achtsamkeit, Verbundenheit und Bürgerengagement wieder wichtig werden und dass wir vielleicht auch ein wenig von unserem Größenwahn, die ganze Welt im Griff zu haben - und am liebsten den Himmel auch noch - geheilt werden. Meine Hoffnung ist, dass die Nach-Corona-Zeit uns zu einer neuen, ruhigen und durchaus mündig-gelassenen Bescheidenheit führt und in eine - aus meiner Sicht zumindest uns sehr „entstressende“ - Erfahrung, dass wir auch noch auf Größeres, Weiteres und wohl auch „Weiseres“ als wir verwiesen sind.

Josef Laner
Josef Laner

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