Südtiroler Schützen in Edinburgh (v.l.): Lukas Varesco (Montan), Andreas Maier (Margreid), Peter Kaserer (Schlanders), Gerald Leiter (Gais) und Elmar Thaler (Kalditsch).

„Von den Schotten können wir lernen!“

Publiziert in 34 / 2014 - Erschienen am 1. Oktober 2014
Peter Kaserer: „Das Unabhängigkeits-Referendum ist auf jeden Fall ein Erfolg.“ Auch in Südtirol sollte ein „ähnlicher Prozess“ in Gang kommen. Er verfolgt Tag für Tag, was BBC Scotland berichtet, wie sich die englische Regierung verhält und wo und wie auf das Unabhängigkeits-Referendum europaweit ­reagiert wird. Auch jetzt noch steckt der Bezirksmajor der Vinschger Schützen, Peter Kaserer aus ­Schlanders, voll im „Schottlandfieber“. Er hat das Referendum zusammen mit Schützenkameraden hautnah in der schottischen Hauptstadt Edinburgh miterlebt. In Schottland sei ein Prozess angestoßen worden, „der nicht aufzuhalten ist.“ der Vinschger: Was sind die ­stärksten Eindrücke, die Sie mit nach Hause genommen haben? Peter Kaserer: Die Leute in Schottland sind sehr aufgeschlossen und entgegenkommend. Es dauerte keine 5 Minuten und schon kamen Schotten auf uns zu und sprachen uns an. Auf der Straße ebenso wie in öffentlichen Lokalen. Sie wollten wissen, woher wir kamen und ob wir für das „Yes“, also die Unabhängigkeit einstünden oder für das „No“, für den Verbleib bei Großbritannien. Es gab nur dieses einzige, alles beherrschende Thema. Haben Sie Ausschreitungen oder unliebsame Ausfälle miterlebt? Nein, überhaupt nicht. Es war für uns alle beeindruckend, wie die Anhänger der beiden Lager mit­einander diskutierten. Es wurde vor allem argumentiert. Nicht Emotionen standen im Vordergrund, sondern Sachthemen. Was passiert mit den Ölreserven? Wie geht es wirtschaftlich weiter? Nimmt uns die EU nach der Unabhängigkeit als Mitglied auf? Im Vorfeld des Referendums hat die schottische Regierung übrigens ein 670 Seiten starkes „White paper“ mit dem Titel: „Scotland`s future“ herausgebracht, einen Ratgeber, in dem beschrieben wird wie das Leben in einem unabhängigen Schottland weiter gehen würde. Darin wurde auch auf die Ängste und Unsicherheiten der Bürger eingegangen und diese entkräftet. Auch das ist ein Beweis dafür, wie ernsthaft mit dem Thema umgegangen wurde und wird. Waren im Vorfeld nicht harte Fronten zwischen beiden Lagern entstanden? Die Diskussionen waren hart, aber fair. Positiv überrascht waren wir alle von der Toleranz, dem gegenseitigen Respekt und der Diskussionskultur insgesamt. Wir haben zum Beispiel gesehen, wie „Yes“-Anhänger im Schottenrock stundenlang mit Unabhängigkeitsgegnern diskutierten, sich am Ende aber doch die Hand gaben. Das ist wahre Demokratie. Außerdem haben wir niemanden getroffen, der gesagt hätte, das Referendum interessiere ihn nicht, das Thema hat keinen kalt gelassen und jeder hat sich Gedanken über die Zukunft seines Landes gemacht. Haben Sie etwas aus Schottland mitgenommen, was ihr Wirken als Bezirksmajor der Vinschger Schützen verändern wird? Es ist jetzt zunächst mein Wunsch, die Erfahrungen und Erkenntnisse, zu denen ich während des Aufenthalts in Schottland gekommen bin, mit möglichst vielen zu teilen. Ich kann mir gut vorstellen dazu z.B. Informationsveranstaltungen im Vinschgau zu organisieren. Wo sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen Südtirol und Schottland? Die beiden Länder lassen sich in vielen Punkten schwer vergleichen. Was in Schottland fehlt, ist zum Beispiel der ethnische Aspekt, wie wir ihn in Südtirol haben. Bezeichnend ist, dass viele Unabhängigkeitsbefürworter eher aus dem grünen und liberalen Lager stammen und die konservativen Kreise eher zur Union mit England stehen. Eine bestimmte Ähnlichkeit besteht darin, dass die Regierungspartei in Schottland über eine ähnlich große Mehrheit verfügt wie die SVP in Südtirol. Alex Salmond, der Erste Minister von Schottland und Anführer der Unabhängigkeitsbestrebungen Schottlands, der mittlerweile zurückgetreten ist, wird in Schottland als sehr volksnaher Politiker geschätzt. Er erfuhr während seiner Amtszeit mindestens soviel Zuspruch wie der ehemalige Landeshauptmann Luis Durnwalder in seinen besten Zeiten. Was trennt Südtirol von Schottland? Die Schotten treten einander mit offenem Visier gegenüber. Was sie eint, ist das Wohl Schottlands und nicht der Partei. Das Südtirol-Paket trat 1972 in Kraft, in Schottland hat die sogenannte Devolution, sprich die Verlagerung politischer Kompetenzen von der Zentrale in London in Richtung Schottland, erst vor 17 Jahren begonnen und jetzt haben die Schotten bereits ihre erstes Unabhängigkeitsreferendum hinter sich gebracht. Es haben aber 2.001.926 Wahlberechtigte (55,3%) gegen die Unabhängigkeit gestimmt und „nur“ 1.852.828 (44,7%) dafür. Ja, das heißt aber noch lange nicht, dass die Unabhängigkeit jetzt für lange Zeit oder gar für immer verloren ist. Im Gegenteil, die Schotten haben sich nichts verwirkt, sie sind jetzt sozusagen für eine etwaige weitere Abstimmung „trainiert“. Nicht umsonst hat der britische Premierminister David Cameron sofort nach der Abstimmung Zugeständnisse an Schottland gemacht. Schottland wird genau beobachten, ob diese Zugeständnisse auch umgesetzt werden. Bereits am Tag nach dem Referendum war in Edinburgh zu spüren, dass sich viele mit dem Gedanken tragen, weiterhin für das „Yes“ zu kämpfen. Was die Befürworter in erster Linie wollen, ist ein gut funktionierender Sozial- und Wohlfahrtsstaat unter dem Dach Europa. Viele Schotten sind übrigens, im Gegensatz zu den Engländern, sehr europafreundlich eingestellt. Schottland scheint jetzt aber intern gespalten zu sein. Von einer Spaltung kann man nur insofern sprechen, als dass es unterschiedliche Meinungen gibt. Die gab es vorher und auch jetzt noch. Wichtig ist - und auch das dürfte ich in Schottland erleben -, dass man gegenteilige Ansichten und Meinungen respektiert, einander aber dennoch die Hände reicht. Schottland hat vorgemacht, wie Demokratie funktionieren kann und soll. Über die Abstimmung in Schottland wurde weltweit berichtet. Von Unabhängigkeitsbestrebungen in Südtirol hingegen erfährt man relativ wenig. Das ist nur zum Teil wahr, wer die internationalen Medien etwas genauer verfolgt, dem fällt auf, dass Südtirol immer öfter im gleichen Atemzug mit Katalonien, Flandern und anderen Gebieten genannt wird, die nach Unabhängigkeit streben. Die Zentralregierung in London hat den Schotten die freie Wahl gelassen. Kann man dasselbe nicht auch von Rom für Südtirol erwarten? Italien tendiert spätestens seit der Regierung Monti immer mehr hin zu einem zentralistisch ausgerichteten Nationalstaat. Ich bin überzeugt, dass Nationalstaaten in Europa keine Zukunft haben werden. Die Völker bzw. bestimmte Regionen wollen möglichst eigenständig handeln und ihre Zukunft selbstbewusst und in Selbstverantwortung gestalten können. Die SVP in Südtirol tut so, als wäre eine Art Eigenstaatlichkeit fern jeder Realität. Das sehe ich völlig anders. Das Volk wird nicht für immer bereit sein, sich mit kleinen autonomistischen Teilerfolgen zufrieden zu geben. In Schottland haben wir gesehen, welche Kraft das Volk als Ganzes hat. Die Parteien tun gut daran, sich nach dem Volk zu richten und ihre eigenen Bedürfnisse hintan zu stellen. Was ist Ihr persönlicher Traum für Südtirol? Dass es uns Südtirolern, egal aus welcher Sprachgruppe wir kommen, gemeinsam und aus eigner Kraft gelingt, die Unabhängigkeit zu erreichen. Dass es uns gelingt, ein wirklich lebenswertes Land zu schaffen, in dem wir selbst entscheiden und auch die Verantwortung dafür tragen. Basisdemokratisch und unabhängig von allen Nationalstaaten, die nicht auf das Volk und die Zukunft schauen, sondern ein Überbleibsel vergangener Tage sein werden.
Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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