Der Klimawandel und der drohende Verlust der Artenvielfalt gehören zu den derzeit größten Herausforderungen der Menschheit. Im Bild eine besonders artenreiche, extensiv bewirtschaftete Bergwiese in Matsch.

Verlust der Artenvielfalt

Online-Meeting mit Forschern und Experten 

Publiziert in 19 / 2021 - Erschienen am 27. Mai 2021

Vinschgau - Neben dem Klimawandel stellt der weltweite dramatische Verlust der Artenvielfalt die größte Herausforderung dar, deren Bewältigung die Zusammenarbeit aller gesellschaftlichen Gruppierungen und Kräfte in Anspruch nehmen wird. Aufdecken, Informieren und Bewusstmachen waren die Ziele des Online-Meetings, das die Umweltschutzgruppe Vinschgau am 14. Mai mit der Unterstützung der Vereinigung der Südtiroler Biologen zum Thema „Biodiversitätsverlust und Pestizide“ organisiert hat. Eingeladen war ein Forscherteam aus den Niederlanden, Margriet Mantingh und Jelmer Buijs, sowie Johann Zaller, Professor für Ökologie an der Universität für Bodenkultur Wien. Alle drei beschäftigen sich seit Jahren unabhängig von Lobbys und Politik mit dem Thema und stellten ihre Erkenntnisse auf eindrückliche Weise dar.

Wer viel sucht, findet viel

Die Untersuchungen von Mantingh und Buijs zeichnen sich dadurch aus, dass nach einer hohen Anzahl von Wirkstoffen (600 bis 800) mit hoher Messgenauigkeit gesucht wird. Wer viel sucht und genau misst, findet viel. Viel gefunden haben sie tatsächlich in den Proben, die sie in Gelderland und Drehnte (NL) sowie in Nordrhein-Westfalen und Rheinland Pfalz (D) in Viehbetrieben, Naturschutzgebieten und bei Privaten gezogen haben. In 24 Viehbetrieben in den NL wurden 134 verschiedene Substanzen gefunden, in konventionellen Betrieben wesentlich mehr als in Biobetrieben. Deren Auswirkungen auf Mistkäfer und Vögel wurden untersucht und festgestellt: Je mehr Pestizide im Kraftfutter, desto weniger Mistkäfer in Kuhfladen und äußerst geringes Vorkommen von Vögeln auf konventionellen Betrieben. Bodenanalysen in den NL ergaben einen 20 Mal höheren Pestizidgehalt und das 8-Fache an Substanzen im konventionellen Anbau als im Bioanbau. Als „Pestizidquellen“ konnten Stroh, Kraftfutter, verseuchtes Wasser, Klärschlamm, Arzneimittel, Altlasten und Verwehungen aus anderen Betrieben und Regionen ausgemacht werden. Betont wurde, dass die Zulassungsverfahren von Pestiziden nur die menschliche Gesundheit berücksichtigen, nicht das Ökosystem. Die Zulassungsbehörde EFSA habe dies anerkannt, aber noch nicht darauf reagiert. Für Überraschung sorgten die Erkenntnisse, wonach sogar in Naturschutzgebieten in den Niederlanden und in Deutschland eine Vielzahl an Pestiziden gefunden wurde. Die Entfernung zu Agrarflächen - 30 m oder 4 km Entfernung - machte dabei weder bei der Anzahl noch bei der Menge einen signifikanten Unterschied.

Privatproben 

Bei Privatproben (NL) wie Gemüse, Haare, Kot, Wasser usw. wurden 100 verschiedene Pestizide gefunden, von denen mehr als die Hälfte krebserregend und/oder Hormon schädigend oder Nervengifte sind. Sichere Grenzwerte gebe es laut Buijs nicht. Johann Zaller konzentrierte sich auf den Einfluss von Pestiziden auf die Bodenorganismen. 25% aller Arten auf der Erde leben im Boden, das sind pro Hektar das Gewicht von 20 Kühen. Er strich eingangs die gewaltige Ökosystemleistung des Bodens hervor. Die Bodenschicht, von der wir leben, ist sehr dünn. Es sei haarsträubend, „was wir mit der begrenzten Ressource Boden anstellen.“ Die Bodenorganismen seien durch eine Vielzahl von Faktoren gestresst, Pestizide seien einer davon. Johann Zaller versäumte es in seinen Ausführungen nicht, den Bezug zu Südtirol herzustellen. In Südtirol werde im Vergleich mit Österreich und anderen Regionen Italiens eine riesige Menge an Pestiziden (Wirkstoffe und Beistoffe) ausgebracht.

Die Situation in Südtirol

Mit seinen Experimenten konnte Zaller belegen, dass Pestizide sowohl die für Pflanzen äußerst wichtige Aktivität der Regenwürmer als auch deren Fortpflanzung stark beeinträchtigen. Zaller stellte auch aktuelle Studien anderer Wissenschaftler vor, die den negativen Einfluss von Pestiziden auf Bodenorganismen untermauern. Für Südtirol liegt die Studie von T. Peham (Uni Innsbruck, 2021) vor. Diese zeige auf, dass dort, wo im Apfel- und Weinanbau chemisch-synthetische Pestizide eingesetzt wurden, signifikant weniger Bodenorganismen vorhanden waren. Durch die Überproduktion im Apfelanbau (das 122-Fache von dem, was Südtiroler essen können) werde das Ökosystem in Südtirol übermäßig belastet. In einer aktuellen Zusammenfassung von 394 Studien weltweit, die 275 Arten von Bodenorganismen und 284 Pestizide umfassen, bestätigen 71% der Studien einen negativen Einfluss von Pestiziden auf Bodenorganismen. Die Umweltschutzgruppe ruft die Politik in Südtirol auf, „diese Forschungsergebnisse bei ihrem Vorhaben, Südtirol zum Land der Artenvielfalt zu machen, zu berücksichtigen.“ Die Vorträge der Referenten und Links zu verschiedenen Studien sind im Internet abrufbar (www.umweltvinschgau.wpcomstaging.com).

Redaktion
Vinschger Sonderausgabe

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